18.01.2013 – 15:33 Uhr

Überblick: Wo die Terror-Gruppen in der Sahara operieren

In den vergangenen Jahren ist im Nordwesten Afrikas ein riesiger Raum entstanden, in dem sich islamistische Terroristen und Drogenschmuggler nahezu unbehelligt bewegen. Die Wüstenkrieger machen vor Staatsgrenzen keinen Halt.

Algerien ist am schwersten von den Entwicklungen in Mali betroffen. Das Land leidet noch immer unter den Folgen des Bürgerkriegs in den neunziger Jahren. In dem jahrelangen Konflikt zwischen Militär und Islamisten wurden mehr als hunderttausend Menschen getötet. Zwar ist die Armee der wichtigste Machtfaktor im Staat, dennoch sind die Streitkräfte außerstande, die 1400 Kilometer lange Grenze zu Mali zu sichern. Regelmäßige Angriffe auf algerische Soldaten im Süden zeigen die Stärke der militanten Islamisten.

Die Sicherheitslage in Libyen hat sich seit Beginn des Aufstands gegen Diktator Gaddafi vor knapp zwei Jahren stetig verschlechtert. Die staatliche Armee hat sich praktisch aufgelöst, ihre Waffen gelangten in die Hände verschiedener Milizen. Auch anderthalb Jahre nach Gaddafis Sturz ist eine stabile, durchsetzungsfähige Zentralregierung nicht in Sicht. Perspektivisch wird die Macht nicht in den Händen des Staates, sondern bei konkurrierenden Warlords liegen. Davon profitieren auch die anderen Islamistengruppen in der Region.

Die Zentralregierung in Mali hat innerhalb des vergangenen Jahres die Kontrolle über die Hälfte ihres Staatsgebiets verloren. Der Norden des Landes, ein Gebiet von der Größe Frankreichs, befindet sich unter der Kontrolle islamistischer Milizen, die ein fundamentalistisches Regime mit drakonischen Strafen für Diebe, unverheiratete Paare und Alkoholkonsum errichtet haben. Die Armee des Landes ist außerstande, die Lage in den griff zu bekommen. Seit Anfang Januar versucht die französische Armee, die Islamisten zurückzudrängen.

Mauretanien teilt sich mit Mali eine mehr als 2200 Kilometer lange Grenze. Der Wüstenstaat gehört zu den am dünnsten besiedelten Ländern der Welt. Für Aufständische bietet der Osten einen idealen Unterschlupf. Der Staat ist nach mehreren Putschen der Armee geschwächt, die Sicherheitskräfte sind unzureichend organisiert. Verschärft wurde die Lage durch einen mysteriösen Vorfall im Oktober 2012: Damals wurde Präsident Mohamed Ould Abdel Aziz durch Schüsse auf seinen Konvoi verletzt. Der Staatschef kann sein Amt seither nicht mehr ausüben. Mehrfach musste er sich im Ausland behandeln lassen.

Marokko ist seit 2003 von mehreren Anschlägen erschüttert worden, bei denen mehr als 50 Menschen getötet wurden. Diese Attentate richteten sich gegen Cafés in Casablanca und der Touristenhochburg Marrakesch. Die Regierung machte al-Qaida im Islamischen Maghreb für die Angriffe verantwortlich, die AQIM bestritt jedoch ihre Beteiligung. In den Reihen der islamistischen Milizen im Sahararaum kämpfen zahlreiche Marokkaner, in Marokko selbst haben diese Gruppen bislang jedoch nicht dauerhaft Fuß fassen können.

Auch in Niger ist die Lage instabil. Seit Jahren kämpfen Tuareg-Rebellen gegen die Zentralregierung in Niamey. Seit 2008 ist auch al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQIM) im Land aktiv. Dazu kommen interne Machtkämpfe: 2010 putschte das Militär gegen Präsident Mamadou Tandja. 2012 fanden zwar weitgehend freie Wahlen statt, dennoch sind weite Teile des Landes der Kontrolle der Regierung entzogen. Auf der Liste der gescheiterten Staaten, die vom US-Think-Tank Fund For Peace erstellt wird, belegt Niger seit Jahren traurige Spitzenplätze.

Die Gruppe al-Muwaqiun bi-l Dam ("Die mit dem Blut unterschreiben") spaltete sich erst im Dezember 2012 von der AQIM. Die Truppe steht unter dem Befehl des Islamistenführers Mochtar Belmochtar. Sie bekannte sich zu der Geiselnahme auf dem algerischen Ölfeld und bezeichnete die Tat als direkte Reaktion auf die französische Intervention in Mali. Belmochtar drohte mit weiteren Attacken.

Die Ansar al-Din ("Helfer des Glaubens") tauchten nach dem Sturz des libyschen Regimes in der Region auf. Wenige Monate nachdem die Organisation 2012 erstmals von sich reden machte, übernahm sie die Kontrolle im Norden Malis. Ihre Kämpfer sind mit Waffen aus dem Arsenal des gestürzten libyschen Ex-Diktators bestens ausgerüstet. Die Anführer von Ansar al-Din predigen einen radikalen Salafismus. Die in Nordafrika unter Muslimen weit verbreitete Heiligenverehrung lehnen sie ab und zerstörten zahlreiche Grabstätten islamischer Geistlicher. Ansar al-Din setzt in dem von ihr kontrollierten Gebiet die Scharia durch, ihre Anhänger hacken Dieben die Hand ab und peitschen unverheiratete Paare aus.

Die berüchtigste Miliz in der Region ist al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQIM). Sie ging vor sechs Jahren aus der Salafistengruppe für Predigt und Kampf (SGPC) hervor. Anders als die Qaida-Ableger in Afghanistan, Irak oder der Arabischen Halbinsel verzichtete die AQIM lange Zeit fast vollständig auf Angriffe gegen westliche Ziele. Stattdessen konzentrierte sich die Organisation mit ihren knapp tausend Kämpfern auf Entführungen. Im Gegensatz zu anderen Qaida-Zweigen versuchte die AQIM auch nicht, ihre salafistische Ideologie der einheimischen Bevölkerung aufzuzwingen. Dadurch sicherte sie sich die Unterstützung der Wüstenbewohner.

Die Bewegung für Einheit und Dschihad in Westafrika (Mujao) spaltete sich 2011 von der AQIM ab. Auslöser war vermutlich ein Machtkampf zwischen der von Algeriern dominierten AQIM-Führung und Kämpfern aus Mauretanien und anderen Ländern. Im November 2011 entführte die Gruppe westliche Entwicklungshelfer aus einem Flüchtlingslager in Algerien. Gegen ein Lösegeld von 18 Millionen US-Dollar kamen die Geiseln im Juli 2012 wieder frei. Der Norden Malis gehört inzwischen zum wichtigsten Kampfgebiet der Mujao. Weite Teile des Landes stehen derzeit unter ihrer Kontrolle.

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1. Mittelalterliches Gebaren mit neuzeitlichen Waffen
TomSax 20.01.2013
Sowas passiert, wenn im gesellschaftlichen Mittelalter Lebende neuzeitliche Waffen in die Hände bekommen. Und das alles angeblich im Namen von Allah... Ich glaube nicht, dass Allah daran gefallen findet - die Kreuzzüge und deren ähnliches, im Namen Gottes den sogenannten Ungläubigen zugefügte Leid, wurde ebenfalls durch solche schwachsinnigen, so genannte Fundamentalisten "erdacht". Imagine!
2. Schlußfolgerung
referee84 24.01.2013
Was sagt uns das?! Syrien sollte nicht den Islamisten überlassen werden.
3. Hintergrund
ee153808 03.02.2013
Hinter dieser religiösen Fassade sind die Motivationen dieser Terroristen ganz Gewöhnliche. Es sind die Machtbestrebungen junger Verlierer aus einer Position der Schwäche und Frustration heraus. Sie instrumentalisieren eine Religion um ihre Barbarei und Kriminalität zu rechtfertigen und geben sich damit ein gemeinsames Denk- und Moral-Gerüst.
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