Jagd auf den Massenmörder: Wie Joseph Kony die US-Spezialkräfte austrickst

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Seit sechs Monaten jagen US-Eliteeinheiten den ugandischen Rebellenchef Joseph Kony - ohne Erfolg. Der Massenmörder überlistet seine Verfolger ständig. Er sitzt tief im afrikanischen Dschungel, in einem Gebiet von der Größe Kaliforniens. Ihre Hightech-Ausrüstung nützt den Amerikanern dort kaum.

Obo - Es ist ein endloses Versteckspiel, irgendwo im Dschungel von Zentralafrika. Ein halbes Jahr sind US-Elitekämpfer nun bereits in der schwer zugänglichen Region stationiert. Sie sollen den gefürchteten ugandischen Rebellenchef Joseph Kony stellen. Doch Erfolge können sie bisher keine vorweisen, immer wieder schlüpft ihnen der Kriegsverbrecher durch die Maschen. Nun haben die US-Einheiten westlichen Journalisten Einblicke in ihre tägliche Arbeit gewährt.

Fünf Stützpunkte haben die amerikanischen Soldaten errichtet: Entebbe in Uganda, Nzara im Südsudan und Dungu im Kongo. Zwei Camps befinden sich in der Zentralafrikanischen Republik, in Djema und Obo. Rund 7000 Einwohner zählt Obo, die Kleinstadt liegt unweit der Grenze zum Südsudan. Hier unterstützen rund 20 Navy Seals und Green Berets die Einheiten der lokalen Armee bei ihrer Jagd auf Kony. Dabei beschränken sich die US-Truppen auf die Rolle als Berater, Waffeneinsatz ist ihnen nur zur Selbstverteidigung gestattet.

Doch auch die Berateraufgaben stellen die Spezialeinheiten vor gewaltige Probleme. "Unsere Ausrüstung wird durch die Bedingungen vor Ort beeinflusst, vor allem durch die Vegetation. Die Geräte verhalten sich ganz anders als etwa in der Wüste", berichtete ein 29-jähriger Captain der Nachrichtenagentur Reuters. Viele der Elitesoldaten in Afrika haben vorher im Irak oder in Afghanistan gekämpft - und müssen sich nun mit den extremen Bedingungen in Afrika arrangieren.

Bald kommt der Regen - und dann der Matsch

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Jagd auf Rebellenchef Kony: Das Phantom im Dschungel
Die Region ist so unerschlossen, dass es vier Monate gedauert hat, das Camp in Obo zu errichten. In wenigen Wochen werden die ersten schweren Regenfälle erwartet. Dann verwandeln sich die wenigen Staubpisten in zähen Morast, und die Region könnte bald nur noch aus der Luft erreichbar sein.

Doch auch ohne Unwetter stehen die Eliteeinheiten vor genug Problemen. "Die Vegetation absorbiert Signale und Geräusche", so Gregory weiter. Ein Großteil der Elektronik kann nicht oder nur bedingt eingesetzt werden. Dies gilt unter anderem für die Satelliten-Überwachung, die durch das dichte Blätterdach der Dschungelgebiete nahezu unmöglich wird.

So müssen sie sich oft auf Berichte von Beobachtern und Augenzeugen verlassen, die irgendwo im Urwald auf Spuren von Kony und den rund 200 Kämpfern seiner Lord's Resistance Army (LRA) gestoßen sein wollen. Das Problem: In den Wäldern rund um Obo gibt es kaum Straßen, auch das Kommunikationsnetz ist löchrig. So erreichen Berichte über Sichtungen oder gar neue Gräueltaten der LRA die Kommandozentrale oft erst nach Tagen oder Wochen. Für ein Eingreifen ist es dann längst zu spät.

Versteckt sich Kony im Sudan?

Entsprechend vage bleiben die Vermutungen zu Konys aktuellem Aufenthaltsort. Es gibt zwei Theorien: Zum einen existieren Anhaltspunkte, dass sich der Rebellenchef in den Sudan gerettet haben könnte - und den Schutz der dortigen Regierung genießt. Angeblich stattet Khartum die Einheiten der LRA sogar mit Uniformen aus. Wahrscheinlicher scheint jedoch, dass sich Kony, der durch ein virales Online-Video zuletzt wieder in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt war, in der Zentralafrikanischen Republik verschanzt hält.

Die dortige Armee gilt als eine der schwächsten des Kontinents, Infrastruktur ist in vielen Gegenden kaum vorhanden. Theoretisch könnte sich Kony jedoch in einem weit größeren Gebiet verstecken. Nach US-Angaben umfasst die komplette Grenzregion rund 400.000 Quadratkilometer, ein Areal von der Größe Kaliforniens.

Zudem soll Kony seine verbliebene Armee - der massenhaft Morde, Entführungen und Vergewaltigungen vorgeworfen werden - in kleine, mobile Einzelgruppen aufgebrochen haben. Längst benutzt der Rebellenchef keine ortbaren Kommunikationsmittel mehr, stattdessen überbringen Boten zu Fuß die Botschaften des Anführers an seine Untergebenen. Ihre Spuren verwischen die LRA-Kämpfer im Urwald meisterhaft. Zudem erweisen sich viele Berichte über Sichtungen oder Verbrechen als Falschmeldungen.

LRA lässt Geiseln zurück

Einen positiven Effekt immerhin hat die US-Mission offenbar: So können die Truppen der LRA immer öfter Geiseln, vor allem Frauen und Kinder, bei ihrer Flucht nicht mehr mitnehmen. Viele von ihnen wurden in den vergangenen Wochen und Monaten zurückgelassen und konnten sich in Sicherheit bringen.

Große Hoffnungen, den Rebellenchef selbst in näherer Zukunft zu fassen, machen sich die US-Einheiten dagegen nicht. "Es hat zehn Jahre gedauert, bis Osama Bin Laden gefunden und getötet wurde - obwohl die USA sich voll auf ihn konzentriert haben", sagte General Carter Ham, Kommandeur der US-Kräfte in Afrika: Nun versuche man mit hundert Soldaten einen einzelnen Mann in einem Irrgarten zu stellen. "Das ist eine harte Mission."

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insgesamt 70 Beiträge
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1. Sexistische Formulierung
Konfunzius 30.04.2012
Als Fan Ihrer Berichterstatung möchte ich Sie darauf hinweisen, dass Sie wahrscheinlich unabsichtlich eine Formulierung verwenden, die zwar weit verbreitet ist, aber stark Männer-diskriminierend: "Rücksichten auf bestimmte Volksgruppen gibt es ebenso wenig wie auf Frauen und Kinder." Warum schreiben Sie nicht: "... wie auf Unbewaffnete" oder "... wie auf Zivilisten"? Ihre Formulierung impliziert ein militaristisches Männerbild, so als seien Männer selbstverständlich immer auch bewaffnet, Frauen oder Kinder dagegen nicht. Sie wollen doch bestimmt nicht sagen, dass es moralisch weniger verwerflich ist, einen wehrlosen Mann zu erschießen, als eine wehrlose Frau oder ein wehrloses Kind, oder?
2. Der Afrikanische Bin Laden??
mr_smith 30.04.2012
Zitat von sysopAPSeit sechs Monaten jagen US-Eliteeinheiten den ugandischen Rebellenchef Joseph Kony - ohne Erfolg. Der Massenmörder überlistet seine Verfolger ständig. Er sitzt tief im afrikanischen Dschungel, in einem Gebiet von der Größe Kaliforniens. Ihre High-Tech-Ausrüstung nützt den Amerikanern dort kaum. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,830599,00.html
Brauchen die Amis nun einen Afrikanischen Bin Laden, um in Afrika militärisch Präsent zu sein? Und die richtigen Massenmörder sitzen woanders. Wieviele Tote haben der Irak-Krieg, Afghanistan-Krieg und die anderen US geführten Kriege gefordert?
3.
tabvlarasa 30.04.2012
Die USA als ausgewiesene Spezialisten werden die Ressourcen schon sichern, keine Sorge.
4. Jagd nach Kony?!?
carahyba 30.04.2012
Zitat von sysopAPSeit sechs Monaten jagen US-Eliteeinheiten den ugandischen Rebellenchef Joseph Kony - ohne Erfolg. Der Massenmörder überlistet seine Verfolger ständig. Er sitzt tief im afrikanischen Dschungel, in einem Gebiet von der Größe Kaliforniens. Ihre High-Tech-Ausrüstung nützt den Amerikanern dort kaum. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,830599,00.html
Die Jagd nach Kony ist nur ein Vorwand um die militärische Präsenz der US-Army in Zentral-Afrika zu begründen. Es geht gegen den Niger, Mali, Tschad, Uganda, Sudan usw. Zitat aus dem Artikel: Aus einigen Hundert Soldaten können schnell einige Tausend werden, je nach Anlass. In Zentral-Afrika wird intensiv nach Rohstoffen gesucht, im Sudan gibt es viel Erdöl und in der Zentralafrikanischen Union und in Uganda wird gleichfalls intensiv prospektiert. Schutz von Menschenrechten hat heute dieselbe Funktion wie im 19.Jahrhundert die Verbreitung der Europäischen Kultur unter den unterentwickelten zurückgebliebenen Völkern, den Wilden.
5.
galens 30.04.2012
Wieder mal ein Soldat(Mensch) der gejagt wird von Soldaten(Menschen). Ich glaube schon das wir die wirkliche Menschlichkeit nicht gelernt haben und auch nicht mehr lernen,solange es Soldaten(Menschen) auf der Welt gibt wird es Krieg geben. Vielleicht doch erst nach dem 3.Weltkrieg wenn die Lebenden dann doch die Toten beneiden würden,aber dann ist es zu spät.
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