AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 42/2012

Uganda: Ein Feldwebel für Afrika

Aus Bihanga, Uganda, berichten und Anne Backhaus (Videos)

In einem Wildnis-Camp trainieren Bundeswehrsoldaten Kämpfer für Somalia. Die Rekruten fangen bei null an, sind aber wohl die Einzigen, die einen dauerhaften Frieden in dem Bürgerkriegsland sichern können.

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Der Deutsche hockt in der ugandischen Savanne, 30 Augenpaare folgen dem Filzstift in seiner Hand. Er schreibt die wichtigsten Befehle auf eine Blechtafel: "Stillgestanden", "Feuer" - einmal auf Englisch, einmal auf Somali.

Muskelpakete spielen unter der Haut seiner tätowierten Arme, Moskitos sirren um seinen kahlgeschorenen Schädel. Die Hitze steht über der Savanne, am Horizont ziehen dunkle Gewitterwolken auf. "Dann wollen wir mal", murmelt Ralph Westermann, Hauptfeldwebel der Bundeswehr.

Er wird die 30 Männer, Rekruten aus Somalia, heute auf Patrouille durch den Busch hetzen. Er wird ihnen einbläuen, dass man mit einer Kalaschnikow nicht nur wild in der Gegend herumballern kann, somalischer Stil. Er wird ihnen sagen, dass es oft besser ist, den Hebel auf Einzelfeuer umzulegen, zu zielen - und zu treffen. Morgen sind die nächsten 30 Rekruten dran. Das ist Westermanns Job, seit drei Monaten.

Westermann - 42 Jahre alt, Boxer, Kraftsportler - ist einer von 19 Soldaten der Bundeswehr, die in der Wildnis West-Ugandas arbeiten. Sie sollen der Armee Somalias ein Rückgrat geben. Dafür hat die EU sie nach Bihanga geschickt, zusammen mit 65 Kameraden aus 12 weiteren europäischen Ländern. In Somalia würden die Rekruten schneller erschossen, als man sie trainieren kann. Und auch für die Ausbilder wäre es zu gefährlich. Deshalb steht das Camp in Uganda.

European Union Training Mission (EUTM) heißt das Programm. Die EU-Soldaten bilden 551 somalische Rekruten aus, die im Juli in Uganda gelandet sind, das ist der vierte Lehrgang der Mission: "In den ersten drei Monaten sind sie praktisch alle noch Zivilisten", sagt Westermann. Zum Jahreswechsel werden sie zurückfliegen nach Somalia, zurück in den Krieg. Wenn Westermann sie gut ausbildet, können sie überleben - und vielleicht sogar helfen, ein Problem zu lösen, das die Welt seit über 20 Jahren plagt.

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Soldaten für Somalia: Tarnen, Schießen, Häuser stürmen

1991 musste der somalische Diktator Siad Barre fliehen, seitdem kämpfen am Horn von Afrika Milizen gegeneinander. In Gewalt und Chaos breiteten sich nicht nur die Piraten aus, die wiederholt Schiffe kapern, sondern auch die Islamisten der Terrorgruppe al-Schabab, die mit al-Qaida kooperieren.

Lehmhütten, Müllhalden, Ziegenherden

Die einzige Hoffnung auf einen dauerhaften Frieden ist die Regierung in Mogadischu. 10.000 Soldaten vornehmlich aus Uganda schützen die Politiker, sie haben auch die Schabab aus der Hauptstadt vertrieben. Kenianische Truppen haben den Islamisten vor gut zwei Wochen die Hafenstadt Kismaju abgenommen.

Doch Kenianer wie Ugander sind Ausländer, sie können siegen, aber sie können das Land kaum auf Dauer halten. Die Armee der Regierung ist ein desolater Haufen, theoretisch ebenfalls 10.000 Mann stark, miserabel ausgebildet. Das sollen Europäer wie Westermann ändern.

Wer nach Bihanga kommt, hat eine lange Reise hinter sich. Sieben Stunden dauert die Fahrt von der Hauptstadt Kampala, immer Richtung Westen. Aus dem Highway wird eine Landstraße, dann eine Staubpiste, schließlich geht ohne Allradantrieb so gut wie nichts mehr. Der Weg führt vorbei an Dörfern mit Lehmhütten, umgeben von brennenden Müllhalden und halbwilden Ziegenherden. Irgendwann steht im Nichts das Metallschild der "Bihanga Training School".

Gebaut haben das Lager einst die britischen Kolonialherren. Dann übernahm es die ugandische Armee, die jetzt für die Sicherheit des Camps und die Unterbringung der Somalier sorgt. Vor zwei Jahren stieg die EU mit ein. Die Europäer ließen die Zelte abbauen und feste Baracken errichten. In den langgezogenen Häusern leben die EU-Soldaten unter hellblauen Blechdächern. Wenige Meter entfernt laufen Hühner und Ziegen durch die Unterkünfte der Ugander und Somalier - afrikanischer Standard.

Schüsse auf den Gegner aus Pappe

Westermann stört das alles nicht, er ist zum zweiten Mal hier. Kaum ein anderer Soldat aus den Ländern der EU tut sich das an. Er habe sehen wollen, wie sich das Camp entwickelt hat, sagt er. Mit Hitze und Getier wird er fertig, aber der Sprachenwirrwarr im Camp ist ein Problem, Englisch sei nicht unbedingt seine Stärke. Irgendwie muss er dem kenianischen Dolmetscher klarmachen, was er von seinen somalischen Rekruten will.

Wie viel an den Sprachbarrieren zwischen Deutsch, Englisch, Kisuaheli und Somali hängenbleibt, erfährt Westermann jeden Tag: Sechs-, siebenmal wiederholt er seine Befehle, trotzdem kommt nicht alles an. Ein paar Brocken Somali hat er sich schon gemerkt: "Schnell, schnell" kann er übersetzen, das braucht man hier oft. Und "Danke"? Er weiß es nicht, egal: "Das benutzen wir nicht so oft", sagt Westermann - und verschwindet im Busch.

Sein Trupp ist gerade weitergezogen, da bricht einen Steinwurf entfernt die Hölle los. Das Donnern einer Granate hallt von den Hügeln wieder. Dann stürmt der somalische Rekrut Mohammed Sadiq in ein Haus, das automatische Gewehr im Anschlag. Er sieht eine Pappfigur im Hauseingang, schießt dreimal, mit zwei Kameraden durchkämmt er dann die Räume. Nach einer halben Minute ruft einer ins Funkgerät: "Objekt gesichert." Die Vögel singen wieder.

Mohammed will für Somalia kämpfen, für seine Freunde und seine Familie, sagt der 22-Jährige. Er kennt nur den Krieg. "Meine Heimat ist so gefährlich, da brauche ich alle Ausbildung, die ich bekommen kann." Im Magazin seines Sturmgewehrs stecken Platzpatronen, in drei Monaten wird Mohammed scharf schießen.

Die nächste Granate explodiert

Um unter realistischen Bedingungen trainieren zu können, haben die Ausbilder zwei Straßenzüge bauen lassen, wie sie auch in Mogadischu oder Kismaju stehen könnten. Avenida da Liberdade nennen sie eine der Straßen, so heißt auch der Prachtboulevard von Lissabon, die portugiesischen Kameraden haben sich das ausgedacht.

Bei vielen Häusern haben sie die Dächer weggelassen, so können die Trainer wie auf einer Tribüne von oben schauen, wer jetzt tot wäre und wer gewonnen hätte. Hauptmann Ricardo Jorge Silwa, Offizier der Portugiesen, ist mit Mohammeds Truppe nicht zufrieden: "Das war zu langsam! Denkt an die Abfolge, die wir besprochen haben. Sichern, dann sofort in den nächsten Raum. Keine Pausen. Das Ganze noch einmal." Der kenianische Dolmetscher übersetzt die Standpauke, die Einheit geht wieder in Position, die nächste Übungsgranate explodiert.

Die Nacht kommt plötzlich in den Tropen, gegen 19 Uhr wird es schlagartig dunkel. In der Messe der EU-Soldaten stehen Kicker und Tischtennisplatte, Bilder von Hamburgs Landungsbrücken hängen an der Barackenwand. In den Stuben schimmern die Monitore der Laptops. "Vor allem das Internet sollte immer funktionieren. Sonst kippt die Stimmung im Camp ganz schnell. Schließlich ist das die wichtigste Verbindung in die Heimat", sagt Major Sascha Repoki.

Jede Frühstücksflocke muss angeliefert werden

Er ist der ranghöchste deutsche Offizier im Camp, ein Logistiker: Jede Wasserflasche, jede Frühstücksflocke und jeder Bleistift müssen angeliefert werden. Nicht einmal Duschwasser gibt es im Camp, morgens rumpelt der Tankwagen durch den Checkpoint am Lagereingang. "Geht hier ein Stuhl kaputt, steht der nächste in Kampala", sagt Repoki. Immerhin die Krankenstation ist auf neuestem Stand der Technik.

Knapp fünf Millionen Euro ließ sich die Europäische Union den Betrieb des Camps in den letzten 15 Monaten kosten, Deutschland beteiligte sich dieses Jahr mit 1,2 Millionen Euro. Lohnt sich der Aufwand?

Dabei ist noch nicht klar, ob die EU das Mandat für den Auslandseinsatz verlängert. Eigentlich wurde bereits im Sommer eine Entscheidung erwartet, doch noch hat sich Brüssel nicht durchgerungen. Bis zum Jahreswechsel läuft die Mission noch. Zum ersten Mal seit 1991 tagt in Mogadischu seit August wieder ein reguläres Parlament, und es hat einen Präsidenten gewählt, Hassan Scheich Mohammed. Ihm müsse eine zuverlässige, organisierte und vor allem guttrainierte Armee zur Seite stehen - so liest es sich im EUTM-Programm. Wenn die Rekruten im Dezember in die Heimat zurückkehren, werden rund 3000 Soldaten der somalischen Armee in Bihanga ausgebildet worden sein.

Was für ein Chaos in Somalias Armee jedoch immer noch herrscht, zeigt die Auswahl der Rekruten für Bihanga. Immer wieder müssen die Ausbilder Leute zurückschicken. Meist, weil Ärzte feststellen, dass sie noch nicht volljährig sein können. Die EU mag sich nicht vorwerfen lassen, sie bilde Kinder zu Kanonenfutter aus. Viele halten auch das Training nicht durch, sie wirken neben den kräftigen Deutschen wie Hungergestalten. Andere benehmen sich daneben und müssen deshalb gehen.

Rekruten verscherbeln ihre Ausrüstung

Nach der Ausbildung erhalten alle Absolventen 600 Dollar. Gezahlt wird der Sold von der US-Armee - erst nach der feierlichen Entlassungszeremonie, damit keiner vorher mit den Dollar in der Tasche desertiert. Die Amerikaner übernehmen auch die Bezahlung nach der Rückkehr in die Heimat, damit sich die nun trainierten Kämpfer nicht sofort der nächsten Clan-Miliz anschließen. Im Bundesverteidigungsministerium hofft man darauf, dass "während der sechsmonatigen Ausbildung in den Köpfen der Soldaten eine neue Bindung an ihr Land entsteht", so ein Sprecher.

Zweifel sind erlaubt, denn schon bei der Fahrt durch Nachbardörfer fällt auf, dass viele Zivilisten Militärkleidung tragen, Gummistiefel, Tarnjacken mit der somalischen Flagge. Denn manche Rekruten stehlen sich nachts aus dem Lager und tauschen ihre Ausrüstung gegen Bargeld oder Zigaretten. Bisher bekamen Rekruten in Bihanga stets Ersatz, doch jetzt gilt im Camp eine neue Regel: Wer barfuß zum Morgenappell kommt, marschiert barfuß weiter. In Rucksäcken müssen die Rekruten ihre komplette Ausrüstung bei sich tragen, um Diebstähle zu verhindern.

Hauptfeldwebel Westermann will noch im Oktober für eine Woche heim nach Uetersen bei Hamburg. Es wird sein einziger Urlaub während der sechs Monate Auslandsmission. "Ausspannen mit der Freundin, St. Pauli gucken, Auto reparieren", das will er - und dann zurück nach Bihanga. Er glaubt, dass er dort etwas Sinnvolles tut.

Bei diesem Artikel handelt es sich um eine gekürzte Version. Lesen Sie die Geschichte in voller Länge im neuen SPIEGEL. Hier können Sie das neue Heft direkt kaufen oder ein Abo abschließen .

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1. Qualifiziert
AusVersehen 17.10.2012
Zitat von sysopIn einem Wildnis-Camp trainieren Bundeswehrsoldaten Kämpfer für Somalia. Die Rekruten fangen bei null an, sind aber wohl die Einzigen, die einen dauerhaften Frieden in dem Bürgerkriegsland sichern können. Uganda: Bundeswehr bildet in Afrikas Savanne somalische Soldaten aus - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/uganda-bundeswehr-bildet-in-afrikas-savanne-somalische-soldaten-aus-a-861287.html)
Wenn ich mir die "Erfolge" des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan angucke, dann habe ich nicht den Eindruck, dass die Bundeswehr qualifiziert ist, Soldaten für einen Bürgerkrieg auszubilden. Strategien wie "wasch mir die Hände, aber mach mich nicht naß" haben noch nie zum Erfolg geführt. Wobei ich den deutschen Soldaten in Afghanistan da keinen Vorwurf machen möchte. Die machen den Job so gut es die Eiertruppe des Bundestages zuläßt.
2. Grundsätzlich gut
curlybracket 17.10.2012
... finde ich diesen Einsatz. Ich frage mich aber, ob es nicht sinnvoller wäre anstatt zahreicher Dolmetscher (und ihre Kosten) unsere Ausbilder lieber Somali lernen zu lassen. Das kommt erstens besser an (direkter Kontakt) und lässt es auch besser zu in die Gedankenwelt der somalischen Rekruten hineinzukommen und zu verstehen.
3. Ausgerechnet Somalia
ZiehblankButzemann 17.10.2012
Es ist wirklich niemand zu beneiden, der in dieses von Warlords und Clans beherrschte Land gehen will oder gehen muss. Hochachtung an alle die sich sowas antun um positives zu bewirken. Viel schwieriger kann eine Mission wahrscheinlich gar nicht sein. Alles Gute
4.
PublicTender 17.10.2012
Zitat von sysopIn einem Wildnis-Camp trainieren Bundeswehrsoldaten Kämpfer für Somalia. Die Rekruten fangen bei null an, sind aber wohl die Einzigen, die einen dauerhaften Frieden in dem Bürgerkriegsland sichern können. Uganda: Bundeswehr bildet in Afrikas Savanne somalische Soldaten aus - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/uganda-bundeswehr-bildet-in-afrikas-savanne-somalische-soldaten-aus-a-861287.html)
Wenn man bedenkt dass diese somalischen Soldaten letztendlich nur das ausführen was man ihnen befiehlt wird mir anders. In 5 - 10 Jahren hat sich die politische Situation evtl. völlig geändert. Dann kämpfen evtl. von Deutschen ausgebildete Somalis gegen unsere Allierten oder sogar gegen deutsche Soldaten. War in Afghanistan ja nicht anders.
5. sind aber wohl die Einzigen, die einen dauerhaften Frieden in dem Bürgerkriegsland si
Worldwatch 17.10.2012
Aber sicher das! Was Afghanistan ja wohl hinreichend unter Beweis gestellt hat! (Ironie aus)
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