Juden in Frankreich Sabbat der Ängste

Nach dem Anschlag auf den koscheren Supermarkt in Paris wächst die Furcht vor einem mörderischen Antisemitismus: Manche französische Juden entscheiden sich für den Exodus - Richtung Israel.

Von , Paris

AP

Vor der Großen Synagoge in der Rue de la Victoire in Paris sind die Schutzmaßnahmen verstärkt, Polizei bewacht die "Gedenkstätte für die Shoah" im vierten Arrondissement, Sicherheitskräfte wachen über jüdische Gebetshäuser und Institutionen.

Im Marais patrouilliert bewaffnete Bereitschaftspolizei rund um die Talmud-Schule, die koschere Fleischerei Saada und den Imbiss L'As du Fellafel: Trotz der scheinbaren Normalität, so Anwohner, macht sich in dem Touristenviertel an diesem Sabbat ein beklemmendes Gefühl von Belagerungszustand breit. Und nicht nur dort.

Der gezielte Terror-Überfall auf den koscheren Supermarkt im Osten der französischen Hauptstadt und die Furcht vor möglichen islamistischen Attacken hat die jüdische Bevölkerung zutiefst verunsichert. In der älteren Generation werden gar Erinnerungen wach an die Verfolgungen während der deutschen Besatzungszeit. Präsident François Hollande beschreibt die Ermordung der vier Geiseln bei seiner gestrigen TV-Ansprache als "entsetzlichen Akt des Antisemitismus".

"Die Attacken haben uns mitgenommen", sagt eine Geschäftsfrau aus der Rue des Rosiers: "Der Anschlag auf die Journalisten, die Polizei und das jüdische Geschäft - wir trauern um die Opfer, sind betroffen und niedergedrückt." Es ist eine Stimmung, die Frankreichs knapp halbe Million Juden nicht erst seit dem Anschlag von Vincennes umtreibt. Seit mehreren Jahren beobachtet die Gemeinschaft mit Sorge, wie sich die Vorfälle häufen - antisemitische Tags, Beschimpfungen, Handgreiflichkeiten, Angriffe auf Synagogen.

"Jude" wird zum Schimpfwort

Noch immer gegenwärtig sind die Vorfälle von 2012 als Mohammed Merah in Toulouse einen Rabbiner und drei jüdische Kinder ermordete; präsent auch der Überfall vom Mai 2014 auf das jüdische Museum in Brüssel, bei dem der französische Dschihadist Mehdi Nemmouche drei Menschen tötete.

Für Roger Cukierman, Präsident des Zentralrates der Jüdischen Organisationen Frankreichs (CRIF), stehen die Attentate im Zusammenhang mit stets wachsenden Ressentiments: "Das Wort 'Jude' ist in den Schulen heute ein Schimpfwort."

Der Krieg in Nahost und Zusammenstöße zwischen Israelis und Palästinensern - jede Eskalation im Dauerkonflikt findet einen fast reflexartigen Niederschlag in hasserfüllten Parolen wider Frankreichs Juden. Und bisweilen mörderischen Aggressionen. "Jude hau ab, Frankeich ist nicht für dich", skandierten Skinheads und rechtsradikale Extremisten im Januar vergangenen Jahres in Paris, sechs Monate später ist der Protest gegen den Krieg in Gaza der Vorwand zu Angriffen: Unter den Rufen "Allah Akbar" plünderten jugendliche Hooligans in Sarcelles jüdische Geschäfte und belagerten eine Synagoge - bürgerkriegsartige Szenen in dem Vorort von Paris, der wegen seiner 15.000 alteingesessenen Juden als Klein-Jerusalem bezeichnet wird.

Schließlich der barbarische Überall auf ein junges Paar in Créteil und die Vergewaltigung der jungen Frau Mitte Dezember - ein eindeutig antisemitisch motiviertes Verbrechen: "Die Juden", so die Täter maghrebinischer Abstammung, "haben ihr Geld zu Hause." Innenminister Bernard Cazeneuve spricht von einem "gemeinen, schändlichen Akt" und folgert: "Hinter diesem Verbrechen gibt es ein Übel, das die Republik zermürbt und das wir um jeden Preis bekämpfen müssen."

Alles Einzelfälle? Die Selbsthilfeorganisation Schutzdienst der jüdischen Gemeinschaft zählte zwischen Januar und Juli des vergangenen Jahres 527 antisemitische Attacken - gegenüber 2013 ein Anstieg um 91 Prozent. Das Innenministerium beschreibt derartige Vorfälle hingegen als marginal, aber räumt ein, dass viele der antisemitischen Übergriffe gar nicht mehr gemeldet werden.

"Der Hass gegen Juden richtet sich gegen die Republik"

Die Nationale Beratungskommission für Menschenrechte (CNDH) hat seinerseits ein Anwachsen der Intoleranz gegenüber der jüdischen Gemeinschaft ausgemacht: 14 Prozent der Befragten, so Erhebungen von 2014, sind mittlerweile der Meinung, dass "Juden keine Franzosen wie die anderen seien".

Die Regierung versucht zu beschwichtigen, Premier Manuel Valls mahnt am Vorabend des jüdischen Neujahrsfestes vor der Ausgrenzung: "Der Hass gegen die Juden richtet sich gegen die Republik selbst, gegen Frankreich." Dem subjektiv empfunden Klima der Ablehnung, dem dumpfen Gefühl der Angst vor Gewalt, können die gut gemeinten Appelle freilich nichts entgegensetzen.

Unter jüngeren Juden gilt die Auswanderung nach Israel zunehmend als einziger Ausweg aus ihrem Dilemma - zumal Israel die gebildeten Zuwanderer mit offenen Armen und umfassenden Einbürgerungsprogrammen empfängt: Wohnung, Schulanmeldung, Sprachkurs und Jobsuche inklusive. Mehr als 5000 Familien haben im vergangenen Jahr ihrer Heimat für immer den Rücken gekehrt, ein Rekord.

Wirtschaftliche Gründe sind für den Exodus genauso verantwortlich wie die Vorstellung, zu einer bedrohten Minderheit zu gehören. "Es gibt nichts in Tel Aviv, das es nicht auch in Paris geben würde", berichtet ein junger jüdischer Franzose dem Infosender BFMTV und spricht von seinen Erfahrungen antisemitischer Ausgrenzung. "Ich weiß", so der Finanzexperte, "dass mein Leben als junger Jude dort angenehmer sein wird. In Israel ist der Jude frei."



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tommit 10.01.2015
1. Leute bleibt auf dem Boden
Panik nutzt nichts und ANgst auch nicht, selbst wenn sie verständlich ist. Ich würde der Presse anheim legen nicht so absolut dramatisierend das Geschäft zu betreiben. Auch hier gehört sich die notwendige Pietät... Wir sind die die es besser können sollten... Ich bekomme nämlicvh dasselbe ungute Gefühl wenn die betroffene Gesellschaft diese 'Sensationen' dann gandenlos zum Quotenhit machen... Dort kann man UNS auch kritisieren und zwar massiv... Es muss nicht immer das Maxcimum sein, an Panik an Mitleid, an Angst an PR Umsatz... Aus solchen Geschenissen noch Geld machen ... das kann man nicht mehr mit Verirrung oder Fanatismus rechtfertigen...
goggo64 10.01.2015
2. Sehr nachvollziehbar,
wenn französische (oder andere europäische) Juden nach Israel auswandern. Aber selbst der Staat Israel vermag es nicht, seinen Bürgern einen 100%-igen Schutz gegen Terrorangriffe zu gewährleisten, trotz aller Härte gegen seine Feinde
lemmy 10.01.2015
3. Mehr Anteilnahme und Information
Mir ist auch aufgefallen, dass sich zwar die Schlagzeilen gegenseitig überschlagen, aber neben den Solidaritätsbekundungen für "Charlie" fallen die für die jüdischen Opfer im Supermarkt eher mau aus. Warum wird darüber nicht mehr berichtet ?
sappelkopp 10.01.2015
4. Ist es schon wieder soweit?
Die ewig gestrigen scheinen wieder aufzuwachen! Da hilft nur, sich täglich zu wehren, jede Diffamierung sofort verbal zurückzuweisen.
mundusvultdecipi 10.01.2015
5. Feinde?
Zitat von goggo64wenn französische (oder andere europäische) Juden nach Israel auswandern. Aber selbst der Staat Israel vermag es nicht, seinen Bürgern einen 100%-igen Schutz gegen Terrorangriffe zu gewährleisten, trotz aller Härte gegen seine Feinde
..orthodoxe und gemässigte Juden sind doch mittlerweile Feinde im eigenen Land!
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