Offene Grenzen in Uganda In diesem Land können Flüchtlinge bleiben. Für immer

Arbeitserlaubnis ab dem ersten Tag, 900 Quadratmeter Grund und ein Bleiberecht für immer - all das bietet das kleine Land Uganda jedem registrierten Flüchtling an. Was steckt dahinter?

SPIEGEL ONLINE/ Maria Feck

Aus Arua, Uganda, berichtet . Fotos: Maria Feck


Es ist nicht lange her, da musste Selena Gaba um ihr Leben fürchten. In den Augusttagen des vergangenen Jahres lagen beinahe jeden Morgen aufs Neue Leichen in den Gassen ihres Viertels der Stadt Yei im Südsudan.

Die Mörder waren Soldaten der Regierung, davon ist Gaba überzeugt. Auf ihrer Suche nach Rebellen hätten die Truppen skrupellos Angehörige der Kakwa-Volksgruppe gejagt und getötet, weil sie sie pauschal zu den Aufständischen rechneten.

Also lief Gaba eines Morgens davon, gemeinsam mit drei eigenen Kindern, fünf Enkeln und vier Nachbarskindern, die ihre Eltern verloren hatten.

Drei Tage brauchten sie zu Fuß bis an die ugandische Grenze. Nachts versteckten sie sich vor den bewaffneten Männern im Busch, zweimal schliefen sie in Kirchen. Als die 40-jährige Gaba im Camp Bidi Bidi in Norduganda ankam, hatte sie nicht mehr dabei als einen verbeulten, verrußten Alutopf.

Selena Gaba, 40, und einige der zwölf Kinder, mit denen sie aus Yei im Südsudan nach Uganda floh
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Selena Gaba, 40, und einige der zwölf Kinder, mit denen sie aus Yei im Südsudan nach Uganda floh

Heute, kein Jahr danach, ist Gaba Kleinunternehmerin und besitzt 900 Quadratmeter Land. Sie verkauft selbst frittierte Snacks an einem kleinen Stand, hat zwei eigene Häuschen, und ihre größte Sorge im Moment lautet: "Wo kriege ich nur Seife her?"

Ihr seid willkommen, wenn ihr wollt, für immer

So kann eine Flüchtlingsbiografie in Uganda aussehen, wenige Monate nachdem der Horror der ethnischen Vertreibung hinter Gaba und den Kindern liegt. Denn Uganda hat die wohl freundlichste Flüchtlingspolitik der Welt. Die Grenzen bleiben stets geöffnet. Im Jahr 2016 hat kein anderes Land mehr Geflüchtete aufgenommen als das kleine Uganda, das ziemlich genau in der Mitte Afrikas liegt.

Der Weg der Flüchtlinge führt nach der Ankunft in einem Erstaufnahmelager schon nach einigen Tagen zum eigenen Grundstück. 30 mal 30 Meter weist die Regierung jeder Familie zu. Der Fleck Erde darf mit einem Wohnhaus und einer Latrine bebaut werden. Die Botschaft: Ihr seid willkommen, und ihr dürft bleiben. Wenn ihr wollt, für immer.

Platz ist vorhanden, weil Ugander hier nicht so gern siedeln. 80 Kilometer entfernt liegt die Stadt Arua, ein regionales Drehkreuz für Handel und Verkehr, sogar mit kleinem Flugplatz. Doch von dort bis zum Nil, der vom Victoriasee aus nach Norden fließt, ist das Land karg und das Klima rau. Für die Südsudanesen, die dem Krieg entkommen sind, ist es dennoch ein sicherer Ort.

Aus der eigenen Geschichte gelernt

Ein weiterer Grund, der die Aufnahme von Gaba und inzwischen fast einer Million südsudanesischer Kriegsflüchtlinge erleichtert, ist die oft gemeinsame Kultur. Auf beiden Seiten der von der britischen Kolonialmacht Ende des 19. Jahrhunderts gezogenen Grenzen leben Kakwa und etliche weitere Volksgruppen. Seit Jahrzehnten besteht ein reger Grenzverkehr zwischen dem südlichen Südsudan und Uganda, kulturelle Differenzen gibt es kaum. Außerdem wissen viele Ugander genau, dass es sehr gute Gründe geben kann, ins Nachbarland zu flüchten: Nicht weit von hier, im Norden Ugandas, trieb die christliche Miliz Lord's Resistance Army des Warlords und mutmaßlichen Kriegsverbrechers Joseph Kony mehr als 20 Jahre ihr brutales Unwesen.

Zwar ächzen die Gastgebergemeinden inzwischen unter dem Flüchtlingsdruck, vereinzelt wird von Konflikten um knappe Ressourcen berichtet. Doch ihre Warnung verbinden sowohl die Regierung als auch die Helfer stets mit einem Appell: Es braucht mehr internationales Geld, damit Uganda die weltweit am schnellsten wachsende Flüchtlingspopulation auch weiter so freundlich beherbergen kann. Von einer Abkehr vom liberalen Kurs ist bislang jedoch keine Rede.

Ugandas Regierung betreibt ihre offene Flüchtlingspolitik allerdings nicht aus reiner Selbstlosigkeit. Für den unterentwickelten Nordwesten ist die internationale Hilfe sehr einträglich. Hunderte Kilometer neue Straßen im Niemandsland haben Bulldozer der Hilfsorganisationen freigeschoben. Wo vorher steiniger, dorniger Busch war, sind jetzt neue Ortschaften.

Boomfaktor Flüchtlingselend

Aus Camps werden Dörfer. Und weil die Versorgung mit Essen und Wasser, mit Medizin und Impfstoffen von internationalen Organisationen geleistet wird, kommt eine Menge Geld ins Land. Rund 40 Hilfsorganisationen sind bislang beim Office of the Prime Minister registriert, mit Tausenden Mitarbeitern, die meisten lokale, ugandische Kräfte. Sie müssen wohnen, brauchen Büros, Lastwagen, Autos mit Fahrern.

Märkte, Unterkünfte, Restaurants schießen aus dem Boden, viele Hunderttausend Euro Investment, ermöglicht durch den unstillbaren Bedarf von einer Million Menschen ohne Hab und Gut - und durch die tägliche Arbeit und den Handel, den die geflüchteten Südsudanesen treiben.

Außerdem, so erzählt es ein Helfer hinter vorgehaltener Hand, greift die Regierung in Kampala bei jedem Projekt tief in die Taschen der Hilfsorganisationen. Ein Viertel des von seiner Organisation veranschlagten Budgets für Entwicklungshilfe fließe in die Staatskasse Ugandas.

So kommen sehr schnell etliche Millionen Euro zusammen - und davon landet wiederum viel zu viel auf privaten Konten korrupter Eliten. Diese Korruption hatte unter anderem die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) vor einigen Jahren als ein Kernproblem Ugandas ausgemacht. Und ebenso: der Umgang der Geberländer und -organisationen damit.

Nach jedem Korruptionsskandal wird Besserung gelobt

Zwar seien bei jedem größeren Skandal, wie etwa als Mitte der Nullerjahre 4,5 Millionen US-Dollar aus der Aids- und Malaria-Prävention einfach verschwanden, die internationalen Hilfen eingefroren worden, darunter auch Zusagen aus Deutschland. Die daraufhin versprochenen konsequenten Reformen seien aber allenfalls kosmetischer Natur gewesen, kritisiert HRW. Nach einer Schamfrist flössen die Millionen wieder wie zuvor.

Auch ohne die von den NGOs abgezweigten Finanzspritzen für den Staatshaushalt sollte Uganda eigentlich besser dastehen, als es das leider tut. Die Wirtschaft wuchs seit 2000 nahezu kontinuierlich, das Bruttoinlandsprodukt hat sich in den vergangenen 15 Jahren auf mehr als 24 Milliarden Euro beinahe verfünffacht.

Doch ein Mitarbeiter einer lokalen Hilfsorganisation bemängelt: Im Nordosten versorgt noch immer das Welternährungsprogramm der Uno die Menschen mit Essen. "Tansania und Kenia haben für Dürrezeiten große Getreidespeicher angelegt, sie sorgen vor. Hier in Uganda geschieht: nichts." Hunger und Not in Uganda, das sei ein politisches Problem, sagt der Mann, der seinen Namen nicht in einem Artikel lesen will.

Präsident Museveni (rechts, mit Uno-Generalsekretär Guterres und Flüchtlingsmädchen): Endlich mal der Gute sein
REUTERS

Präsident Museveni (rechts, mit Uno-Generalsekretär Guterres und Flüchtlingsmädchen): Endlich mal der Gute sein

Solche anonyme Kritik wischt man leichter vom Tisch, wenn man sich als aufnahmebereitestes Land der Welt bezeichnen kann. Und für Machthaber Yoweri Museveni bietet sich zudem die Möglichkeit, mit dem Finger auf den kaltherzigen Westen zu zeigen. In einem Interview mit der "tageszeitung" verurteilte der ugandische Staatsminister für Flüchtlingsangelegenheiten, Musa Ecweru, unlängst die EU, die ihre Grenzen für Flüchtende schließe, und erklärte trotzig: "Unsere Grenzen bleiben offen."

Überwiegen also edle Motive oder das Kalkül der Regierungsclique in Kampala? Für Seleba Gaba und die zwölf Kinder ist es zunächst einerlei. Sie hat zwei Hütten, kann sich dank der Lebensmittelhilfe selbst versorgen und wünscht sich mehr Hygieneprodukte und ein wenig Abwechslung im Kochtopf. Für die Kinder müssen zudem bald Schulen entstehen. Nur das bringt ihnen eine Perspektive, um auch in Uganda zu bleiben.

Gaba überlegt, wie es weitergehen kann. "Auf meiner Lebensmittelbezugskarte steht 2040, so lange werde ich hier versorgt." Ihr Wunsch ist das nicht. Sie könnte bleiben, aber im Moment will sie zurück. Yei ist ihre Heimat, doch die Mörderbanden von Präsident Salva Kiir und Dutzende Rebellengruppen verhindern ihre Rückkehr. Auch wenn Uganda ihnen eine Tür geöffnet hat, durch die sie fliehen konnten - bei Gaba und auch bei anderen Flüchtlingen heißt es meist: Wir wollen Frieden. Und wir wollen zurück nach Hause.

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