Leben im Kriegsgebiet Donbas Granaten im Gemüsegarten

Der Krieg im Donbas geht weiter - auch wenn die Welt wegschaut. In manchen leeren Dörfern harren fast nur noch die Alten aus: in Schutzkellern, hoffend, dass der Wahnsinn aufhört. Ein Besuch.

Till Mayer

Aus Avdiivka und Kamyanka im Donbas berichtet


Über dem groben Mauerwerk liegen die Spinnweben. Valentina zieht den Kopf ein und geht ächzend die Treppenstufen in den engen Schacht hinab. Unten angekommen, sind im Dämmerlicht zwei wackelige Bänke und ein paar Stühle zu sehen. Die 79-Jährige kontrolliert, ob noch genügend Kerzen da sind. Sieben Wachsstäbe klickern, als sie zählt. Mehr als genug für eine Nacht, wenn wieder die Granaten einschlagen. "Im vergangenen Winter ging es besonders hoch her. Hoffentlich wird es dieses Jahr anders", erinnert sich Valentina. Ihr Atem gefriert in der Luft. Dann stapft sie wieder nach oben, dem Licht entgegen.

Viele sind nicht in Kamyanka, Ostukraine, geblieben. Vor dem Konflikt lebten rund 700 Menschen im Dorf. Jetzt sind es noch 96, ein gutes Drittel von ihnen alte Menschen. Ein gusseiserner Sowjetsoldat zeigt, warum so viele gegangen sind: Eine Granate von der nahen Front hat ihn vor gut einem Jahr einen Arm gekostet. Nun mahnt der Invalide aus Metall vom Ehrenmal in der Dorfmitte.

Beschädigtes Denkmal
Till Mayer

Beschädigtes Denkmal

Valentina wurde im Zweiten Weltkrieg geboren. Ihr Vater, ihr Bruder und ihre Schwester überlebten ihn nicht. Jetzt fürchtet sie, selbst in einem Konflikt zu sterben. Einen, den sie einfach nicht verstehen kann. Seit 2014 stehen sich die ukrainische Armee und die von Russland unterstützten Milizen des Donbas gegenüber.

"Wer hätte das gedacht, dass ich das noch erleben muss. Nächte im Keller verbringen. Die eigenen Leute schießen aufeinander. Selbst in meinen Gemüsegarten ist eine Granate eingeschlagen", sagt die alte Frau, als sie zu ihrem kleinen Wohnblock marschiert. Das Gemüse, eingemacht in bauchigen Gläsern, hat ihr immer über den Winter geholfen. "Das wird mir jetzt fehlen. Aber ich habe ja auch noch meine Hühner und das Obst von den Bäumen", sagt sie trotzig.

Valentina in ihrer Wohnung
Till Mayer

Valentina in ihrer Wohnung

In ihrer kleinen Wohnung zieht es. Aber immerhin, dank einer Lieferung vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) hat sie Kohle zum Heizen und Lebensmittelpakete - vor allem aber ein wenig mehr Lebensmut. "Der Beschuss auf unser Dorf, es ist furchtbar. So oft hören wir die Kämpfe bei Avdiivka. Das Leben war schon vor dem Krieg nicht einfach für uns, aber jetzt ist es schwer, irgendwie die Hoffnung zu bewahren", sagt die 79-Jährige.

Das weiß auch Farhana Javid. Die Psychologin des IKRK besucht mit ihrem Team seit über vier Monaten regelmäßig die Babuschkas nahe der Frontlinie. Das Projekt endet in Kürze, soll aber in anderen Dörfern fortgesetzt werden. Die alten Damen freuen sich über den Besuch. "Zuerst waren sie noch skeptisch. Psychologen, mit denen reden doch nur Verrückte", erinnert sich die 38-Jährige. Jetzt gibt es herzliche Umarmungen zur Begrüßung. Die Alten von Kamyanka sind froh, wenn ihnen jemand zuhört. Ihnen hilft, wieder ein wenig Zuversicht zu fassen.

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Avdiivka in der Ukraine: Nächte im Schacht

Eine der Rotkreuz-Helferinnen ist Anna Izotova. Die 33-Jährige lächelt, als Valentina in den Gemeindesaal kommt. Dieser liegt zwischen dem Keller und ihrem Wohnblock. Eine kleine Halle aus Sowjetzeiten, von der Decke fällt der Putz. Es gibt Kaffee, Tee und ein wenig Kuchen. Und es gibt Menschen, die zuhören und Verständnis haben. Dass sich die alten Damen wie in Friedenszeiten um ihren Garten kümmern, ihre Ernte einwecken, ist schon ein wichtiger Schritt, sagen die Helfer. Ein selbst eingemachtes Glas Früchtemarmelade kann in Kamyanka so schon für ein klein wenig Hoffnung stehen. Und die Marmelade von Valentina schmeckt süß wie der Frieden.

Die alte Dame hat drei Töchter. Sie leben in Donezk, keine 20 Kilometer entfernt auf der anderen Seite der Front, die offiziell "Kontaktlinie" heißt. "Meist besuche ich meine Töchter. Mich als alte Frau lassen sie schneller passieren. Mehr als neun Stunden brauche ich selten", sagt sie. Neun Stunden für 20 Kilometer. Valentina hat sich an den Wahnsinn gewöhnt.

Die vierspurige Straße, die nahe Kamyanka vorbeiführt, ist eine Geisterautobahn. Gras bricht durch den Asphalt, eine nahe Brücke ist explodiert. An Checkpoints werden die Reisenden kontrolliert. 20 Kilometer sind in einem Konflikt wie diesem eine unglaublich lange Strecke. Eine Tochter hat sie dennoch aus Donezk vorübergehend zu sich nach Kamyanka geholt. Sie ist krank, wird von der alten Mutter gepflegt. Regelmäßig ruft sie die anderen Töchter mit dem Mobiltelefon an. Um zu fragen: "Ist alles in Ordnung?" Mehr kann sich Valentina nicht leisten. "Aber es tut so gut, meine Töchter zu hören. Sie haben auch eine schwere Zeit", sagt die alte Dame. Umso schwerer wiegt die Stille nach dem Telefonat.

Unter dem Konflikt leiden die Menschen auf beiden Seiten. Die Schützengräben sind keine "Kontaktlinie", sie zerreißen Familien, Freundschaften. Doch die Alten von Kamyanka harren aus. Was sollen sie auch sonst tun? "Nur nie die Hoffnung verlieren", sagt Valentina zum Abschied.

Zum Autor
  • Der Foto-Journalist Till Mayer setzt sich mit Langzeitfolgen von Kriegen auseinander. Im Erich-Weiß-Verlag erschienen dazu die Bildbände "Abseits der Schlachtfelder" und "Barriere:Zonen". Die Wanderausstellung "Barriere:Zonen" kann von Schulen, Universitäten und Institutionen entliehen werden. Für sein humanitäres Engagement als Journalist wurde er mehrfach ausgezeichnet.

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