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Mysteriöses Unterwasserobjekt vor Stockholm: Wie früher

Von Christoph Asche

DPA

Der Vorfall vor Stockholm bleibt rätselhaft. Spionierte ein russisches U-Boot? Der Kreml weist alle Vorwürfe zurück. Doch in Schweden fühlt man sich an den Kalten Krieg erinnert.

Stockholm - Was passiert da gerade in der Ostsee vor der schwedischen Küste? Schon die offizielle Version liest sich einigermaßen spektakulär. Das schwedische Militär spricht von mysteriösen "Unterwasseroperationen", die es vor der Küste Stockholms beobachtet hat. Schwedische Medien sind schon einen Schritt weiter: Sie spekulieren seit Tagen, ein russisches U-Boot könnte in Seenot geraten sein. Die schwedische Funküberwachung soll vergangene Woche einen Notruf in russischer Sprache aufgefangen haben. Wenig später sei in der stark befahrenen Bucht Kanholmsfjärden ein U-Boot gesichtet worden, berichtet das "Svenska Dagbladet".

Ein verpixeltes Foto, auf dem in einiger Entfernung ein schwarzer Punkt zu sehen ist, befeuert jetzt die Gerüchte um eine mögliche russische Geheimoperation vor der Küste Schwedens. Die Armee, die das Foto am Wochenende veröffentlicht hatte, spricht von "Tauchern, die ein motorradähnliches Unterwasserfahrzeug benutzen" (gemeint ist offenbar ein Tauchscooter), oder von "einem kleinen U-Boot". Hinweise auf ein havariertes russisches U-Boot habe man aber nicht.

Die Beobachtungen passten aber dennoch in ein Muster, sagte ein hochrangiger Militärvertreter am Wochenende. Ohne Russland explizit zu erwähnen, fügte er hinzu: "Wir haben den Eindruck, dass diese Gegend für eine fremde Macht von Interesse ist."

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Mögliche U-Boot-Sichtung: Schwedens Angst vor Russland
Der Kreml gerät zunehmend in Erklärungsnot - wiegelt aber erst einmal ab. "Es gab und gibt keinen Notfall mit einem russischen U-Boot", erklärte das russische Verteidigungsministerium am Wochenende in einer knappen Mitteilung. Die passende Gegentheorie wird gleich mitgeliefert. Es handle sich vermutlich um ein niederländisches U-Boot, zitiert die staatliche Nachrichtenagentur Interfax einen Mitarbeiter des russischen Verteidigungsministeriums. Das niederländische Militär hat die Vorwürfe aus Moskau sofort dementiert.

Bei U-Boot-Sichtungen werden die Schweden hellhörig

Viele Schweden dürfte die Kreml-Rhetorik ohnehin nicht überzeugen. Sie fühlen sich an den Kalten Krieg erinnert, als U-Boot-Sichtungen vor der Küste immer wieder für Aufregung sorgten. Auch damals machten wildeste Verschwörungstheorien die Runde.

Spätestens seit einem Vorfall im Jahr 1981 ließen sich die sowjetischen Schnüffeleien jedoch nicht mehr leugnen: Ein russisches U-Boot war vor dem schwedischen Marinestützpunkt Karlskrona havariert - und der Kreml musste die schwedische Krone um Hilfe bitten. Seitdem reagieren die Schweden höchst irritiert, wenn es um fremde U-Boote in ihren Gewässern geht. Bis in die frühen Neunzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts blieb das schwedisch-sowjetische Verhältnis angespannt, immer wieder gab es unbestätigte Gerüchte um Unterwasseraktivitäten vor der Küste.

Seitdem herrschte Ruhe in der Ostsee. Bis jetzt.

Der Vorfall fällt in eine diplomatisch heikle Zeit. Als Folge des Ukraine-Konflikts ist das Verhältnis beider Länder ohnehin abgekühlt. "Wir sehen derzeit, dass Russlands Vorgehen die Ängste bestätigt und übertrifft, die wir hatten", kritisierte die schwedische Regierung vor wenigen Monaten die Situation in der Ostukraine. Im September drangen zwei russische Kampfjets kurzzeitig in den schwedischen Luftraum ein. Was hinter der Aktion steckte, ist unklar. Schwedische Militärexperten vermuten, dass Russland die Abwehrbereitschaft ihres Landes testen wollte.

"Wir sind zwar nicht mehr im Kalten Krieg. Das heißt aber nicht, dass Russland keine geheimdienstlichen Interessen mehr hat", sagt Markus Harder von der Stiftung Wissenschaft und Politik SPIEGEL ONLINE. Der Experte für Sicherheits- und Verteidigungspolitik schließt nicht aus, dass sich russische U-Boote vor der schwedischen Küste befinden.

"Putin müsste die Spionage dann zugeben"

"Möglicherweise versucht Russland jetzt mit allen Mitteln, einen Zwischenfall zu vertuschen", sagt Harder. "Es wäre natürlich unangenehm für Russland, sich von westlichen Staaten helfen lassen zu müssen. Außerdem müsste Putin die Spionage dann zugeben", sagt Harder über einen möglichen Unfall eines Unterseeboots.

Die jüngsten Ereignisse dürften zudem die Diskussion um Schwedens Neutralität befeuern. Das Land ist wie sein Nachbar Finnland kein Nato-Mitglied. Befürworter einer Annäherung an das westliche Staatenbündnis sehen in Schwedens Zurückhaltung traditionell ein Zeichen politischer Hilflosigkeit.

Unterdessen geht die Suche nach weiteren Indizien in der Ostsee weiter. Am Montag meldete das Militär, dass man sich inzwischen auf die Insel Nåttarö in den südlichen Stockholmer Schären konzentriere. Zivile Boote wurden angehalten, zehn Kilometer Abstand zu halten. Auch für den Flugverkehr wurde der Bereich gesperrt, meldeten mehrere Medien.

Die massive Militäraktion ist sicher auch auf Druck der Politik eingeleitet worden. Denn in der Regierung betrachtet man die mysteriösen Aktivitäten vor Stockholm mit zunehmender Sorge - und drängt nun auf eine schnelle Aufklärung. Außenministerin Margot Wallström sprach am Montag von "einer sehr großen Bedrohung" in der Ostsee.

mit Material von dpa

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insgesamt 77 Beiträge
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1.
thomas.b 20.10.2014
Ja, so ein kalter Krieg geht mit wilden Vermutungen und gegenseitigen Beschuldigungen einher. Liebe Schweden, erstmal Fakten klären bitte.
2. Ja, was könnte es sein?
MikeNixda 20.10.2014
Ein russisches Uboot? Oder die Marine und der Geheimdienst eines eher unbedeutenden, neutralen Landens, seit Jahren von Einsparungen gebeutet und die nun eine Show betreiben, um für eine Erhöhung ihrer Etats zu werben? Wer weiss, wer weiss....
3. Kindergarten
schmuella 20.10.2014
Wahrscheinlich fahren auch amerikanische U-Boote vor Russlands Küsten umher, fliegen Aufklärer ihre Runden in der Nähe des russischen Luftraumes oder spähen westliche Satelliten russisches Territorium aus. Und nichts passiert. Viel Aufregung um nichts.
4. So ein Pech auch
ein-berliner 20.10.2014
Kurt Wallander hat leider seinen Abschied genommen, somit wird die Aufklärung natürlich nachhaltig behindert. Vielleicht sollte man Henning Mankell motivieren eine kurzes Rückholung Kurts in den aktiven Dienst zu ermöglichen. Wunder gibt es ja immer wieder.
5. Was auch immer da passiert ...
ihawk 20.10.2014
"Russland spioniert" oder "Die USA beschützt" ... was ist der Unterschied hinsichtlich der Bedrohung? Außerdem schippern auch deutsche U-Boote durch die Ostsee und ein Navigationsfehler wäre sicherlich peinlich. Seitdem Schweden der USA Propaganda in die Hände spielt, halte ich die reflexartigen anti-russischen Meldungen für unglaubhaft, solange keine eindeutigen Beweise vorliegen. Die "Kalten Krieger" sind mir in letzter Zeit zu aktiv - ich würde gerne verstehen um was es wirklich geht, außer dem offensichtlichen Russland Bashing.
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