"Überall ist Taksim": Zehntausende demonstrieren in Köln gegen Erdogan

"Wolf im Schafspelz", "In Ankara regiert ein Faschist": Bis zu 40.000 Menschen haben in Köln gegen den türkischen Ministerpräsidenten Erdogan demonstriert. In Doha traf Außenminister Westerwelle seinen Amtskollegen Davutoglu zu einem Gespräch unter vier Augen.

Köln - Etwa 30.000 bis 40.000 Menschen haben in Köln gegen den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan demonstriert. Redner forderten einen Rücktritt Erdogans und sofortige Neuwahlen. Auf Transparenten standen Aufschriften wie "Erdogan, der Wolf im Schafspelz" oder "Europa weiß, was Sache ist - in Ankara regiert ein Faschist".

Laut dem Generalsekretär der Alevitischen Gemeinde Deutschland, Ali Dogan, beteiligten sich 80.000 Menschen an der Demonstration. Wegen der großen Teilnehmerzahl verzichteten die Veranstalter auf einen Demonstrationszug durch die Kölner Innenstadt und hielten stattdessen eine mehrstündige Kundgebung auf dem zentralen Heumarkt ab. Sie stand unter dem Motto "Überall ist Taksim". An der geplanten Bebauung des Gezi-Parks am Taksim-Platz in Istanbul hatten sich Ende Mai die Proteste entzündet.

Fotostrecke

5  Bilder
Demo gegen Erdogan: "In Ankara regiert ein Faschist"
Organisiert wurde die Kundgebung in Köln von der Alevitischen Gemeinde Deutschland, einer liberalen islamischen Gemeinschaft. Die Aleviten hatten in den vergangenen Wochen mehrfach das harte Vorgehen der türkischen Polizei gegen Demonstranten angeprangert. Mit Bussen reisten auch Aleviten aus sieben weiteren europäischen Staaten an, unter anderem aus Österreich, der Schweiz und Frankreich.

Die Kölner Polizei sprach von einem "erfreulich friedlichen Verlauf" der Kundgebung. Die Demonstranten hielten unter anderem eine Schweigeminute ab, "für alle, die ihr Leben für Freiheit und Demokratie geopfert haben".

Auch deutsche Politiker nahmen an der Kundgebung teil: Linken-Fraktionschef Gregor Gysi, der Grünen-Parlamentsgeschäftsführer Volker Beck und der SPD-Außenexperte Rolf Mützenich. "Der Kölner Heumarkt ist heute #Taksim Platz", schrieb Beck auf Twitter.

Die stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende Aydan Özoguz distanzierte sich hingegen von Slogans, die Erdogan als Diktator einstuften. Rund 50 Prozent der Türken hätten den Ministerpräsidenten und seine Partei AKP gewählt, sagte sie im Deutschlandradio Kultur. Am Ende müsse natürlich das türkische Volk entscheiden, ob Erdogan weiter regiere oder nicht.

In Ankara und Istanbul wurde unterdessen gegen 31 weitere festgenommene Demonstranten Untersuchungshaft verhängt - das berichtete die Zeitung "Hürriyet Daily News" auf ihrer Website. Damit seien seit Beginn der Proteste 55 Demonstranten inhaftiert worden. In Ankara habe die Polizei in der Nacht erneut Wasserwerfer und Tränengas gegen Demonstranten eingesetzt.

Westerwelle trifft Davutoglu in Doha

Das harte Vorgehen der türkischen Regierung hatte auch zu diplomatischen Verstimmungen zwischen Berlin und Ankara geführt. Wegen deutschlandkritischer Äußerungen der Regierung in Ankara war am Freitag der türkische Botschafter in Berlin, Hüseyin Avni Karslioglu, ins Auswärtige Amt (AA) einbestellt worden. Kurz darauf bestellte das türkische Außenministerium den deutschen Botschafter ein.

In Brüssel war zuvor bekannt geworden, dass die EU voraussichtlich nicht wie geplant am kommenden Mittwoch ein neues Kapitel in den Beitrittsverhandlungen mit der Türkei eröffnen werde.

Am Rande des Treffens der Syrien-Kontaktgruppe in Doha bemühten sich beide Seiten nun um eine ruhigere Tonart. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) sprach unter vier Augen mit seinem türkischen Amtskollegen Ahmet Davutoglu. Man habe in "konstruktiver und freundschaftlicher Atmosphäre" aktuelle Fragen erörtert, auch zu den Beziehungen der EU zur Türkei, hieß es aus der Delegation. "Es gab einen intensiven Meinungsaustausch im Geiste von Partnern und Freunden."

hut/dpa/AFP

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Protest gegen Erdogan
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite

Fläche: 783.562 km²

Bevölkerung: 74,724 Mio.

Hauptstadt: Ankara

Staatsoberhaupt: Abdullah Gül

Regierungschef: Recep Tayyip Erdogan

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Türkei-Reiseseite