Konflikt im Donbass Amnesty prangert illegale Hinrichtungen in der Ostukraine an

Die Vermutung gab es schon länger, nun präsentiert Amnesty International Beweise: Prorussische Aufständische haben demnach in der Ostukraine Gefangene exekutiert.

Prorussische Rebellen: Amnesty beklagt Kriegsverbrechen im Donbass
AP

Prorussische Rebellen: Amnesty beklagt Kriegsverbrechen im Donbass


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Amnesty International hat Beweise, dass die prorussischen Aufständischen in der Ostukraine Gefangene hingerichtet haben. In einer Mitteilung fordert die Menschenrechtsorganisation eine "schnelle und unabhängige Untersuchung".

Ein YouTube-Video zeige, wie der ukrainische Soldat Igor Branowizki ins Gesicht geschlagen werde, teilte Amnesty mit. Branowizki habe am Flughafen von Donezk gekämpft, sei in die Gefangenschaft der Rebellen geraten, gefoltert und dann von einem Rebellenkommandeur aus nächster Nähe erschossen worden. Seine Leiche sei Anfang April den Angehörigen übergeben worden. Die ukrainischen Sicherheitsdienste hätten Ermittlungen aufgenommen.

Mindestens drei weitere ähnliche Fälle seien Amnesty bekannt: Es gebe Fotos, bei denen Soldaten mit einem Kopfschuss exekutiert worden seien. Zuvor seien sie bei Kämpfen in der Stadt Debalzewe von Rebellen gefangen genommen worden. Amnesty hatte solche Vorwürfe bereits im Oktober erhoben, konnte damals aber noch keine Beweise vorlegen.

Es müsse dringend etwas gegen die Menschenrechtsverstöße in der Region unternommen werden, fordert Amnesty. "Die Frage ist nun, welche Konsequenzen die Separatistenführer ziehen werden", sagte der Asien-Sprecher der Organisation, Denis Krivosheev. Er bezeichnete die Folter und die Hinrichtung von Gefangenen als Kriegsverbrechen. Die Täter müssten bestraft werden. Die Rebellen wiesen die Anschuldigungen zurück.

Lawrow in Berlin

Die Konfliktparteien werfen sich gegenseitig vor, sich nicht an die vereinbarte Waffenruhe zu halten: Innerhalb der vergangenen Woche hätten die Regierungstruppen mehr als 200-mal gegen die Waffenruhe verstoßen, sagte ein Sprecher der Separatisten im Unruhegebiet Donbass. Drei Zivilisten seien dabei getötet worden.

Die ukrainische Armee wirft den Separatisten wiederum vor, bei Donezk und bei Schyrokyne am Asowschen Meer vorgerückt zu sein und mindestens drei Regierungssoldaten verletzt zu haben, sagte Armeesprecher Alexander Motusnjak.

Am Montag will der russische Außenminister Sergej Lawrow an einem Ukraine-Krisentreffen in Berlin teilnehmen. Er wolle zusammen mit seinen Kollegen aus Deutschland, Frankreich und der Ukraine über die Umsetzung des Minsker Friedensabkommens sprechen, sagte Lawrow der russischen Nachrichtenagentur Interfax zufolge.

Der Minister forderte Frankreich und Deutschland auf, Druck auf die ukrainische Regierung auszuüben und "mit der Sabotage der Minsker Vereinbarung aufzuhören". Zuletzt waren die vier Außenminister Ende Januar in Berlin zusammengekommen. Drei Wochen später verständigten sie sich bei einem Krisengipfel in der weißrussischen Hauptstadt Minsk auf eine Waffenruhe, die aber brüchig ist.

Bei den Kämpfen im Osten der Ukraine zwischen prorussischen Separatisten und ukrainischen Soldaten sowie Kiew-treuen Milizen wurden in den vergangenen zwölf Monaten nach Schätzungen von Amnesty International mehr als 6000 Menschen getötet.


Zusammengefasst: Amnesty International wirft prorussischen Separatisten vor, Gefangene in der Ostukraine exekutiert zu haben. Die Menschenrechtsorganisation fordert die sofortige Aufklärung der Verbrechen. Die vereinbarte Waffenruhe im Donbass ist brüchig. Am Montag wollen Deutschland, Frankreich, Russland und die Ukraine erneut über das Minsker Abkommen verhandeln.

kry/mxw/AP/AFP



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