Kampf um Donezk Raketenwerfer zwischen Sonnenblumen

Die Schlacht um Donezk wird immer erbitterter geführt. Die Separatisten sprechen vom "totalen Krieg", Kiew von der bevorstehenden Wende. Allein, in welche Richtung?

AFP

Aus Donezk berichtet


Es sind die Bilder, die ihre eigene Wirkung entfalten. Nicht nur im Nordirak, auch hier in Donezk. Seit knapp drei Tagen gibt es in der einstigen Millionenstadt kein Wasser mehr, aber auf dem zentralen Lenin-Platz sprudelt auf wundersame Weise noch die große Fontäne. Die Menschen eilen dorthin. Sie steigen ins Bassin, füllen ihre mitgebrachten Eimer und tragen das wertvolle Wasser dann vorsichtig nach Hause.

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Heft 34/2014
Wie die IS-Terroristen ihr Kalifat errichten

Währenddessen stehen anderswo lange Menschenschlangen am Straßenrand. Sie haben leere Gefäße in der Hand und warten auf Wasserwagen, die die Stiftung des Donezker Milliardärs Rinat Achmetow versprochen hat. Es sind Bilder, wie wir sie aus Berlin im Mai 1945 kennen. Nur die Kulisse ist eine andere: Die Häuser in Donezk sind bislang noch einigermaßen heil.

Noch. Denn während die Donezker auf Wasser warten, schießen Rebellen am Dienstagnachmittag nur ein paar Häuserviertel weiter Raketen aus der Stadt heraus, es knallt ohrenbetäubend. Ob die Geschosse wirklich bei den Ukrainern niedergehen oder nicht doch in den Außenvierteln der eigenen Stadt - wer weiß das? Kurz darauf werden Einschläge in der Bahnhofsgegend gemeldet. "Diese Banditen haben Donezk in ein Ghetto verwandelt", schreibt jemand auf der Donezker Webseite "62.ua".

Zum Autor
Christian Neef, 62, schreibt seit 23 Jahren beim SPIEGEL über die Entwicklungen in Russland, der Ukraine und den anderen Republiken der ehemaligen Sowjetunion. Er war 13 Jahre lang Korrespondent in Moskau, wo er auch jetzt wieder lebt.
Der Krieg ist hier ganz konkret, aber manchmal wirkt er auch surreal. Zum Beispiel, wenn man aus der Stadt hinausfährt. Ich habe noch nie so viele Felder mit blühenden Sonnenblumen gesehen wie rund um Donezk, die Ukrainer brauchen sie fürs Öl. Und auch das Getreide steht gut - obwohl es längst abgeerntet sein müsste.

Aber die Bauern können nicht auf ihre Felder, denn mitten in den Sonnenblumen, mitten im Weizen stehen jetzt die schweren Waffen der Kriegsparteien: Raketenwerfer, Artillerie, Mörser. Die Ernte im Osten der Ukraine ist unwiederbringlich verloren. Ein Glück für das Land, dass der Osten nur einen geringen Teil zum Gesamtergebnis beiträgt, insgesamt wird es wie 2013 wieder eine Rekordernte geben: Die Ukraine war im letzten Handelsjahr hinter den USA der weltweit größte Getreideexporteur, sie ist kein unbedeutendes Land, das sollten wir nicht vergessen.

Aber das alles zählt jetzt in Donezk nicht, denn die Kämpfe zwischen den Rebellen und der ukrainischen Armee sind in den vergangenen beiden Tagen unglaublich heftig und blutig geworden. Die Behörden teilen am Mittwoch mit, dass bei Gefechten in der Region in den letzten 24 Stunden mindestens 34 Zivilisten getötet worden sein sollen. Marinka im Westen, Jassynwata im Norden, Ilowajsk im Osten - all diese Städte vor Donezk waren von Kiew bereits als eingenommen gemeldet worden. Nun sind sie wieder in der Hand der Rebellen oder zumindest weiter umkämpft.

Die Unterstützung von außen ist offensichtlich

Ich wollte versuchen, nach Ilowajsk durchzukommen. Dort stand das ukrainische Freiwilligen-Bataillon "Donbass" mit seinem berühmtem Kommandeur Semjon Sementschenko, einem ehemaligen Leutnant der Kriegsflotte. Aber in Ilowajsk ist seit Dienstag der Teufel los. Sementschenko wurde durch Splitter schwer verwundet und mit dem Hubschrauber ins 250 Kilometer entfernte Dnipropetrowsk ausgeflogen.

Ilowajsk ist eine Stadt mit 16.000 Einwohnern und ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt. Die ukrainische Armee hatte bereits am 10. August versucht, Ilowajsk zu stürmen, vergeblich. Damals fiel dort der Mann der bekannten Maidan-Aktivistin Tatjana Tschernowol, was in Kiew viel Anteilnahme auslöste. In der Nacht zu Dienstag begann nun der nächste Angriff. Noch vor seiner Verwundung meldete Sementschenko über Facebook, seine Männer hätten bis 5 Uhr früh zwei Drittel der Stadt besetzt, sie sei umzingelt. Die Separatisten behaupteten zur gleichen Zeit, sie hätten Ilowajsk weiter in ihrer Hand, der Gegner habe 80 Mann verloren, sie seien tot oder verwundet, dazu 42 Fahrzeuge oder Geschütze.

Die Ukrainer hatten große Kräfte gegen die Stadt geworfen: Teile der Bataillone "Dnipr", "Asow" und "Schachtarsk" sowie Kräfte des "Rechten Sektors", dazu Soldaten der 51. Panzerbrigade. Sie griffen die selbst ernannte Volkswehr von der Seite her an, in diesem Moment drang von der entgegengesetzten Richtung her das Donbass-Bataillon in die Stadt ein. Sementschenko schaffte es noch, den Einwohnern klarzumachen, sie sollten in den Kellern bleiben, dann entbrannte ein mörderischer Straßenkampf.

Baldige Kriegswende?

Von einem "Fleischwolf", einer "Metzelei" sprach einer der Kämpfer: Es hagelte Raketen und Granaten, Panzerschüsse, Gewehrfeuer und die Schüsse von Snipern wechselten sich ab. Noch spät am Dienstagabend zog sich das Donbass-Bataillon wieder zurück, es meldete "große Verluste". Auch die anderen Einheiten der Ukrainer zogen ab. Am Mittwochmorgen führte die Armee wieder Verstärkung heran - am späten Vormittag wurde erneut in der Stadt gekämpft. Ausgang: ungewiss.

Ilowajsk ist nur ein Beispiel für das, was sich derzeit rund um Donezk abspielt. Es scheint, als häuften sich die Hiobsbotschaften für die Ukrainer: Bei Sawur Mogihyla, der Gegend, wo die malaysische Boeing abgestürzt ist, soll Kiews 30. motorisierte Brigade aufgerieben worden sein. Und angeblich haben die Rebellen eine Marschkolonne der 25. Luftlandebrigade beschossen - dort soll es zwölf Tote gegeben haben.

Andrej Purgin, der Vizepremier der Donezker Separatistenrepublik, sprach vom "totalem Krieg", der jetzt tobe. Die bisherigen Gesamtverluste in den eigenen Reihen bezifferte er mit "2000 bis 3000 Mann", die beim Gegner mit "wahrscheinlich bis zu 10.000 Mann". Diese Zahlen werden so nicht stimmen. Vielleicht auch eine andere nicht, die die Rebellen nennen: Demnach hätte die Volkswehr etwa 18.000 Mann unter Waffen. Diese würden dann etwa 52.000 Ukrainern gegenüberstehen. Aber egal, wie das wirkliche Verhältnis ist - eines ist offensichtlich: Hier hält eine Rebellentruppe einer Übermacht stand. Ohne Unterstützung von außen würde das nie gelingen.

Kiew ist mit seinen Prognosen deshalb auch vorsichtiger geworden: Von der bevorstehenden Einnahme der Stadt Donezk ist nicht mehr die Rede. Der Krieg soll nun, so ein Sprecher, in den "nächsten zwei Wochen" eine Wende erfahren. Aber welche? Die unübersichtliche militärische Lage dürfte einer der Gründe sein, dass sich die Ukraine wieder auf Kontakte mit Moskau und sogar auf ein Treffen Petro Poroschenkos mit dem russischen Präsidenten eingelassen hat.

  Einfluss der Separatisten in der Ostukraine (Stand: 12. August)
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Einfluss der Separatisten in der Ostukraine (Stand: 12. August)

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insgesamt 137 Beiträge
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Seite 1
Zackboing 20.08.2014
1. Dilemma
Solange, wie auf der Karte schön zu sehen, die Grenzregion nicht vollständig unter ukrainischer Kontrolle ist, kann Russland den Konflikt durch beständigen Nachschub noch lange am köcheln halten und das "Gas" immer wieder mal auf- und abdrehen. Es kann daher nur eine Verhandlungslösung geben. Allerdings stellt sich die Frage was Russland wirklich will. Ich glaube das wissen die Herren im Kreml selbst nicht mehr. Um Fragen von Teilautonomie oder dergleichen geht es doch schon lange nicht mehr. Das ist eine einzige Strafaktion. Und das ist ein echtes Dilemma.
hajode 20.08.2014
2. Na hoffentlich....
bringt das Treffen Poroschenkos mit Putin was. Da muss halt unsere Bundeskanzlerin am Samstag ihm unter die Arme greifen. Er ist halt noch etwas unsicher auf dem politischen Parkett. Danke Herr Neef. Endlich wird mal klar, dass auch das Asow Bataillon in die Kämpfe eingreift. Ein interessanter Artikel dazu: http://www.focus.de/politik/ausland/das-bataillon-asow-schmutziger-kampf-in-der-ukraine-neonazis-im-dienst-der-regierung_id_4058717.html?obref=outbrain-www-hpo
carahyba 20.08.2014
3.
Der Author Hr. Neef spricht davon, dass die Separatisten wahrscheinlich gegen eine doppelte Übermacht kämpfen, zudem sich eine reguläre Armee einer Gruppe von Freiwilligen gegenübersteht. Diese Gruppe ist nicht nur in der Lage anhaltenden Widerstand zu leisten, scheinbar auch der Übermacht empfindliche Niederlagen beizubringen. Hr. Neef mutaaßt, dass dies nur durch massive Unterstützung von aussen, aus Russland möglich ist, aber keine weiteren Fakten dazu liefert, dies als evident betrachtet. Ich vermute dies auch, die Informationen, die ich dazu habe stellen sich etwas anders dar als die offiziell verlautbarte Version. Das Gebiet um Lughansk und Donezk ist seit Jahrhunderten kosakisches Siedlungsgebiet, die Dörfer und Kleinstädte werden mehrheitlich von Kosaken bewohnt, hüben wie drüben der Grenze. Die Kosaken in Russland und ihre Verbände unterstützen den Kampf massiv, materiell und personell. Menschen und Material über die grüne Grenze zu bringen ist in dieser Gegend, wenn auch noch von der ansässigen Bevölkerung unterstützt, wohl die leichteste Übung im Spiel.
Werner_Holt 20.08.2014
4.
Zitat von ZackboingSolange, wie auf der Karte schön zu sehen, die Grenzregion nicht vollständig unter ukrainischer Kontrolle ist, kann Russland den Konflikt durch beständigen Nachschub noch lange am köcheln halten und das "Gas" immer wieder mal auf- und abdrehen. Es kann daher nur eine Verhandlungslösung geben. Allerdings stellt sich die Frage was Russland wirklich will. Ich glaube das wissen die Herren im Kreml selbst nicht mehr. Um Fragen von Teilautonomie oder dergleichen geht es doch schon lange nicht mehr. Das ist eine einzige Strafaktion. Und das ist ein echtes Dilemma.
"Der Kreml" sprich die russische Regierung weiß jedenfalls ganz genau, was sie *nicht* will. Diese roten Linien wurden in der Vergangenheit mehrfach und explizit formuliert. Als da wären eine NATO-Einbindung der Ukraine, als unvermeidliche Folge einer EU-Einbindung. Dann wären das die Gewährleistung sowohl der Rechte wie auch der kulturellen und sprachlichen Identität der russischstämmigen bzw. - sprachlichen Ukrainer. Drittens, und das dürfte mit dem EU-Assoziierungsabkommen auf das Äußerste gefährdet sein, wäre das die Aufrechterhaltung der Handels- und Wirtschaftsbeziehungen zum Nachbar Ukraine, ohne die die ukrainische Wirtschaft nicht lebensfähig wäre.
BarisP 20.08.2014
5. ...und was
soll Poroschenko mit Putin besprechen? All zu große Zugeständnisse an Putin kann er nicht machen, - sonst gibt es erneute Revolte auf Maidan angeführt von radikalem "rechtem Sektor", und mit kleinen Zugeständnissen wird Putin nicht zufrieden sein. Also Quadratur des Kreises
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