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TV-News im Nahen Osten: Kühle Bilder aus der Kampfzone

Von , Dubai

So zerstritten Arabiens Regierungen sind, so unterschiedlich sehen die beiden großen Nachrichtensender der Region die Dinge. Al-Dschasira ergreift Partei, al-Arabija fährt einen neutralen Kurs - die Verantwortung trägt bei beiden Sendern ein palästinensischer Chefredakteur.

Gleich am Eingang, im alten Newsroom von al-Dschasira, hat Schujaat Ali, 34, seinen Schreibtisch. Der junge Pakistaner ist Karikaturist und Designer beim arabischen Nachrichtensender, und irgendwie fanden seine Chefs, Schujaat kurz bei der Arbeit zuzusehen, das sei der beste erste Eindruck für Besucher.

Auch in die andere Richtung schauen: Dschasira-Selbstbild
Al Jazeera

Auch in die andere Richtung schauen: Dschasira-Selbstbild

Seit Neujahr hängt ein Comic auf seiner Staffelei, der in sechs schlichten Bildern zeigt, was al-Dschasira von sich selbst und seinen Konkurrenten hält. Bild eins bis drei: Kameraleute, einer unschwer als BBC-, ein anderer als Arabija-Mann auszumachen, die alle in die gleiche Richtung filmen. Bild vier: ein israelischer Panzer, dessen Geschützrohr in genau dieselbe Richtung zeigt. Bild fünf: zwei Dschasira-Journalisten, von denen einer mit der Horde filmt, der andere aber in genau die andere Richtung, die Horde selbst im Bild. Zum Schluss das Logo des Senders und sein Motto: "Die eine und die andere Meinung".

Krisenzeiten sind im Nahen Osten Dschasira-Zeiten, und noch nie, selbst nach dem 11. September 2001 nicht, war der Sender aus Katar politisch so einflussreich wie in dieser Krise: Israel verweigert ausländischen Journalisten den Zutritt nach Gaza und unterbindet damit eine nicht-arabische Berichterstattung aus dem Krisengebiet; Regierungen wie die Ägyptens, Jordaniens und Saudi-Arabiens mögen Hamas mindestens ebenso wenig wie die Israelis und betreiben Diplomatie, anstatt die Wut ihrer Völker aufzufangen. Die Meinungshoheit in Arabien liegt mehr denn je bei al-Dschasira, das seit dem 27. Dezember ununterbrochen aus Gaza berichtet, wo 70 Korrespondenten, Kameraleute, Producer und Stringer arbeiten und die Nachrichtenagenda setzen.

"Rüber mit der Kamera!"

"Junge, rüber, rüber, rüber mit der Kamera!" stöhnt Dschasira-Chefredakteur Ahmed Scheich, 59, als er am Morgen ins Studio kommt und einen ersten Blick auf die Live-Bilder wirft: Gerade noch hatte die Kamera den einen Bombeneinschlag im Fokus, da geht links davon die nächste Rauchsäule hoch. Scheich kann es nicht erwarten, dass sein Mann in Gaza endlich hinüberschwenkt.

Hat al-Dschasira Abstand, ist der Sender nicht absolut parteiisch in diesem Konflikt? Ach ja, seufzt Scheich, der alte Vorwurf. "Im Irak hat man uns erst beschuldigt, für Saddam zu sein – und dann für seinen Todfeind Muktada al-Sadr. Im Libanon hieß es, wir seien für die schiitische Hisbollah, jetzt heißt es, wir seien für die sunnitische Hamas." Das alles sei nur Politik und interessiere ihn erst an zweiter, dritter, vierter Stelle. "An erster Stelle geht es darum, einen Krieg zu stoppen."

Er zappt kurz durch die Sender, auf BBC World läuft eine Analyse, auf CNN der Wetterbericht, auf Sky-News eine Schalte von der Uno. "Ich bin alt genug, um mich an den Vietnamkrieg zu erinnern", sagt der Dschasira-Chef. "Damals haben US-Journalisten wie Dan Rather das getan, was wir hier heute tun: Sie haben nach Bildern gesucht, die stark genug sind, das Blutvergießen zu Ende zu bringen."

Auch Israelis reden gerne mit al-Dschasira

Parteiisch oder nicht – Israels Politiker reden gern mit al-Dschasira. Seit Beginn der Gaza-Krise haben Außenministerin Zipi Livni, Präsident Schimon Peres und selbst der Hardliner Benjamin Netanjahu dem Sender Interviews gegeben – immer öfter, behauptet Scheich, kämen die Anfragen inzwischen von den Israelis selbst. Dann gebe es die üblichen Diskussionen im Sender: Was soll das, warum reden wir mit denen? "Das aber entscheide ich, genau so, wie ich die Frauen aus dem israelischen Altersheim gezeigt habe, die orientierungslos vor den Raketen flüchteten. Opfer sind Opfer. Nur sind es auf der einen Seite viel mehr als auf der anderen."

Gute Kritiken, selbst aus Israel, bekommt zur Zeit "al-Dschasira International", das englischsprachige Programm des Senders, das mit der Gaza-Krise aus dem Schatten des arabischen Kanals tritt. Mit bemerkenswerter Kühle berichtet Aiman Mohyeldin, ein ehemaliger CNN-Producer ägyptisch-amerikanischer Herkunft, aus Gaza. Wo der Sender in der Sache steht, ist trotzdem deutlich: Als Israels Außenministerin Zipi Livni befand, die humanitäre Lage in Gaza sei "genau so, wie sie sein sollte", machte al-Dschasira International daraus einen Clip, den es den ganzen Tag lang wiederholte: Livnis Zitat, kommentarlos unterlegt mit Bildern aus der Kampfzone.

Nahost-Konflikt
Die Gebiete
Im Grunde dreht sich der Konflikt um das Existenzrecht Israels und die Forderung nach einem eigenen Palästinenserstaat . Es gibt inzwischen palästinensische Autonomiegebiete - den Gaza-Streifen und das Westjordanland . Die Grüne Linie trennt die Gebiete von Israel. Um die israelischen Siedlungen in den umstrittenen Gebieten gibt es immer wieder Streit.
Die Gegner
Dem Staat Israel stehen einzelne Gruppierungen und Institutionen gegenüber: im Gaza-Streifen und Westjordanland die Palästinensische Autonomiebehörde | Hamas | Kassam-Brigaden | Volkswiderstandskomitee (PRC) | PLO | Fatah | Al-Aksa-Brigaden | Islamischer Dschihad | im Libanon die Hisbollah
Geschichte

Ungern spricht Ahmed Scheich über al-Dschasiras größten Konkurrenten, den Nachrichtensender al-Arabija in Dubai. Al-Dschasira wird von der Regierung von Katar finanziert, Al-Arabija von privaten Investoren aus Saudi-Arabien, einem ultrareligiösen Staat, der, Ironie des Nahen Ostens, nicht auf Seiten der ultrareligiösen Hamas steht. Als "al-Ibriya", den Sender der Hebräer, schmähen ihn deshalb seine Gegner: Al-Arabija sei zu weich, traue sich aus Rücksicht auf die amerikanische Schutzmacht der Saudis die Dinge nicht beim Namen zu nennen. Scheich belässt es bei dem Hinweis, dass aus dem reichen Saudi-Arabien so gut wie niemand mehr Werbeminuten bei al-Dschasira kaufe.

"Es herrscht eine tiefe Abneigung zwischen al-Dschasira und al-Arabija", sagt der Medienexperte Lawrence Pintak von der American University Cairo. "Die beiden Sender haben ein sehr unterschiedliches Verständnis von Journalismus - und das beeinflusst ihre Berichterstattung mindestens ebenso wie ihre jeweiligen Geldgeber."

Al-Arabija ist stolz darauf, keine Agenda zu haben

Beide sind Palästinenser, doch die Welt von Nabil Chatib, 54, dem Chefredakteur von al-Arabija, ist komplizierter als die seines Kollegen bei al-Dschasira. Auch er hat, als die Krise begann, sein gläsernes Büro geräumt und sitzt unten bei seinen Leuten im Newsroom. Alle paar Minuten schrillt eine Eilmeldung aus den Computern, auch Chatib schickt die Redakteure durch die Gegend, doch dazwischen nimmt er sich mitunter einen Cappuccino und ein paar Minuten zur Reflexion.

"Dieser Konflikt hat mehr Widersprüche als andere, die wir hatten", sagt er, deshalb sei auch mehr Differenzierung geboten. Die arabische Seite sei zerstritten, und al-Dschasira, indem es in vielen Einzelheiten nur einer Seite das Wort gebe, agitiere in diesem Streit. "Wenn der Hisbollah-Chef Nasrallah die Ägypter zum Sturz ihrer Regierung aufruft, dann zeigen wir das – aber wir zeigen dann auch einen Ägypter, der dagegen Stellung bezieht." Das sei der Unterschied zwischen al-Dschasira und al-Arabija: "Sie sind stolz darauf, dass sie eine Agenda haben, wir sind stolz, dass wir keine haben."

Der Ton ist etwas sanfter, das Studiolicht milder bei al-Arabija in Dubai als bei al-Dschasira in Doha. In einem Punkt sind die beiden Chefs sich aber einig – sie halten nicht viel von der Berichterstattung der westlichen Medien. "Mumbai", sagt Chatib mit verhaltenem Zynismus, "war tagelang breaking news, Gaza ist das schon lange nicht mehr."

Scheich, und darin liegt vielleicht der Unterschied von al-Arabija zu al-Dschasira, stieß sich an einem anderen Detail: "In Gaza sterben Frauen und Kinder – und CNN macht eine Story daraus, dass im Weißen Haus die Katze der Bush-Familie eingegangen ist."

Die Uno-Resolution zum Gaza-Krieg
(Klicken Sie auf die Überschriften, um mehr zu erfahren)
Waffenruhe
Der Uno-Sicherheitsrat "betont die Dringlichkeit und ruft zu einem sofortigen, dauerhaften und vollständig eingehaltenen Waffenstillstand auf, der zu einem vollständigen Rückzug israelischer Kräfte aus dem Gaza-Streifen führen soll". Das Gremium "verurteilt jegliche Gewalt und Feindseligkeit gegen Zivilisten sowie jede Art von Terrorismus". Diese Textstelle bezieht sich auf die Raketenangriffe der radikal-islamischen Hamas auf israelisches Staatsgebiet, die aber nicht ausdrücklich erwähnt werden.
Humanitäre Hilfe
Der Sicherheitsrat fordert "eine ungehinderte Lieferung und Verteilung von humanitärer Hilfe im ganzen Gaza-Streifen". Nötig seien "Lebensmittel, Kraftstoff und Medikamente". Das Gremium "begrüßt Initiativen zur Einrichtung und Öffnung von humanitären Korridoren sowie andere Mechanismen zur nachhaltigen Versorgung mit humanitärer Hilfe". Zudem ruft es "die Mitgliedstaaten auf, internationale Bemühungen zur Linderung der humanitären und wirtschaftlichen Lage im Gazastreifen zu unterstützen".
Friedensprozess
Der Sicherheitsrat "begrüßt die ägyptische Initiative sowie andere regionale und internationale Bemühungen". Er "fordert verstärkte internationale Bemühungen um Vereinbarungen und Garantien für eine dauerhafte Ruhe im Gaza-Streifen". Dazu zähle auch "eine Unterbindung des unerlaubten Schmuggels von Waffen und Munition sowie die Wiedereröffnung von Grenzübergängen".
Versöhnung der Palästinenser
Zugleich "ermutigte" das Gremium "greifbare Maßnahmen, die zu einer Versöhnung der Palästinenser führen". Darüber hinaus forderte der Sicherheitsrat "neue und dringende Bemühungen der Konfliktparteien und der internationalen Gemeinschaft um einen umfassenden Frieden, der auf der Vision von einer Region basiert, in der zwei demokratische Staaten, Israel und Palästina, Seite an Seite friedlich und mit sicheren sowie anerkannten Grenzen leben".

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