Ukraine Der Mann, der den Babtschenko-Mord geplant haben soll

Der ukrainische Geheimdienst beschuldigt Boris German, den Mord an Arkadij Babtschenko geplant zu haben. Der präsentiert eine andere Version der Vorgänge. Was ist seine Rolle in diesem bizarren Komplott?

Boris German
AFP

Boris German

Von , Moskau


Boris German, ein Mann mit Halbglatze in Hemd und Anzugshose, spricht ruhig, als er im Saal eines Kiewer Bezirksgerichts seine Sicht der Dinge darlegt. Er steht hinter einer Glasscheibe, vor ihm sitzt sein Anwalt.

Die ukrainischen Sicherheitsbehörden beschuldigen German, in den vergangenen Monaten die Ermordung des russischen Reporters Arkadij Babtschenko organisiert zu haben. Ein Plan, der nicht aufging, denn Babtschenko war nur angeblich tot. Er täuschte seinen Tod im Zusammenspiel mit dem ukrainischen Geheimdienst SBU 20 Stunden lang vor, um - so die Version der Sicherheitsbehörden- an die Hintermänner zu kommen: Einer davon soll German sein.

Arkadij Babtchenko
REUTERS

Arkadij Babtchenko

Ein Video des Geheimdienstes zeigt, wie er am Mittwoch auf einem belebten Fußgängerweg in Kiew von zwei Zivilbeamten abgeführt wird. Er leistet keinen Widerstand.

German, der angebliche Drahtzieher in diesem Mordkomplott, ist eine seltsame Figur - so seltsam wie der ganze Fall, der mit seinen vielen Ungereimtheiten zu heftigen Kontroversen geführt hat und in dem der SBU bisher keine Beweise dafür vorgelegt hat, dass russische Dienste hinter der Aktion stehen (Lesen Sie hier mehr).

Was ist über German bekannt?

Aus seinem mail.ru-Account geht hervor, dass der Ukrainer 50 Jahre alt ist. Laut seinem Anwalt Jewgenij Solodko ist er Jurist. German arbeitete unter anderem für zwei Abgeordnete, sein Vater ist ein einflussreicher Geschäftsmann in der Ukraine. German hat mehrere Firmen gegründet und geleitet, darunter ein russisches Unternehmen, das nach eigenen Angaben mit Kleidung und Schuhen gehandelt hat.

Sein Name taucht auch im Register eines Unternehmens auf, das sich "deutsch-ukrainische Partnerfirma Schmajser" nennt - an dem German als Aktionär beteiligt ist und als dessen geschäftsführender Direktor auftrat. Bei dem Unternehmen soll es sich nach verschiedenen Medienberichten um eine Waffenfabrik handeln, die auch Teile in den Donbass geliefert haben soll. Der Name "Schmajser" erinnert wohl nicht zufällig an das deutsche Waffen-Unternehmen Schmeisser in Krefeld, benannt nach dem Waffenkonstrukteur Hugo Schmeisser. "Wir haben nichts mit der Firma in Kiew zu tun", sagte einer der Geschäftsführer auf Anfrage des SPIEGEL. Man unterhalte auch keinerlei Beziehungen in die Ukraine.

Wie Gerichtsunterlagen aus Kiew zeigen, wurde German im April 2018 der Dokumentenfälschung beschuldigt. Zudem ermittelte die Polizei seit 2016 wegen Waffenhandels gegen ihn. Mitarbeiter der Firma "Schmajser" wurden im vergangenen Jahr nach Medienberichten von Polizei, SBU und Staatsanwaltschaft festgenommen, weil sie Waffen verkauft haben sollen.

Fotostrecke

10  Bilder
Journalist Babtschenko: Eben noch tot geglaubt - jetzt im TV

Was hat German ausgesagt?

Vor einem halben Jahr sei er von einem alten Bekannten, einem Moskauer mit dem Namen Wjatschelaw Piwowarnik, kontaktiert worden. Dieser arbeite für eine "private Stiftung Putins", die Unruhe in der Ukraine organisiere, die Lage im Land destabilisieren wolle, erklärte German im Gerichtssaal. Er habe die ukrainische Spionageabwehr über die Kontaktaufnahme des Moskauers informiert, weil er das als seine Pflicht als ukrainischer Bürger angesehen habe. Die Spionageabwehr habe ihn daraufhin als Mitarbeiter angeheuert. Sein Auftrag in dieser Geheimoperation sei es gewesen, mehr über den Plan des Russen herauszufinden, über dessen Ziele in der Ukraine und über die Geldflüsse.

Als er den Auftrag bekommen habe, die Ermordung von Babtschenko zu planen, habe er als Killer Alexej Tsymbaljuk ausgewählt. Einen Veteranen der Antiterroroperation ATO und ehemaligen Mönch, "der niemals einen unbewaffneten Mann" töten würde, wie German sagte. Zudem sei für ihn klar gewesen, dass Tsymbaljuk, den SBU informieren würde, weil dieser dazu bei der ATO ausgebildet worden sei. Damit sei für ihn klar gewesen, dass der Geheimdienst über die Mordpläne Bescheid gewusst habe.

German sollte die Aktion weiter durchziehen, um an weitere Informationen aus Russland zu gelangen, wie er sagte. Nach den Berichten über Babtschenkos angeblichen Tod habe er eine Liste mit den Namen von 30 weiteren Mordzielen in der Ukraine erhalten. Diese habe er der Spionageabwehr übergeben. Sein Einsatz, der parallel zu dem des Geheimdienstes gelaufen sei, sei dokumentiert worden. Der SBU sei nicht informiert worden, weil es dort zu viele Maulwürfe mit Verbindungen nach Russland gebe.

Um welche Behörde es sich bei der Spionageabwehr denn dann genau handelt? Sein Anwalt Solodko sagte dem SPIEGEL, er gehe davon aus, dass es die Spionageabwehr des Verteidigungsministeriums sei. Sein Mandant sei "Opfer eines Konflikts zwischen der Spionageabwehr und dem Geheimdienst" geworden. Er kündigte Berufung gegen die Untersuchungshaft an.

Was sagen der Geheimdienst und der Generalstaatsanwalt?

Nach Angaben der beiden Behörden ist German kein Mitarbeiter der Spionageabwehr. Tsymbaljuk hatte nach Angaben des SBU Anfang April den Geheimdienst über den Auftrag für den Mord an Babtschenko informiert. Er sei dann zum Schein auf den Auftrag eingegangen, habe sich 15.000 Dollar Anzahlung von German übergeben lassen. Nach dem inszenierten Mord an dem Journalisten habe er von dem Drahtzieher die Liste mit den 30 Namen erhalten, German sei festgenommen worden. Zu dessen Hintermännern in Russland machten die Behörden bisher keine Angaben, sprachen nur allgemein von russischen Diensten, die den Auftrag erteilt haben sollen.

Am Freitag erklärten die ukrainischen Behörden, dass sie durch die Babtschenko-Operation Kenntnis über 47 mögliche Mordziele bekommen hätten, darunter die meisten Journalisten, ukrainische und auch russische, die in die Ukraine emigriert seien. Alle Personen auf der Liste seien informiert worden. Er sei gewarnt worden, bestätigte unter anderem Matwej Ganapolsky, der für den Kremlkritischen russischen Radiosender Echo Moskwy in Kiew arbeitet.

Wer ist der Auftragsmörder?

Tsymbaljuk war im Donbass im Einsatz und Mitglied im Rechten Sektor, einem Sammelbecken rechtsnationaler Kräfte in der Ukraine. Dass er seine Rolle im Babtschenko-Fall selbst auf Facebook öffentlich machte, ist eine weitere Merkwürdigkeit. Er habe den Auftrag für den Mord an dem Journalisten erhalten, schreibt er dort. Gleichzeitig lobte Tsymbaljuk die Mitarbeiter des SBU als "junge talentierte Ermittler". Fragen von Journalisten werde er nicht beantworten, kündigte er an.

Wer ist der angebliche Moskauer Auftraggeber?

Über ihn gibt es kaum Informationen. Ein Foto im sozialen Netzwerk Odnoklassniki zeigt einen jungen Mann, Jahrgang 1984, im schwarzen T-Shirt mit kurzen dunklen Haaren, der in die Kamera lächelt. Sein Studium hat er demnach unter anderem in Kiew absolviert, unter seinen Freunden findet sich German. Der Account von Piwowarnik wurde 2016 das letzte Mal benutzt. Ein VKontakte-Profil, dem russischen Facebook, mit dem Namen Wjatschelaw Piwowarnik wurde inzwischen gelöscht.

Piwowarniks Name taucht laut einem russischen Firmenregister auch in Zusammenhang mit verschiedenen Unternehmen auf, darunter ein sogenannter Dienst für die Sicherheit der Ukraine. Adressen, Namen und Telefonnummern im Umfeld dieser Firmen führen ins Leere: Entweder gibt es sie nicht mehr oder sie funktionieren nicht mehr. Auch Geschäftspartner sind nicht mehr erreichbar.

Mitarbeit: Katja Kuznetsova; Olga Vasyltsova, Kiew

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.