Kampf gegen Separatisten Parlament in Kiew beschließt neue Teilmobilmachung

Die Ukraine hat eine weitere Teilmobilmachung der Bevölkerung beschlossen. Das Parlament in Kiew bestätigte einen Erlass von Präsident Poroschenko. Neue Reservisten sollen die Kämpfenden im Osten ablösen.

Präsident Poroschenko (bei Truppenbesuch in Charkiw): Teilmobilmachung abgenickt
DPA

Präsident Poroschenko (bei Truppenbesuch in Charkiw): Teilmobilmachung abgenickt


Kiew - Mit dem Votum wurde eine frühere Teilmobilmachung erneuert. Sie bedeutet die Masseneinberufung von Männern im wehrdienstfähigen Alter sowie von Reservisten.

Die oberste Rada stimmte mit knapper Mehrheit von 232 Stimmen für den umstrittenen Schritt. Es geht dabei vor allem darum, Reservisten einzuziehen, die die Einheiten im Osten der Ukraine im Kampf gegen die Separatisten verstärken beziehungsweise ablösen.

Die Mobilmachung war bereits am Montag angekündigt worden. Eingezogen werden Männer im wehrdienstfähigen Alter, die bereits bei der Armee gedient haben. Die Mobilmachung der Reservisten gilt zunächst für eine Dauer von 45 Tagen.

Die Teilmobilmachung soll auch den Unmut von Angehörigen der im Osten eingesetzten Soldaten mindern. Ende Juni hatten in der Stadt Nikolajew die Familien ukrainischer Militärs demonstriert, die zwei Monate ununterbrochen an der Front kämpften. Sie forderten ihre Ablösung.

Kiew warnt vor russischem Einmarsch

Nach Angaben des Vorsitzenden des ukrainischen Sicherheitsrates Andrij Parubij, sei die Gefahr eines Einmarschs regulärer Einheiten der russischen Armee nicht gebannt. Moskau habe an der Grenze zur Ukraine rund 41.000 Soldaten und 150 Panzer zusammengezogen.

Russland habe seine Taktik geändert, angesichts jüngster Erfolge der ukrainischen Armee. "Von russischem Territorium aus werden Stellungen unserer Streitkräfte beschossen", sagte Parubij. Russland liefere auch mehr schwere Waffen und gepanzerte Technik an die Separatisten, darunter Artillerie.

Die Regierung in Kiew hatte in den vergangenen Wochen militärische Erfolge erzielt. Man habe das von den Separatisten kontrollierte Gebiet "mehr als halbiert", so ein Sprecher des ukrainischen Sicherheitsrates. Am Montag hissten ukrainische Einheiten die ukrainische Fahne über der Kleinstadt Dserschinsk. Bereits Anfang Juli war die Armee in Slowjansk eingerückt, einer ehemaligen Rebellenhochburg.

Am Montag wurden heftige Gefechte auch aus der Metropole Donezk gemeldet. Dort haben die Separatisten die meisten Kräfte konzentriert. Auch aus Luhansk, der zweiten Großstadt in dem umkämpften Gebiet, meldeten die Ukrainer Erfolge.

Leichenzug erreicht Charkiw

Unterdessen ist der Zug mit den sterblichen Überresten von 251 Passagieren und Crew-Mitgliedern von Flug MH17 in der ostukrainischen Stadt Charkiw angekommen. In Kürze würden die von Sicherheitskräften bewachten Kühlwaggons an internationale Experten übergeben, sagte ein Behördensprecher am Dienstag.

Der Zug war am Montag von der etwa 300 Kilometer entfernten Stadt Tores losgefahren. Die Stadt bei Donezk wird von den prorussischen Separatisten kontrolliert.

Niederländische Spezialisten hatten in Charkiw ein Zentrum zur Identifizierung der Opfer eingerichtet. Bei dem Absturz der Boeing der Malaysia Airlines waren am Donnerstag 298 Menschen ums Leben gekommen, darunter 193 Niederländer.

Die Bergungsarbeiten liefen in den ersten Tagen unter chaotischen Umständen ab. Ausländische Experten berichteten am Absturzort von Einschränkungen durch bewaffnete Aufständische.

Die Opfer sollen von Charkiw aus so schnell wie möglich zur Identifizierung in die Niederlande gebracht werden. Dafür steht ein Transportflugzeug bereit.

fab/beb/dpa/Reuters

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 59 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ornitologe 22.07.2014
1. Unabhängig von
der "realitätsnahen" deutschen und transatlantischen Berichterstattung bez. des Krieges in der OUKR ist eine Teilmobilmachung durch Poroschenko eine Bankrotterklärung seiner bisherigen Politik. Der Unmut unter den Unkrainern bezüglich des entfachten Krieges im eigenen Land wächst und kann durchaus auch gegen die Kiewer Regierung kippen. Insofern ein Drahtseilakt Poroschenkos, der das Potenzial zum Bumerang hat. Sicher haben sich für die Vorgänge in der Ukraine auch irgendwann nationale und internationale Medien zu verantworten, welche nichts ausliessen, diesen Konflikt massenwirksam anzuheizen.
Christy Mack 22.07.2014
2. Blauhelmeinsatz für die Ukraine.
Russland und China sollten schleunigst die Blockade gegen eine UNO-Resolution für einen Blaumhelmeinsatz im Kriegsgebiet aufgeben. Das ganze ist auch nicht mehr unter der Kontrolle des Kremls oder irgend einer Scheinführung der Separatisten, wie man an dem Hin- und Her mit dem Flugschreiber gesehen hat. Wenn die Nachbarn der Ukraine nur ein Funken Verstand besitzen, setzen sie sich für eine Blauhelmtruppe ein. Das ganze wird sonst ein Flächenbrand, der auch die Nachbarstaaten erfasst. Das einige Rebellengruppen davor keine Scheu mehr haben, auch während oder gerade durch internationale Aufmerksamkeit, sollte nun auch der letzte Spätaufsteher verstanden haben.
modiv01 22.07.2014
3. Jetzt wird es interessant
Die Teil Mobilisierung der Menschen in der Ukraine bezieht jetzt viele Menschen ein, die diesen sinnlosen Krieg nur aus der Ferne betrachten konnten. Nun müssen Bürger, die keine unsäglichen Russenhass haben entscheiden, ob sie wirklich auf Ukrainer, auch wenn sie russische Wurzel haben bereit sind zu schießen. Bin auch mal gespannt, wie Kiew gegen Kriegsdienstverweigerer vorgehen wird. Ich habe das Gefühl nach ersten Berichten auf N24, dass diese Aktion zu Antikriegs-Protesten der eigenen Bevölkerung führen kann (nicht muss) . Jedenfalls kann ich mir nicht vorstellen, dass dies so begeistert aufgenommen wird. Wäre es nicht einfacher, aufzuhören mit dem sinnlosen Krieg und mit den Separatisten zu reden??? Ich kann diesbezüglich Kiew nur wünschen, dass er jetzt Druck aus der eigenen Bevölkerung bekommt. Da unsere Kanzlerin den Krieg Israels, wie auch den Poroschenkos unterstützt, kann wie überall eigentlich nur das betroffene Volk hier Einhalt gebieten. Nach Deeskalation von Seiten Kiews sieht das jedenfalls nicht aus. Wenn es ganz schlecht läuft, bekommt Poroschenko einen echten Bürgerkrieg, der an der Ostukraine nicht halt machen wird. Dafür kann man aber jetzt wirklich nicht Russland sanktionieren, denn diesen Aufstand hat Poro durch seinen umstrittenen Erlass SELBST geschaffen. Man kann für IHN und alle anderen laut schreiende Kriegsbefürworter nur hoffen, dass er nicht doch die Maschine selbst runter holen lassen. Das müssten uns dann unsere Politiker erklären, aber ich glaube, die finden da auch was, um die Blinden nicht zum Sehen zu bringen.
SLCentral 22.07.2014
4. Finde einfach nur traurig,
wie manche Ukraine-Experte hier wörtlich die russische Propaganda wiedergeben. Ich komme aus dem russischsprachigem Süden der Ukraine und habe Zugang sowohl zu den russischen als auch zu den Ukrainischen Medien, aber auch auf dutzende lokale Foren sowie Twitter und Facebook Einträge von Einheimischen. Die Ukraine und die Ukrainer haben die russische Invasion einfach satt und wer behauptet. Die Waffenruhe wurde vom Poroschenko einseitig erklärt und genau so einseitig wieder aufgehoben. Die Terroristen sind damals nicht drauf eingegangen und haben ein ukrainisches Flugzeug mit über 50 Soldaten abgeschossen. Nach Anwesenheit der russischen Soldaten auf der Krim und Übergang nach Russland sagt nur eins und zwar, dass wenn die Ukrainer die Waffen niederlegen gibt es bald keine Ukraine mehr. Wenn die Terroristen die Waffen niederlegen, dann gibt es keinen Krieg. Es darf doch nicht so schwer sein die Landessprach zu lernen und die ukrainische Kultur zu achten. Wem das nicht passt ist Russland groß genug und jetzt auch mit der Krim.
gievlos 22.07.2014
5.
Schreiben Sie lieber Russland statt Ukraine, dann stimme ich Ihnen zu. Dass die Ukraine nun mobilisiert ist aufgrund der offenen Drohungen, Kriegshandlungen und Konzentration von russischen Kräften der Grenze längst überfällig. Putin ist jede Aggression zuzutrauen, und wenn er sich dafür einen falschen Casus Belli fabrizieren muss. siehe Georigen
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.