Ukraine Er tarnt sich als Journalist und macht offenbar Jagd auf Putin-Gegner

Kiew, Juni 2017: Ein Ehepaar trifft sich mit einem Mann, der sich als Reporter von "Le Monde" ausgibt. Am Ende fallen Schüsse, die Ukraine vermutet ein russisches Attentat. Die Geschichte hinter dem Mordversuch.

Adam Osmayev und seine Frau Amina Okuyeva nach dem Mordanschlag in der ukrainischen Hauptstadt Kiew
Brendan Hoffman/ Prime

Adam Osmayev und seine Frau Amina Okuyeva nach dem Mordanschlag in der ukrainischen Hauptstadt Kiew


Die Geschichte liest sich wie der Plot eines Polit-Thrillers; es geht um zwei Länder, die einen blutigen Konflikt ausfechten, um ein Ehepaar, das auf der einen Seite kämpft - und um einen angeblichen Journalisten, der in Wahrheit kein Reporter, sondern ein Attentäter ist und womöglich im Auftrag der anderen Seite das Paar umbringen soll.

Am Ende ist zwar keiner tot, doch die Geschichte, wie die "New York Times" (NYT) sie berichtet, ist dennoch ein Krimi.

Der Mann, der sich Alex Werner nennt und als Reporter der französischen Tageszeitung "Le Monde" ausgab, ist groß, ruhig und trägt teure Anzüge. Sein richtiger Name ist laut "New York Times" Artur Denisultanov-Kurmakayev. Bei dem Ehepaar, das er nicht interviewen, sondern offenbar erschießen wollte, handelt es sich demnach um Amina Okuyeva und Adam Osmayev. Das habe das ukrainische Innenministerium bestätigt.

"Putin hat ein persönliches Interesse daran, uns loszuwerden"

Das Paar ist in der Ukraine bekannt, Osmayev hat bei den Kämpfen in der Ostukraine ein ukrainisches Bataillon angeführt, seine Ehefrau kämpfte an seiner Seite gegen die prorussischen Separatisten - als Heckenschützin mit einem Camouflage-Kopftuch.

Seit Beginn des Ukrainekonflikts im April 2014 wurden nach Angaben der Vereinten Nationen rund 10.000 Menschen getötet, die EU wirft Moskau die Unterstützung der Rebellen vor.

Adam Osmayev, der wie seine Frau in der russischen Unruheprovinz Tschetschenien geboren und laut "Telegraph" in Großbritannien zur Schule gegangen ist, soll 2012 einen Plan entworfen haben, um den damaligen russischen Ministerpräsidenten zu töten - sein Name: Wladimir Putin. Osmayev wurde damals in der Ukraine verhaftet, der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte verhinderte seine Auslieferung nach Russland.

2014 kam er wieder frei und ging zum Kämpfen in den Osten der Ukraine. Dass sie als Feinde Russlands gesehen werden, ist dem Ehepaar klar. "Putin hat ein persönliches Interesse daran, uns loszuwerden", sagt Amina Okuyeva laut NYT.

Und jetzt kommt Artur Denisultanov-Kurmakayev alias Reporter Alex Werner ins Spiel. Seit mehr als einem Jahr lebte er bereits in Kiew, traf sich regelmäßig mit Politikern und antirussischen Aktivisten. Laut "Le Monde" arbeitet kein Journalist dieses Namens für die Zeitung.

Dennoch bat er das Ehepaar um ein Interview - es sollte eine lange Hintergrundstory werden. Dreimal traf man sich. Komisch fand Okuyeva, dass der angebliche Journalist zwar einen Laptop bei sich trug, aber nie etwas hineintippte. Zum vierten Treffen ging sie bewaffnet.

Denisultanov-Kurmakayev hatte das Paar gebeten, ihn zunächst in ihrem Auto abzuholen und zur französischen Botschaft zu bringen, er hätte auch ein Geschenk von seinen Chefs von "Le Monde". Während der Fahrt forderte er die Eheleute auf, sich für ein Interview nach hinten ins Auto zu setzen, auch um ihnen das Geschenk zu überreichen, das er in einer roten Pappschachtel dabeihatte.

Das Geschenk war: eine Waffe. Mit der soll Denisultanov-Kurmakayev das Feuer auf Adam Osmayev eröffnet haben - Amina Okuyeva schoss viermal zurück. Beide Männer überlebten schwer verletzt.

In wessen Auftrag der falsche Journalist geschossen hat, ist noch unklar. Das ukrainische Innenministerium und Abgeordnete machen laut "NYT"-Bericht den russischen Geheimdienst verantwortlich. Der ukrainische Geheimdienst SBU ist sich da nicht so sicher, will die Möglichkeit aber auch nicht ausschließen.

Es ist nicht der erste Mord oder Mordversuch in Kiew, der laut Ukraine von Russland aus gesteuert wurde. Aber es war das erste Mal, dass sich ein Attentäter als Reporter ausgegeben hat.

Denisultanov-Kurmakayev soll in den Neunzigerjahren schon einmal öffentlich aufgetaucht sein, als er laut eigener Aussage im Auftrag des tschetschenischen Diktators Ramsan Kadyrow einen Gegner Kadyrows in Österreich ermorden sollte - was er aber nicht tun wollte und angeblich deshalb selbst zur österreichischen Polizei ging, um Schutz zu erhalten.

Sehen Sie hier eine SPIEGEL-TV-Reportage über die Jagd auf Putin-Gegner in der Ukraine.

lgr



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