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TV-Schlacht der Demokraten: Clintons letzte Offensive gegen die Obama-Mania

Von , Washington

Sie charmiert, sie argumentiert, sie kämpft. Und bewegt ihr Publikum. In der zentralen Fernsehdebatte in Texas warf Hillary Clinton Barack Obama vieles vor: Reden abzukupfern, ein Politiker für Worte statt Taten zu sein, ungeeignet fürs Weiße Haus - aber kann sie so den Trend noch drehen?

Washington - Hillary Clinton gegen Barack Obama - es ist ein Drama, und CNN verkauft es auch so. Stunden vor der entscheidenden Fernsehdebatte der beiden in Texas beginnt der Countdown. In einer Art Identitätsdrama befasst sich eine Reporterin mit Clinton, der Frau, die jetzt wirklich kämpfen muss - Arbeitstitel: Eine Frau sucht ihre Rolle. Welche Clinton werden wir heute Abend sehen? Die charmante? Die detailverliebte? Die aggressive?

Und dann sitzt Clinton neben Barack Obama auf der Bühne der Lyndon-B.-Johnson-Präsidentenbibliothek in Austin. Rasch ist klar: Heute gibt es nicht eine dieser Hillary Clintons.

Sondern alle drei.

Die charmante Clinton - die bisweilen heftig nickt, wenn ihr Rivale Obama seine Vorstellungen erläutert. Die Bemerkungen mit den Worten einleitet, sie stimme in vielem überein mit ihrem Parteifreund.

Obama, Clinton: Frühere First Lady in drei bis vier Rollen
REUTERS

Obama, Clinton: Frühere First Lady in drei bis vier Rollen

Die sachkundige Clinton - die haargenau darlegt, wie sie Handelsabkommen genauer überwachen will, wie Spielzeug besser zu kontrollieren ist und mit welchem Anschubprogramm die Investition in Öko-Jobs endlich gelingen soll.

Und, nach einer langen Aufwärmphase - die aggressive Clinton.

"Taten sind einfach wichtiger als Worte"

Das ist ihre kniffligste Rolle. Oft hat sie Obama leere Rhetorik statt Substanz vorgeworfen - als die Moderatorin das Thema aufbringt, springt die Senatorin sofort darauf an. "Worte sind wichtig und spielen eine Rolle", sagt Clinton. "Aber Taten sind einfach wichtiger als Worte."

Obama kontert kühl. "Senatorin Clinton hat zuletzt oft gesagt, es sei Zeit, sich der Realität zu stellen. Das impliziert, dass die Leute, die mich gewählt haben oder sich in meinem Wahlkampf engagieren, irgendwie einem Wahn verfallen sind."

Leises Gelächter unter den Zuhörern.

Nächstes Thema: Obama soll in Reden angeblich von einem Parteifreund abgekupfert haben. Clinton versucht einen neuen Seitenhieb: "Ich denke, wenn Deine Bewerbung sich um Worte dreht, sollten es Deine Worte sein. Wenn man ganze Passagen von anderen Reden kopiert, ist das kein Wandel, an den man glauben kann - dann ist es Wandel, den man kopieren kann."

Der Satz wirkt zu vorbereitet, zu aggressiv. Clinton erntet Buhrufe. Obama schüttelt den Kopf.

Charmant. Sachkundig. Aggressiv. Viel zu tun für Hillary Clinton in den 90 Minuten. Obama muss eigentlich nur eine Rolle spielen - und die spielt er seit fast zwei Jahren: den Mann des Wandels.

"Wir müssen die Form unserer Politik ändern", sagt Obama. Wie so oft. "Ich will Präsident werden, um den Stillstand in Washington zu überwinden, und das wollen die Leute, die mich unterstützen."

Soll Clinton Obama schärfer attackieren?

Das ist Clintons größtes Problem in diesem Wahlkampf: Sie sucht noch immer nach einer konsistenten Botschaft - die ihr Rivale längst gefunden hat mit seinem Versprechen eines Wandels.

Clintons Berater streiten immer noch, ob sie stärker auf ihre Erfahrung verweisen oder sich eher weiblich-charmant präsentieren sollte. Ob sie an die goldenen Neunziger, die Präsidentschaft ihres Mannes erinnern oder lieber in die Zukunft schauen sollte.

Und vor allem: Ob sie Obama schärfer attackieren sollte.

Noch am Vortag hat sie das getan, bei einer Rede in New York. "Die Amerikaner haben die Wahl. Es geht darum, einen Präsidenten auszuwählen, der nicht allein auf Worte vertraut, sondern auf harte Arbeit", wetterte sie. Nur einer hier ist wirklich bereit, der Oberkommandierende der USA zu werden - das suggerierte Clinton. Als sie dann in der Fernsehdebatte gefragt wird, ob Obama also für den Job nicht vorbereitet ist, weicht sie der Frage aus.

Dieses Hin und Her zwischen Angriff und Kuschelkurs zieht sich durch ihre Auftritte in den vergangenen Wochen - und durch die Debatte gestern Abend. Das macht es unwahrscheinlich, dass sich die Dynamik des Demokraten-Duells noch ändern wird. Nur läuft die Dynamik derzeit gegen Hillary Clinton.

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