Fall Babtschenko Der Preis der Täuschung

Arkadij Babtschenko lebt - das ist die gute Nachricht. Die schlechte ist, dass Kiew schweigt. Dabei müsste der ukrainische Geheimdienst wichtige Fragen beantworten. Es geht um die Glaubwürdigkeit des Landes.

REUTERS

Von , Moskau


Es ist nun einen Tag her, dass Arkadij Babtschenko von den Toten auferstanden ist.

Ein Tag, der mit der Trauer um den angeblich erschossenen russischen Journalisten und Kremlkritiker begann und dann mit großer Erleichterung endete. Denn Babtschenko lebt. Das ist die gute Nachricht, doch sie sorgt auch für Verwirrung, für ein ungutes Gefühl, mit dieser Mordinszenierung an der Nase herumgeführt worden zu sein.

Darf der ukrainische Geheimdienst SBU im Zusammenspiel mit einem Journalisten dessen Mord vortäuschen? Der Öffentlichkeit 20 Stunden lang weismachen, dass der Mann tot ist? War diese Art der Inszenierung seiner Ermordung wirklich der einzige Weg, um Babtschenkos Leben und dass der anderen 30 Menschen, die laut Geheimdienst umgebracht werden sollten, zu retten?

Über diese Fragen wird nun heftig diskutiert.

Babtschenko kann diese Debatte nicht nachvollziehen. Auf einer Pressekonferenz in Kiew sagte er am Donnerstag zu den Sicherheitsdiensten: "Ich bin Journalist. Sie sind der Geheimdienst. Sie werden mir nicht beibringen, wie man Artikel schreibt und ich Ihnen nicht, wie sie ihre Arbeit machen." Der Geheimdienst könne das besser einschätzen, er habe ihm sein Leben zu verdanken. "Es war richtig so." An die Frage, ob ein Journalist an so einer Operation teilnehmen dürfe, habe er als letztes gedacht.

In Kiew empfinden viele die Aktion der ukrainischen Sicherheitsdienste als gelungen. In der Ukraine wird der geplante Mordanschlag nun häufig in einer Reihe mit dem Nervengiftanschlag auf den ehemaligen Doppelagenten Sergej Skripal, den russischen Hackerattacken oder der russischen Beeinflussung der US-Präsidentschaftswahl genannt.

Im Video: Die "Auferstehung" des Arkadij B.

Mykola Lazarenko/ Ukrainian Presidential Press Service / REUTERS

Es schwingt Stolz mit, wenn der Abgeordnete Anton Geraschtschenko die "einzigartige Spezialoperation" lobt, welche "ein Beispiel für die effektive Zusammenarbeit zwischen Geheimdienst und Nationalpolizei" sei. Der bekannte Politologe Wladimir Fesenko nannte den Einsatz "sehr effektiv", der SBU sei im Ansehen gestiegen. "Man darf nicht vergessen, dass es um einen wirklichen Mordversuch ging, keiner hat den Auftrag inszeniert", betonte er.

Lob vom Präsidenten

Am Mittwoch wirkte es, als feierten sich die Offiziellen selbst: "Babtschenko ins Studio", hatte der Geheimdienstchef Wassilij Gritsak bei der Pressekonferenz gerufen, und den verdutzten Journalisten den für tot gehaltenen Kollegen wie in einer Fernsehshow präsentiert. Das war mehr Spektakel als Pressekonferenz. Dabei hätte diese doch eigentlich der Öffentlichkeit erklärlich machen sollen, warum genau die Sicherheitsdienste diese Art des Täuschungsmanövers bei einem Journalisten wählten, das mehr an Hollywood oder einen Thriller erinnerte.

Später würde Babtschenko verraten, dass er ein T-Shirt mit fingierten Schusslöchern bekommen habe und mit Schweineblut übergossen worden sei. Die herbeigerufenen Sanitäter seien eingeweiht gewesen und hätten ihn im Krankenhaus für tot erklärt. Alles wie im Film. (Lesen Sie hier, was wir über den Fall wissen - und was nicht.)

Präsident Petro Poroschenko lobte die Arbeit der Sicherheitsbehörden - er ließ sich noch am Mittwochabend mit Babtschenko filmen, den er überschwänglich umarmte. "Wir haben endlich gelernt, uns zu schützen, unser Land zu schützen und unsere Bürger. Unser neu formierter Geheimdienst macht das professionell. Er besteht auch die schwersten Prüfungen", erklärte der ukrainische Staatschef. Es klang wie eine Werbung in eigener Sache.

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Journalist Babtschenko: Eben noch tot geglaubt - jetzt im TV

Für das kommende Jahr sind Präsidentschaftswahlen angesetzt, Poroschenko will wieder antreten. Doch er liegt mit etwa zwölf Prozent Zustimmungsrate gerade einmal auf Platz vier der möglichen Kandidaten. Er muss also Erfolge vorweisen, zumal der Geheimdienst SBU nicht den besten Ruf hat. Er soll nach Presserecherchen eine dubiose Rolle bei der Ermordung des unabhängigen Journalisten Pawel Scheremet gespielt haben, der vor zwei Jahren durch eine Autobombe getötet wurde. Bis heute ist der Mord nicht aufgeklärt.

Keine Belege

Bisher haben die ukrainischen Sicherheitskräfte keine Beweise dafür vorgelegt, dass es Russland war, das den Auftrag gab, den kremlkritischen Journalisten Babtschenko und weitere russische Staatsbürger in der Ukraine ermorden zu lassen. Der Öffentlichkeit wurden Aufnahmen der Informationen über Babtschenko präsentiert, die der Organisator des Mordes namens B. L. German vorliegen hatte: Passdaten und -fotos, die laut der Ukrainer nur von staatlichen Stellen Russlands stammen können; ob das so ist, lässt sich kaum nachprüfen.

Zudem wurden zwei Videos veröffentlicht: Das eine soll die Festnahme von German zeigen, der für einen Waffenhersteller tätig war und nun wegen Terrors angeklagt wurde, das andere die sehr verwackelte Geldübergabe an den Auftragsmörder, der mit den Behörden kooperierte.

Der Krieg Russlands gegen die Ukraine erfordere "unorthodoxe Maßnahmen wie Gegenmaßnahmen", um sich zu verteidigen, erklärte die ukrainische Botschaft in London am Donnerstag in einem Facebook-Eintrag, in dem sie das Vorgehen im Fall Babtschenko darlegte. In der Tat steht Kiew dem übermächtigen Gegner Russland gegenüber, der dieselben Methoden ohne Rücksicht anwendet, Desinformation und Täuschung betreibt.

Folgen für Kiew

Welche Wirkung das Täuschungsmanöver des SBU aber langfristig haben wird, scheinen die ukrainischen Offiziellen bei aller Erleichterung und Stolz über den nach ihren Angaben vereitelten Mordanschlag nicht zu verstehen. Dass sich die Öffentlichkeit, die sich zunächst entsetzt zeigte angesichts eines weiteren Mordes in Kiew, hinters Licht geführt fühlt, weil sie zu einer Komplizin dieser Operation gemacht wurde, bei der so vieles erst einmal plausibel wirkte.

  • das Anschlagsziel: Ein russischer Kriegsjournalist, der nach massiven Drohungen nach Kiew ins Exil ging. Babtschenko hatte massiv die russischen Aggressionen in der Ostukraine und Syrien kritisiert.
  • die Tat: Drei Schüsse in den Rücken erinnerten viele an den Mord an dem Liberalen Boris Nemzow in Moskau.
  • die Erklärungen: Polizei, Geheimdienst, Freunde und Angehörige bestätigten den Tod.

Künftig wird man ganz genau hinschauen, wenn aus Kiew wieder Meldungen über Anschläge und Tote kommen - und die russische Seite wird immer wieder auf den Fake-Mord an Babtschenko hinweisen.

"Es geht nicht um Fake News, sondern um eine Geheimdienstoperation", sagte Babtschenko dazu. Er verdanke der Ukraine sein Leben, wolle die Staatsbürgerschaft annehmen. "Hier ist mein Platz". Zudem kündigte Babtschenko an, nun Bücher schreiben zu wollen.

Auch über das Erlebte.

Mitarbeit: Katja Kuznetsova; Olga Vasyltsova in Kiew

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