Chodorkowski-Forum in Kiew "Putin rächt sich"

Michail Chodorkowski saß in Putins Russland ein Jahrzehnt im Gefängnis. Jetzt lud er in Kiew viele Kreml-Kritiker zu einem Friedensgipfel. Seinen Rivalen attackierte er scharf - der Grund für dessen Ukraine-Politik liege auf der Hand.

Aus Kiew berichtet

Michail Chodorkowski in Kiew: "Mit Putins Politik nicht einverstanden"
DPA

Michail Chodorkowski in Kiew: "Mit Putins Politik nicht einverstanden"


Am Eingang von Kiews Olympia-Stadion begrüßt eine junge Russin die Teilnehmer von Michail Chodorkowskis Friedensgipfel mit Galgenhumor. "Herzlich willkommen beim Treffen der Nationalverräter", ruft Mascha Baronowa, eine blonde Oppositionsaktivistin aus Moskau.

Es ist eine Anspielung auf Wladimir Putins Krim-Rede, der Kreml-Chef hatte alle, die mit dem Kurs des Kremls nicht einverstanden sind, als "fünfte Kolonne" und Nationalverräter bezeichnet.

Baronowa ist eine von ihnen, bis Ende 2013 stand sie unter Anklage, wegen der Teilnahme einer Demonstration gegen Putins Amtseinführung, oder wegen "Anstiftung zu Massenunruhen", so hatte es die Anklage formuliert.

In Moskau war gewarnt worden vor einer Teilnahme an dem Forum, sie könnte den Kreml-Propagandisten einen Trumpf in die Hand geben und den Eindruck verstärken, die Opposition sei aus dem Ausland gelenkt und von Oligarchen bezahlt.

Einige Putin-Kritiker bleiben aus Vorsicht fern

Nun sitzen doch an die 300 Teilnehmer in Kiew zusammen, die Kosten für Anreise und Unterbringung hat Chodorkowskis Stiftung "Offenes Russland" übernommen: Die Schriftstellerin Ljudmila Ulizkaja ist da, der Oppositionspolitiker Boris Nemzow, die 86-jährige "Grande Dame" der russischen Menschenrechtler Ljudmila Alexejewa, und Galina Timtschenko, die vor kurzem aus politischen Gründen entlassene Chefredakteurin der führenden russischen Onlinezeitung "Lenta".

Andere sind angesichts der politischen Brisanz des Treffens nicht nach Kiew gekommen. Die Menschenrechtler von "Memorial" etwa sind durch einige Mitglieder vertreten - aber Direktor Arsenij Roginski blieb in Moskau, um den Zorn des Kreml nicht auf seine Organisation zu lenken. Auch Putins langjähriger Finanzminister Alexej Kudrin, der seit den Winterprotesten 2011 in gemäßigter Opposition zu ihm steht, lehnte eine Teilnahme ab.

"Keinesfalls ein politisches Forum" stelle das Treffen dar, hatte Chodorkowskis Sprecherin bei der Ankündigung der Konferenz noch betont, sondern "ein Forum der russisch-ukrainischen Intelligenz, um die Verbindungen zu stärken." Politischer allerdings geht es unter den derzeitigen Bedingungen eigentlich kaum.

"Der Diktator kann uns nicht zu Feinden machen"

Etwa zur gleichen Zeit, als Michail Chodorkowski, in Jeans und einer schwarzen, trachtenähnlichen Jacke im Konferenzzentrum am Kiewer Fußballstadion das Mikrofon ergreift, wird in Moskau der Hausarrest für den Oppositionellen Alexej Nawalny um ein halbes Jahr verlängert.

Und einige hundert Kilometer östlich von Kiew heben russische Kampfflugzeuge in Richtung ukrainischer Grenze ab. Als Antwort auf den Versuch ukrainischer Spezialeinheiten, die Stadt Slowjansk von den Aufständischen zurückzuerobern, hat Russland ein Militärmanöver gestartet.

"Wir haben uns hier versammelt, weil wir zeigen wollen, dass wir mit Putins Politik nicht einverstanden sind", verkündet Chodorkowski gleich zu Anfang. "Wie mächtig ein Diktator auch sein mag - er kann uns nicht zu Feinden machen!"

Chodorkowski tritt zurückhaltend auf, aber seine Stimme wird schneidend, als er Putin offen für seine kurzsichtige Ukraine-Politik angreift. "Putin löst keine globalen strategischen Fragen, er rächt sich für eine persönliche Beleidung", erklärt er. Beleidigt, so der im Dezember nach zehn Jahren Haft entlassene Geschäftsmann, sei der russische Präsident von der Revolution und der Vertreibung Janukowitschs.

"Kampf zwischen Barbarei und Demokratie"

Jurij Luzenko, Innenminister unter Timoschenko, in Haft unter Janukowitsch und einer der Führer des Maidan, nutzt den Auftritt für eine klare politische Ansage. "Was wir heute in der Ukraine sehen, ist ein Kampf zwischen Barbarei und Demokratie. Und auf die Reconquista in der Ukraine folgt die Reconquista in Russland", erklärt er. Und er schmeichelt der russischen Intelligenzija: "Wir wissen um die große russische Kultur. Wir kennen den Unterschied zwischen Puschkin und Putin."

Gleich die erste Diskussionsrunde zeigt jedoch, wie schwer die Verständigung selbst unter Intellektuellen fällt in einem Moment, in dem die beiden "Brudervölker" so nah an einem Krieg sind wie nie seit Beginn der Ukraine-Krise.

Es hagelt gegenseitige Anschuldigungen zwischen Ukrainern und Russen. Der bekannte Medienunternehmer und oppositionelle Blogger Anton Nossik etwa beschwert sich darüber, dass die ukrainischen Grenzer ihn für mehrere Stunden am Flughafen festhielten.

Andere beklagen Einreiseverbote für russische Journalisten und die prinzipielle Weigerung ukrainischer Politiker, selbst mit oppositionellen russischen Medien zu sprechen.

"Kein Journalismus, staatlich geplante Spezialoperation"

Die Ukrainer rechtfertigen sich damit, dass sie sich im Kriegszustand befinden. Zwei der drei ukrainischen Panel-Teilnehmer verlassen irgendwann genervt das Podium. Einig ist man sich nur im Applaus, als der Journalist Pawel Scheremet sagt: "Die Journalisten der russischen Staatsmedien betreiben keinen Journalismus, sondern sie sind Propagandisten in einer staatlich geplanten Spezialoperation."

Gegen Abend beruhigen sich die Diskussionen etwas, mancher geht schon vor Ende der Diskussionen zum Bankett in der zweiten Etage über, bald erklingen die ersten Toasts auf eine Zukunft ohne Putin.

Während Chodorkowski sich in eine Ecke zu privaten Gesprächen zurückzieht, fragen sich die Teilnehmer nach dem Sinn des Dialogs, wenn gleichzeitig im Osten des Landes gekämpft wird. "Wir müssen dafür sorgen, dass die schrecklichen Ereignisse, die wir nicht beeinflussen können, uns nicht zu Feinden machen", erklärt der bekannte russische Galerist Marat Gelman.

"Das Treffen macht Sinn", glaubt Mascha Baronowa, "weil die russische Opposition hier die Möglichkeit hat, sich zu treffen. In Russland geht das heute nicht mehr."

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 212 Beiträge
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Seite 1
said.sahin 24.04.2014
1. Der Club der toten Dichter
Die Überschrift hätte lauten sollen: Komödie in Kiew! Putin ist ein: Mörder, Diktator und der anti Christ. Während im Jemen wieder Menschen unschuldig ermordet werden, vom Freiheit liebenden und natürlich Demokratie Beschützer Obama, gleichseitig stehen ein paar komische Leute in Kiew auf einer Bühne und brüllen Sachen in Richtung Russland während Sie das eigene Volk töten.
zippzapp 24.04.2014
2.
"Das Treffen macht Sinn", glaubt Mascha Baronowa, "weil die russische Opposition hier die Möglichkeit hat, sich zu treffen. In Russland geht das heute nicht mehr." Also diskutiert hier die russische Opposition über die Zukunft Russlands ohne Putin. Aber sollte es nicht darum gehen, eine schnelle, unblutige und dauerhafte Lösung für den nunmehr Bürgerkrieg in der Ukraine zu finden? Das geht aber nur mit Putin. Wieder alles nur sinnloses Gelaber und verschwendete Zeit.
spon-facebook-10000122201 24.04.2014
3. Wer recht
sich Chodorkowski oder Putin?
spon-facebook-10000680211 24.04.2014
4. Putin
Zitat von sysopDPAMichail Chodorkowski saß in Putins Russland ein Jahrzehnt im Gefängnis. Jetzt lud er in Kiew viele Kreml-Kritiker zu einem Friedensgipfel. Seinen Rivalen attackierte er scharf - der Grund für dessen Ukraine-Politik liege auf der Hand. http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-chodorkowski-buergerforum-in-kiew-a-966066.html
Putins Russland, Putinland, Putins Gas, Putins Spiele, Putins Provokateure, Putins Haare, Putins Klo. Ihr Mainstream-Journalisten macht euch lächerlich. Insbesondere, dass ihr verurteilten Verbrechern wie Chodorkowski eine Plattform bietet und dazu noch Faschisten vom Rechten Sektor. Ich wette dieser Beitrag wird nicht freigegeben. Medienkritik vom Volk wird hierzulande bei betroffenen Journalisten/ Medien nicht gerne gesehen.
OldJerk 24.04.2014
5. na so was
Dieb und Verbrecher reisst das Maul auf ...
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