Überfall in Nordprovinz Deutsche Ärztin in Afghanistan ermordet

Horrornachricht aus Afghanistan: Im Norden des Landes hat die Polizei zehn Leichen von Mitarbeitern einer christlichen Hilfsorganisation gefunden. Über die Herkunft der Opfer gibt es widersprüchliche Angaben. Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen befindet sich unter den Toten eine deutsche Ärztin.

Von und Shoib Najafizada

Afghanische Provinz Badachschan: Brutaler Mord an Ärzteteam
AP

Afghanische Provinz Badachschan: Brutaler Mord an Ärzteteam


Kabul - Bei einem Überfall in der nordafghanischen Provinz Badachschan sind zehn Mitarbeiter der christlichen Hilfsorganisation International Assistance Mission (IAM) getötet worden. Möglicherweise fielen sie einer Aktion der Taliban zum Opfer. Die Getöteten waren in einem entlegenen Berggebiet im Nordosten des Landes unterwegs, teilte der Polizeichef der Provinz Badachschan, Agha Nur Kentus, mit.

Die Hintergründe der Tat sind noch immer unklar, auch über die Nationalität der Opfer hatte es zunächst Verwirrung gegeben. In ersten Berichten war von sechs getöteten Deutschen die Rede.

Das Auswärtige Amt bestätigte dies nicht. Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen befindet sich unter den Opfern eine deutsche Ärztin. Bereits am Freitagabend hatten auch die deutschen Behörden in Kabul von mehreren offiziellen Quellen erfahren, dass sich unter den Toten eine Deutsche befindet. Die internationale Schutztruppe Isaf hat mittlerweile einen Helikopter in die Provinz im Norden geschickt, um die Leichen der Ärzte abholen zu lassen. Am Nachmittag bestätigte das deutsche Außenministerium den Tod der Ärztin.

Neben der deutschen Ärztin sollen unter den Opfern ein Brite, sechs Amerikaner und zwei afghanische Dolmetscher sein. Das teilte der Direktor der International Assistance Mission, Dirk Frans, in Kabul mit. Der Polizeichef der Provinz Badachschan hatte zuvor berichtet, die Opfer seien am Freitag in einem Wald des Bezirks Kuran Wa Mundschan bei ihren von Kugeln durchsiebten Allradautos gefunden worden. Über die Nationalität könne er keine Angaben machen: "Wir konnten keine Ausweise oder etwas in der Art finden", sagte er. "Es wurde nichts zurückgelassen." Bei den getöteten Ausländern handele es sich um drei Frauen und fünf Männer.

Taliban bekennen sich

Ein dritter Afghane überlebte nach Angaben des örtlichen Polizeichefs den Überfall. "Er sagte mir, er habe geschrien und den heiligen Koran rezitiert und gesagt: 'Ich bin Muslim. Tötet mich nicht.'" Die Gruppe sei von bewaffneten Männern umringt und angegriffen worden. Dorfbewohner hätten die Gruppe in der Region vor 15 Tagen gesehen, sagte Kentus weiter. Vor zwei Tagen hätten Dorfbewohner der Polizei gemeldet, sie hätten die verlassenen Geländewagen der Ausländer gesehen. Daraufhin seien Suchmannschaften in das Gebiet geschickt worden.

Kurz nach Bekanntwerden der ersten Nachrichten über den Vorfall meldete sich Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahed bei mehreren Journalisten und bekannte sich zu dem Überfall. Demnach habe es sich bei den Toten um "christliche Missionare" gehandelt, die Geheimdienstinformationen in der Gegend gesammelt hätten.

Ob die Aufständischen wirklich hinter der Tat stecken, ist jedoch ungewiss. Eine Erschießung der Ausländer passt nicht ins Muster der Taliban. Diese hätten vor allem westliche Helfer eher als Geiseln genommen und politische Forderungen für ihre Freilassung gestellt.

Zudem deuten alle bisherigen Erkenntnisse auf einen Raubüberfall hin. Nach Angaben des Polizeichefs wurden die IAM-Mitarbeiter von zehn bewaffneten Männern zunächst durchsucht. Dann seien ihnen "Geld und wichtige Materialien" gestohlen worden, anschließend hätten die Männer sie getötet.

Hilfsorganisation zeigt sich bestürzt

IAM-Direktor Frans sagte, die Gruppe sei von einer mobilen Augenklinik in Nuristan auf dem Rückweg nach Kabul gewesen. IAM ist eine seit 1966 in Afghanistan tätige christliche Hilfsorganisation, die sich auf Hilfe in der Augenheilkunde konzentriert. Sie unterhält vier Krankenhäuser für Augenheilkunde in Kabul, Herat, Masar and Kandahar. Ihren Hauptsitz hat die Organisation in Genf.

Einer der getöteten Amerikaner sei der Optiker Tom Little, der seit 30 Jahren in Afghanistan gearbeitet habe, teilte die Organisation mit. Im August 2001 sei Little zusammen mit sechs Deutschen und einem weiteren amerikanischen IAM-Mitarbeiter von der damaligen Taliban-Regierung verhaftet worden, weil sie versucht haben sollen, Afghanen zum Christentum zu bekehren. Sie wurden schließlich ausgewiesen. Little sei nach der US-Invasion im November 2001 nach Afghanistan zurückgekehrt.

IAM-Direktor Frans zeigte sich bestürzt von der Nachricht. "Diese Tragödie wirkt sich negativ auf unsere Fähigkeit aus, weiter dem afghanischen Volk zu dienen, wie wir es seit 1966 getan haben", sagte er. "Wir hoffen, dass wir unsere Arbeit nicht einstellen müssen, die jedes Jahr einer Viertelmillion Afghanen zugutekommt."

Mit Material von apn



Forum - Ist der Afghanistankrieg noch zu gewinnen?
insgesamt 4924 Beiträge
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Seite 1
Gandhi, 25.07.2010
1. Wie oft soll dieser Krieg
Zitat von sysopFast 92.000 US-Dokumente über den Afghanistan-Krieg sind an die Öffentlichkeit gelangt. Sie enthüllen die wahre Dimension des Militäreinsatzes - das Wirken der amerikanischen Task Force 373, die Probleme der Bundeswehr, die Zusammenarbeit pakistanischer Geheimdienstler mit den Taliban. Kann der Westen den Krieg am Hindukusch noch gewinnen?
denn noch gewonnen werden? Wie oft sollen wir uns denn noch anhoeren muessen, dass jetzt die entscheidenden 6 Monate kommen? Dass, wenn "wir" alles richtig machen, der Krieg dann gewonnen ist. Ich kann es schon gar nicht mehr hoeren. Das Einzige, was diesen Krieg beendet, ist ein Ereignis, bei dem eine grosse Menge Soeldner sich aus dieser Welt verabschieden. Dann wird der politische Druck so gross, dass das Gerede davon, dass Freiheit und Demokratie in Afghanistan die Opfer wert sind, untergeht im Protest. Die Afghanen sollen ihren eigenen Weg gehen, ihre eigenen Probleme loesen. Von aussen koennen deren Probleme auch nicht in 10 oder 20 Jahren geloest werden.
ayamo, 25.07.2010
2. Titel
Plain and simple? Ein militärischer Sieg? Auf gar keinen Fall. Irgendein schaler Verhandlungsfrieden mit den Taliban wäre allerdings auch nicht ideal, da diese sich nicht an solche Verträge/Vereinbarungen halten.
kleenermann 25.07.2010
3.
Zitat von sysopFast 92.000 US-Dokumente über den Afghanistan-Krieg sind an die Öffentlichkeit gelangt. Sie enthüllen die wahre Dimension des Militäreinsatzes - das Wirken der amerikanischen Task Force 373, die Probleme der Bundeswehr, die Zusammenarbeit pakistanischer Geheimdienstler mit den Taliban. Kann der Westen den Krieg am Hindukusch noch gewinnen?
Wie oft soll diese Frage noch gestellt werden? Nein, man kann ihn nicht gewinnen.
edgarzander 25.07.2010
4. Wo ist der Aha-Effekt?
Zitat von sysopFast 92.000 US-Dokumente über den Afghanistan-Krieg sind an die Öffentlichkeit gelangt. Sie enthüllen die wahre Dimension des Militäreinsatzes - das Wirken der amerikanischen Task Force 373, die Probleme der Bundeswehr, die Zusammenarbeit pakistanischer Geheimdienstler mit den Taliban. Kann der Westen den Krieg am Hindukusch noch gewinnen?
Enthüllungen? Ich hätte mir da ein bischen mehr erwartet und war nach dem Durchlesen des Artikels irgendwie enttäuscht. Ist doch alles inzwischen mehr oder weniger bekannt...
machorka-muff 25.07.2010
5. red herring
der westen kann und braucht in afghanistan nicht zu gewinnen: abmarsch! die sache mit der enthüllung brisanter kriegsdokumente riecht faul - wahrscheinlich der nächste verarschungs coup der cia.
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