Ukraine-Krise Bürgermeister von Charkiw niedergeschossen

Die Gewalt in der Ostukraine eskaliert erneut: Der Bürgermeister der Millionenstadt Charkiw wurde angeschossen und lebensgefährlich verletzt. Die Bundesregierung fordert Russland auf, sich für die inhaftierten deutschen Militärinspekteure einzusetzen.

Charkiws Bürgermeister Hennadij Kernes: Ärzte kämpfen um sein Leben
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Charkiws Bürgermeister Hennadij Kernes: Ärzte kämpfen um sein Leben


Slowjansk - Der Bürgermeister der zweitgrößten ukrainischen Stadt Charkiw, Hennadij Kernes, ist mit Schusswunden im Rücken in ein Krankenhaus gebracht worden. "Die Ärzte kämpfen um sein Leben", wird eine Sprecherin des Bürgermeisters von der Agentur Interfax Ukraina zitiert.

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Heft 18/2014
Der ukrainische Flächenbrand

Noch ist unklar, wer die Schützen waren. Kernes unterstützte einst die Revolution in Orange, wechselte aber später in das wieder erstarkende Lager des seit 2010 amtierenden Präsidenten Wiktor Janukowitsch.

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Nach dem Sturz des Staatschefs setzte er sich erst an die Spitze der Bewegung für eine Annäherung des Ostens an Russland, dann wechselte er aber die Seiten. Kernes werden zudem Verbindungen zum organisierten Verbrechen nachgesagt. Sein Intimfeind ist der neue Innenminister Arsen Awakow. Der hat Kernes zuletzt Anfang April beschuldigt, Schlägertrupps organisiert zu haben, die Jagd auf Maidan-Anhänger gemacht hatten.

Auch andere Teile der Ostukraine werden von Unruhen erschüttert: In Kostjantyniwka, rund 40 Kilometer südlich von Slowjansk, haben prorussische Bewaffnete das Rathaus und die Polizeistation eingenommen. Zudem beschossen Unbekannte die Regierungseinheiten auf dem Militärflugplatz Kramatorsk rund 40 Kilometer nördlich. Zwei Sicherheitskräfte wurden verletzt.

Der Gouverneur von Donezk, Sergej Taruta, und der Donezker Bürgermeister Alexander Lukjantschenko sprachen sich unterdessen für ein landesweites Referendum aus. Parallel zu den Präsidentenwahlen am 25. Mai sollten die Bürger der Ex-Sowjetrepublik über zusätzliche Vollmachten für die Gebietsregierungen entscheiden. Prorussische Protestführer fordern seit Wochen in Donezk und Lugansk eine Volksabstimmung, eine weitreichende Föderalisierung oder sogar eine Loslösung von der Ukraine - wie zuletzt bei der Halbinsel Krim.

Die Bundesregierung verurteilte derweil die Geiselnahme der am Freitag gefangen genommenen Militärinspekteure in der Ostukraine scharf. Die russische Regierung müsse sich von diesen Taten distanzieren und alles daran setzen, dass alle Festgehaltenen freikämen, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert.

Merkels Sprecher kritisiert "abstoßende" Vorführung

Der Sprecher von Kanzlerin Angela Merkel kritisierte, die Männer, unter denen vier Deutsche sind, würden "gegen jedes Recht und ohne jeden Grund" festgehalten. "Das ist eine Eskalation, die sich unmittelbar gegen die internationale Gemeinschaft richtet", sagte er.

Am Sonntag seien sie auf "abstoßende Weise und unter Einsatz von Waffen" der Öffentlichkeit vorgeführt worden. Die Täter um den selbsternannten Bürgermeister von Slowjansk müssten die Militärinspekteure, von denen einige für die OSZE arbeiten, unverzüglich, bedingungslos und unversehrt freilassen. Bislang ist nur ein Gefangener aus gesundheitlichen Gründen freigelassen worden.

Um den Druck auf Russland zu erhöhen, wollen die USA ihre Sanktionen verschärfen. Die Strafmaßnahmen gegen Personen und Firmen würden am Montag verhängt, kündigte US-Präsident Barack Obama bei einem Besuch in Manila an. Sie seien gegen Hightech-Exporte an die russischen Streitkräfte gerichtet. Obama drohte darüber hinaus Sanktionen gegen ganze Branchen an, sollte Russland weiter aggressiv gegen die Ukraine vorgehen.

Am Montag will auch die EU über weitergehende Sanktionen gegen Russland beraten. Der Westen wirft Russland vor, sich nicht wie zugesagt um eine Entspannung der Lage im Nachbarland zu bemühen. So hat die Regierung in Moskau nach Schätzungen der Nato etwa 40.000 Soldaten an der Grenze zusammengezogen.

ade/Reuters/dpa

insgesamt 148 Beiträge
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Seite 1
althus 28.04.2014
1. Russland- Quo vadis?
Zitat von sysopAPDie Gewalt in der Ostukraine eskaliert erneut: Der Bürgermeister der Millionenstadt Charkow wurde angeschossen und lebensgefährlich verletzt. Die Bundesregierung fordert Russland auf, sich für die inhaftierten deutschen Militärinspekteure einzusetzen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-buergermeister-von-charkow-hennadij-kernes-niedergeschossen-a-966522.html
Russland- wo soll das alles enden? Mir ist die deutsch-russische Aussöhnung immer eine Herzensangelegenheit gewesen- langsam kommen mir Zweifel an meiner Haltung.
ruediger 28.04.2014
2.
Zitat von sysopAPDie Gewalt in der Ostukraine eskaliert erneut: Der Bürgermeister der Millionenstadt Charkow wurde angeschossen und lebensgefährlich verletzt. Die Bundesregierung fordert Russland auf, sich für die inhaftierten deutschen Militärinspekteure einzusetzen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-buergermeister-von-charkow-hennadij-kernes-niedergeschossen-a-966522.html
Wenn es sich tatsächlich eine OSZE Mission gehandelt haben sollte, wäre für die Sicherheit der Mission einzig die Ukraine verantwortlich (genau wie für die diplomatische Immunität der Teilnehmer).
seosven 28.04.2014
3.
Das wird ja immer schlimmer! Bin mal gespannt was das noch gibt.
Listkaefer 28.04.2014
4. Es ist jetzt immer klarer ...
... was Putin will: Destabilisierung der ganzen Ukraine, dann in dem Chaos als Ordnungsmacht auftreten und danach das Land für weitere Jahrzehnte in russischer Abhängigkeit halten. Wenn das seine Strategie ist, dann werden Verhandlungen nicht helfen können - aber Sanktionen, die Russland schwer treffen werden, denn es ist heute stark in die Welthandelsstrukturen eingebunden und von diesen wirtschaftlich abhängig. Leidtragende werden die einfachen russischen Bürger sein, deren Lebensstandard wieder sinken wird - und die Ukraine. Danke Putin!
pragmat 28.04.2014
5. Einsatz
Zitat von sysopAPDie Gewalt in der Ostukraine eskaliert erneut: Der Bürgermeister der Millionenstadt Charkow wurde angeschossen und lebensgefährlich verletzt. Die Bundesregierung fordert Russland auf, sich für die inhaftierten deutschen Militärinspekteure einzusetzen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-buergermeister-von-charkow-hennadij-kernes-niedergeschossen-a-966522.html
Ach, und bei wem soll dann Russland Bericht ablegen? Der russische Botschafter darf dann bei Frau Mekel vorsprechen oder sollte das lieber der Botschafter in Washington machen, wenn Obama zur Audienz einlädt?
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