TV-Ente in Belgien Sender meldet Abspaltung Flanderns

Die Redakteure des öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders RTBF in Belgien erlaubten sich einen Scherz: Sie vermeldeten zur besten Sendezeit die Teilung des Landes. Doch viele Zuschauer verstanden die Parodie nicht: Zu sehr gehört der Sprachenstreit zum Alltag des Landes.


Brüssel - Am Ende schaltete sich sogar der Premierminister ein. "Unverantwortlich" sei der TV-Beitrag des belgischen Senders RTBF gewesen, beklagte Guy Verhofstadt. Da waren die meisten Beschimpfungen schon auf die Fernsehmacher herabgeprasselt. "Man spielt nicht mit unseren Institutionen", belehrte Verteidigungsminister André Flahaut die Fernsehmacher. Der flämische Ministerpräsident Yves Leterme empfand die Sondersendung einfach nur als "sehr schlechten Witz".

 Missverständnis: Demonstrationen nach TV-Scherz
DPA

Missverständnis: Demonstrationen nach TV-Scherz

Was war passiert? Am Mittwochabend um 20.20 Uhr hatte der französischsprachige Sender RTBF 1 sein Programm für eine Sondersendung unterbrochen. Nachrichtensprecher François De Brigode vermeldete, das flämische Regionalparlament habe so eben die Abspaltung Flanderns von Belgien beschlossen. Auf dem Bildschirm jubelten Menschen mit der flämischen Flagge. Darunter die Zeile: "Dies ist vielleicht keine Fiktion".

Die Zuschauer erreichten im Laufe des Abends immer weitere Details der angeblichen Teilung des Bundesstaats: Am Brüsseler Flughafen herrscht Chaos, König Albert II verlässt das Land, an der Sprachgrenze stecken Züge fest, Politiker bekunden ihr Bedauern über den zerfallenden Staat. Erst eine halbe Stunde später folgte die Auflösung: Die Meldung war frei erfunden.

Einige Menschen erreichte die Klarstellung gar nicht mehr: Sie waren schon auf die Straße gegangen, um in Brüssel für die Einheit Belgiens zu protestieren. Mit der Falschinterpretation waren sie nicht allein: Wie die Tageszeitung "De Morgen" berichtet, betrachteten 89 Prozent der Zuschauer die Meldung als wahr.

Nun müssen sich die TV-Journalisten der landesweiten Entrüstung stellen: "Die riesige Aufregung ist mehr als eine Überraschung", schreibt der Fernsehsender auf seiner Homepage. Die belgische Zeitung "Le Soir" berichtet, der Coup sei seit zwei Jahren geplant gewesen. Es seien nur wenige Journalisten eingeweiht gewesen. Die Motive der Scherzbolde sind noch unklar. "Die Diskussion hat sich bisher auf akademische und politische Kreise beschränkt. Wir möchten eine öffentliche Debatte", erklärte RTBF-Nachrichtenchef Yves Thiran.

Vorbild für den Sender war das Hörspiel "War of the Worlds" von US-Regisseur Orson Welles, eine fiktive Reportage über die Eroberung der Erde durch Marsmenschen. Die Ausstrahlung am Halloween-Abend 1938 soll in Teilen der USA eine Massenpanik ausgelöst haben.

Bei Umfragen im flämischen Norden Belgiens zeigen sich immer wieder Mehrheiten für eine Abspaltung vom französischsprachigen Teil des Landes. Durch Belgien verläuft eine sprachliche und wirtschaftliche Grenze. Der Norden gilt als Konjunkturmotor des Landes. Separatistische Parteien werfen dem französischen Wallonien Verschwendung und Misswirtschaft vor.

anb/dpa/AP



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.