Provinz Xinjiang China nennt Internierungslager für Uiguren "freie Berufsausbildung"

Eine Million muslimische Uiguren werden in Internierungslagern in China festgehalten. Menschenrechtsorganisationen prangern die Situation in den Lagern an - die kommunistische Regierung sieht das ganz anders.

Chinesische Soldaten in Xinjiang
DPA

Chinesische Soldaten in Xinjiang


Die chinesische Regierung hat einen weiteren Versuch unternommen, die Internierungslager für Muslime in der Provinz Xinjiang zu rechtfertigen. Erst vor etwa einer Woche war dort ein Gesetz geändert worden, wonach die Festsetzung von Uiguren in den Lagern legal ist. Nun hat der Gouverneur von Xinjiang, Shohrat Zakir, der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua ein seltenes Interview gegeben - und die Lager als "freie Weiterbildung" mit integriertem Sprachtraining bezeichnet.

Xinjiang biete eine Berufsausbildung an, die rechtmäßig sei, sagte Zakir. Das Ziel der Maßnahmen in den Lagern sei es, den "Nährboden für Terrorismus und religiösen Extremismus zu eliminieren", bevor es zu Anschlägen komme. Die Inhaftierten lernten dafür Mandarin und würden angeleitet, "moderne Wissenschaft und chinesische Kultur zu akzeptieren". Die Schüler lernten, wie sie Kleidung und Schuhe herstellten sowie Haare frisierten und könnten sogar im Internethandel ausgebildet werden.

In Berichten von Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch und Amnesty International zeichnen ehemalige Internierte ein gänzlich anderes Bild der staatlichen Lager, in denen laut Uno mehr als eine Million Menschen festgehalten werden. Sie berichten, dort auf die Partei eingeschworen worden zu sein, einige wollen physische und psychische Gewalt erfahren haben. Immer mehr Verwandte von Internierten wenden sich an die Öffentlichkeit, da sie keine Information zu dem Verbleib ihrer Angehörigen bekommen, die offenbar in den Lagern von jeglicher Kommunikation nach außen abgeschnitten werden (lesen Sie einen Erfahrungsbericht dazu hier).

Gouverneur Zakir zufolge gibt es in den Kantinen der Lager "nahrhaftes Essen", in den Zimmern gebe es Radios, Fernseher und Klimaanlagen. Er berichtet sogar von Basketball- und Volleyballfeldern, auch eine Theaterbühne soll es dort geben. Es würden Wettbewerbe im Schreiben, Singen und Tanzen organisiert. "Viele der Auszubildenden sagten, dass sie vorher von extremistischen Gedanken heimgesucht worden seien und zuvor nie an Sport und künstlerischen Tätigkeiten teilgenommen hätten. Jetzt realisieren sie, wie bunt das Leben sein kann", sagte Zakir.

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Uiguren in China: Angst vor dem Lager

Wie viele "Auszubildende" in den Lagern untergebracht sind, sagte er nicht. Auch machte er keine Angaben dazu, wie lange die "Kurse" gehen würden. Sowohl die Vereinten Nationen als auch die US-Regierung hatten die Lager massiv kritisiert. Die USA drohten sogar mit Sanktionen, wenn die chinesische Regierung weiterhin an der menschenrechtswidrigen Praxis festhalte.

Die chinesische Regierung hat in den vergangenen Monaten einen deutlichen Kursschwenk im öffentlichen Umgang mit Informationen zu den Internierungslagern unternommen. Zunächst hatte die KP die Existenz der Lager abgestritten, die Umerziehungslager dann aber eingeräumt und als Anti-Terrorismus-Maßnahme bezeichnet. Tatsächlich gab es immer wieder Anschläge von Uiguren, auch in Peking, seit einigen Jahren aber sind keine größeren Attacken der muslimischen Minderheit mehr publik geworden.

vks/Reuters/AP



insgesamt 9 Beiträge
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Ottokar 16.10.2018
1. Welche Ironie
die USA debattieren mit China über die Verletzung der Menschenrechte. Ausgerechnet die USA. Ist es eine Debatte oder Erfahrungsaustausch ?
JeanGerard 16.10.2018
2. Naja - der Zeigefinger ist schnell erhoben
Aber wenn man sieht, wie die Uiguren traditionell "leben", dann muss man im 21. Jahrhundert auch mal nach Alternativen fragen. Im vergangenen Jahr hatten wir die Gelegenheit, große Teile von Xinjiang intensiv zu bereisen - und als Westeuropäer ist man in der Tat hin und her gerissen. Die Uiguren leben traditionell in einfachsten Lehmhütten - ohne festes Dach, ohne Strom, ohne Wasser und ohne sanitäre Anlagen. Das Dach bilden oft nur alte auf Balken gelegte Plastikfolien, die mit irgendeinem Unrat gegen Wegfliegen gesichert werden. Dass diese Hütten überhaupt längere Zeit überstehen liegt nur daran, dass es sehr wenig regnet. Die kleinen Kinder robben mit nacktem Hintern durch den Dreck, und wohin diese Menschen zur Toilette gehen, das will man in Westeuropa überhaupt nicht wissen - und das im 21. Jahrhundert. China reißt diese Slums - was anderes ist es nicht - konsequent ab und verfrachtet die Menschen in richtige Häuser, Das sind oft Hochhäuser, aber nicht immer. Dort bekommen die Menschen das, was man im 21. Jahrhundert als Standard bezeichnen kann. Natürlich ist eine solche Zwangumsiedlung für den einzelnen Betroffenen u. U. bitter und natürlich geht auch ein Stück Tradition verloren, aber was ist denn die Alternative? So weiter leben lassen? Ohne jegliche Chancen und ohne Aussicht auf Eingliederung in die Gesellschaft? Spätestens die nächste Generation wird möglicherweise froh darüber sein, dass sie den Anschluss an die Gesellschaft nicht gänzlich verloren hat und deren Kinder nicht mehr mit nacktem Hintern durch den Dreck robben müssen. Auf diese Art und Weise versucht China, auch die Uiguren für sich "nutzbar" zu machen. Internierungslager haben wir nicht gesehen und können dazu auch nichts sagen. Aber gerade in der westlichen Welt, wo die Integration von Zuwanderern nicht mal ansatzweise gelingt, sollte man sich mit Kritik tunlichst zurückhalten - China bemüht sich wenigstens um Integration dieser Minderheiten, wenn aus unserer Sicht vielleicht auch nicht immer mit politisch korrekten Mitteln.
SummseMann 16.10.2018
3. Lernen
Man hört hier auf SPON ja ziemlich oft dass wir uns mehr an China orientieren sollten, weg von den USA. Ein wirklich guter Plan! Den von China lernen heißt siegen lernen. Es wäre sicher nicht verkehrt viele Bürger in Deutschland die noch an unsichtbare Wesen (z.B. Engel, Geister, ...) und übermachtige Gestalten (Götter Propethen, ...) glauben ins 21 Jahrhundert zu hieven. Wenn man das überall machen würde wäre der Planet sicher, friedlich und nicht überbevölkert. Gut gemacht China!
mariomeyer 16.10.2018
4. @JesnGirard
Ein paar Anmerkungen. Das Argument, dass man "zurückgebliebene" Völker zu ihrem Weg in die Moderne zwingen müsse, ist so alt wie der Kolonialismus (und wird in manchen Ländern heute auch sehr kritisch gesehen, "Selbstbestimmung der Völker" wäre ein Stichwort dazu). Amüsanterweise sind die Han bis heute nicht besonders gut auf die Zeit zu sprechen, als man sie dazu zwingen wollte, sich "zeitgemäßeren" Gepflogenheiten anzupassen - wollen davon aber nichts wissen, wenn sie selbst Tibetern, Uiguren und anderen die Vorzüge einer modernen Zivilisation angedeihen lassen können. Das ist eine widerliche Doppelmoral, die man gar nicht oft genug anprangern kann. Und natürlich geht es den Han dabei nicht um "Integration", wie Sie das so verbrämt nennen, denn integrieren muss sich nur der Fremde, sondern es geht um Assimilation - die indigene Bevölkerung soll sich den Besatzern anpassen. Aber ganz unabhängig von all dem - nichts, gar nichts rechtfertigt die Internierung von Hunderttausenden allein aufgrund ihres ethnischen Hintergrundes. Ich sehe auch nicht, wie so die "Integration" vorangetrieben werden soll. Bevor Sie jetzt argumentieren, dass ich nicht wüsste, wovon ich rede - ich war auch schon in Ostturkestan. Lange vor Ihnen. P.S.: Dass Sie keine Internierungslager gesehen haben, ist irrelevant. Selbst die chinesische "Regierung" hat deren Existenz bestätigt. Wobei sich auch die Frage stellt, wie Sie solche Lager hätten sehen sollen - Touristenattraktionen mit guter Ausschilderung sind solche Orte eher selten, ist mein Eindruck.
neanderspezi 16.10.2018
5. Sollten sich Uiguren nicht mit Lagerleben für Chinesen revanchieren?
"Lagerleben macht frei", oder "Haare frisieren macht frei", oder auch "Mandarin lernen macht frei", so oder so ähnlich könnten an den Lagertoren in Xinjiang Sprüche in den Himmel ragen, um den Uiguren das ihnen von den wohlwollenden Chinesen gewährte Übermaß an Freiheit verständlich zu machen, das ihnen zugeteilte Essen soll ja genießbar und sogar auch nahrhaft sein. Lassen die Chinesen auch Leute von außerhalb zu diesen wohlversorgten Uiguren vordringen, damit die sich über die Wohltaten mit denen die Lagerinsassen überhäuft werden ein treffendes Bild machen können und vielleicht dürfen solche Leute von außerhalb kommend, sich dank beispielhafter Großzügigkeit des Wachpersonals auch noch mit den ihr glückliches Dasein genießenden Lagerbewohnern unterhalten, um eine Vorstellung zu bekommen, was ihnen außerhalb der Lager zu einem vergleichbaren Wohlleben noch fehlt.
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