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Bürgermeisterwahl in Odessa: Schuft gegen Schurke

Aus Odessa berichtet

Wahl in Odessa: Schuft gegen Schurken Fotos
AFP

Wahlkampf im Neapel der Ukraine: In Odessa kandidiert ein Gewährsmann der Mafia für die Pro-Russen als Bürgermeister. Das Maidan-Lager schickt einen Veteranen ins Rennen - auch der hat eine zwielichtige Vergangenheit.

Vor der rußigen Fassade des Gewerkschaftshauses türmen sich Blumen. Sie erinnern an 40 im Feuer ums Leben gekommene Aktivisten, die meisten von ihnen waren "pro-russische" Demonstranten, Gegner der Übergangsregierung in Kiew. Das Kopfsteinpflaster in der Fußgängerzone ist noch immer aufgerissen, die Steine dienten als Wurfgeschosse während der Straßenschlachten. Am Griechischen Platz steht ein ausgebranntes Auto.

Odessa im Süden der Ukraine, einst auch von Russen als "Perle am Schwarzen Meer" besungen, ist eine verwundete Stadt. Am Sonntag soll hier ein neuer Bürgermeister gewählt werden. Zur gleichen Zeit stimmt das Land auch über einen neuen Präsidenten ab. Nach Monaten der Proteste, der Kämpfe und Debatten sehnt sich Odessa wie der Rest der Ukraine nach einem Neuanfang. Wohl vergeblich. Die Bewegung vom Maidan hat zwar Wiktor Janukowitsch gestürzt, aber kaum neue politische Führer hervorgebracht.

Der Hoffnungsträger ist 66 Jahre alt. Eduard Gurwiz sitzt am Schreibtisch in seiner Wahlkampfzentrale in Odessa, er hat buschige Augenbrauen und die Statur eines Ringers. Vor 20 Jahren regierte er die Stadt schon einmal. Jetzt soll er für die Maidan-Revolutionäre verhindern, dass in der Millionenstadt die Bürgermeisterwahl ein Mann gewinnt, der nicht nur zum Lager des gestürzten Präsidenten Wiktor Janukowitsch gehört, sondern auch Verbindungen zum organisierten Verbrechen hat.

"Odessa ist die europäischste Stadt der Ukraine"

Die Partei des ehemaligen Boxweltmeisters Wladimir Klitschko unterstützt Gurwiz' Kandidatur. Über seinem Schreibtisch hängt ein Porträt von Andrej Sacharow. Der Physiker war Vater der sowjetischen Wasserstoffbombe, wandelte sich aber später zum Dissidenten. Gurwiz hat das Bild malen lassen, als er 1990 zum Chef der Stadtverwaltung ernannt wurde, als erster parteiloser Kandidat in der Sowjetunion. Das damals üblicherweise dort prangende Lenin-Porträt warf Gurwiz weg und hängte an dessen Stelle seinen Sacharow. Als im Jahr darauf in Moskau KGB-Hardliner gegen Michail Gorbatschow putschten, um die Sowjetunion zu retten, pflanzte Gurwiz demonstrativ die ukrainische Flagge auf das Rathaus.

"Odessa ist die europäischste Stadt der Ukraine", sagt er. Es gebe zwar Gegner des Maidan, Anhänger eines Anschlusses an Russland, aber die könne man an einer Hand abzählen. Gurwiz hält korrupte Janukowitsch-Seilschaften für die Drahtzieher der blutigen Unruhen in der Stadt. "Sie haben gehofft, dass Putins Soldaten sie vor den demokratischen Kräften retten", sagt Gurwiz.

Er blättert in Akten auf Englisch, sie stammen angeblich von der italienischen Polizei. "Mafia Ucraina" steht in Italienisch auf dem Deckblatt. Darin sollen sich Belege dafür finden, dass Gurwitz' Gegner Banditen sind. Der Name seines gefährlichsten Kokurrenten Gennadi Truchanow jedenfalls taucht in den Unterlagen auf.

Truchanow hat einen kahl rasierten Schädel und ein florierendes Bauunternehmen. Er tritt bei der Bürgermeisterwahl für die "Partei der Regionen" an, Janukowitschs einstige Machtbasis.

Die Neunzigerjahre prägten Odessa

Truchanow gilt als Vertrauter des Mafia-Bosses Alexander Angert. Angert, genannt "Der Engel", hat an Waffenschiebereien verdient und zwölf Jahre in Haft gesessen, wegen Mordes. Bürgermeisterkandidat Truchanow nennt ihn einen "Freund" und habe sich "dieser Freundschaft nicht geschämt".

Sein Gegner Gurwiz hebt die Arme. "Sehen Sie nur, mit wem ich es zu tun habe", soll das heißen. Als Gurwiz in den Neunzigerjahren Bürgermeister war, trachteten ihm seine Feinde sogar nach dem Leben: Einmal versuchten Attentäter, ihn mit 16 Kilogramm Sprengstoff ins Jenseits zu befördern. Wenn Gurwiz damals nach Kiew reiste, eskortierten ihn zwei Busse voller Kämpfer der Geheimdiensteinheit Alfa.

Odessa leidet noch heute unter diesen Zeiten. Die Stadt ist schön, aber verrucht. Der Hafen ist ein Tummelplatz für Waffenschmuggler. Es gibt Abgeordnete des Stadtparlaments, die zu Interviews in einen Stripklub laden. Lokale Journalisten vergleichen die heutige Ukraine mit den chaotischen Verhältnissen im Italien der Siebzigerjahre - und Odessa mit Neapel, der Hauptstadt der Camorra.

Kein Wunder, dass auch Gurwiz keine Lichtgestalt ist, er hat sich den Verhältnissen angepasst: Als er 2012 für das Kiewer Parlament kandidierte, fiel Bloggern sein aufwendiger Lebensstil auf - obwohl sein Einkommen mit offiziellen 25.000 Euro eher bescheiden ist. So viel war allein schon die edle Audemars-Piquet-Uhr an seinem Handgelenk wert. Gurwiz werden Kontakte zur Tschetschenen-Mafia nachgesagt. Auf Fotos, die ihn mit kaukasischen Warlords zeigen, angesprochen, sagt er: Die Bilder seien entstanden, als er sich um die Freilassung von Geiseln im Tschetschenienkrieg bemühte. Die Mafia-Gerüchte seien nichts als eine Intrige, gestreut von seinen Feinden.

Gurwiz hat den Maidan unterstützt und 2005 die Revolution in Orange. Dass er sich deswegen immer an demokratische Spielregeln hält, ist noch lange nicht gesagt. Als Prüfer während seiner Zeit als Bürgermeister finanzielle Unregelmäßigkeiten feststellten, tauchten über Nacht überall in der Stadt Plakate auf. Sie zeigten die Chefin der Untersuchungsbehörde ausgelassen mit Nackttänzern.

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1. Die Ukraine ist offenbar ...
retterdernation 23.05.2014
das Afghanistan Mitteleuropas. Wer da alles an der Macht sitzt, Faschisten , Oligarchen die sich wie Warlords des Kapitals aufführen, die Mafia, die Separatisten... und dieses Chaos zieht unsere Politiker so stark an. Dazu braucht das Land ( und seine heimlichen Beherrscher) hunderte Milliarden Euro. Das kann doch nur eine Realsatire sein...
2. Das geschundene Land
ornitologe 23.05.2014
wird wohl noch lange brauchen, bis es zur Ruhe kommt. Den Teufel mit dem Belzebub auszutreiben wird dabei wohl eher undienlich sein. Auch Russland kann an einem so zerrütteten Land kein Interesse haben. Jahre undurchsichtiger Geschäfte von skrupellosen Hasardeuren haben die sozialen Strukturen des Landes an die Grenze des Zusammenbruchs driften lassen. Hier in kürzester Zeit etwas wie Normalität herzustellen, wäre auch ohne die Vorgänge in Kiew und deren Folgen ein schier unlösbares Problem. Es scheint, als würde vielen Politikern in Europa und Übersee nun doch klar, in welches Wespennest sie da gestochen haben. Allerdings ist es nun zu spät, die ausgestreckte Hand ohne Gesichtsverlust wieder zurück zu ziehen. Ratlosigkeit angesichts der kaum zu beherrschenden Strukturen macht sich allenthalben breit und westlichen Wirtschaftsexperten bricht angesichts der zu erwartenden Kosten für ein "Projekt demokratische Ukraine" der Angstschweiß aus. Wer A sagt, muss auch B sagen und hat dann noch ein ganzes Alphabet vor sich. Ich bin gespannt, wie sich eine Lösung für unser Ukraine-Abenteuer manifestieren wird. Krieg ist jedenfalls keine Lösung.
3. Wer sympathisiert hier mit Mördern?
who_dares_wins 23.05.2014
"Sie haben gehofft, dass Putins Soldaten sie vor den demokratischen Kräften retten", sagt Gurwiz. Dieser Verbrecher nennt die rechtsradikalen Mörder der Menschen im Gewerkschaftsgebäude 'demokratische Kräfte'. Mehr Menschenverachtung geht nicht. Und SPON gibt ihm eine Plattform. Als Hintergrundinfo: http://scgnews.com/the-odessa-massacre-what-really-happened
4. Und wann werden
rolga-75 23.05.2014
die Schuldige des Massenmordes in Odessa genannt? 40 Ukrainer wurden getötet, die nur ihre Meinung ausgedrückt haben. Sie waren ohne Waffe, zum Unterschied von Leuten auf Maidan, aber damals war der Westen sehr aufgeregt, und jetzt ist alles still. Es gibt besondere Verhältnis zu nötige Leute, das ist offensichtlich. Demokratie, wie in America in 18 Jahrhundert - bei Kolonisten. Willkommen zurück in Zuckunf!
5. Das Wichtigste
gievlos 23.05.2014
was solche Länder brauchen, ist eine freie Presse ohne wenn und aber. Die Pressearbeit muss frei und geschützt sein, damit vor allem Korruption angeprangert und bekämpft werden kann.
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Fläche: 603.700 km²
(inklusive der Krim, die seit 2014 von Russland annektiert ist)

Bevölkerung: 45,363 Mio.

Hauptstadt: Kiew

Staatsoberhaupt:
Petro Poroschenko

Regierungschef: Volodymyr Hroisman

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