US-Arsenal für die Ukraine Was sind "tödliche Verteidigungswaffen"?

Barack Obama erwähnt sie immer wieder: Die USA könnten bald "tödliche Verteidigungswaffen" an die Ukraine liefern. Was mit dem schwammigen Begriff gemeint ist - der Überblick.

Britische Soldaten mit "Milan"-Abwehrrakete im Irak (Archivbild): Letal und legitim?
REUTERS

Britische Soldaten mit "Milan"-Abwehrrakete im Irak (Archivbild): Letal und legitim?

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Hamburg - Angela Merkel bekräftigte in Washington ihr Veto gegen Waffenlieferungen an die Ukraine - doch die Forderung danach wird in den USA immer lauter: Präsident Barack Obama ließ sich nach dem Gespräch mit der Kanzlerin diese Möglichkeit gezielt offen. Er sprach von der "Option", die Ukraine auch direkt militärisch zu unterstützen.

Diese Option umfasst demnach Lieferungen von "lethal defensive weapons" - tödlichen Verteidigungswaffen also. Das klingt nicht nur paradox, sondern ist tatsächlich schwierig zu definieren. Können zum Beispiel militärische Raketen wirklich defensiv sein?

Zunächst einmal handelt es sich bei der umstrittenen "lethal defensive weapons" um einen Mittelweg zwischen Ausrüstungsgegenständen (Schusswesten, Helme, Radartechnik) und Angriffswaffen (Kampfflugzeuge, Panzer). Kurzum: Sie können Angreifer töten, aber nicht für groß angelegte Offensivschläge genutzt werden - zumindest in der Theorie.

Denn eindeutig definieren lässt sich dieser Waffentypus kaum. So können etwa panzerbrechende Waffen gegnerische Fahrzeuge zerstören und dabei Menschen töten. Dennoch werden sie von Militärs als Defensivwaffe betrachtet, weil sie für Angriffe weniger geeignet sind. Sie unterscheiden sich damit von klassischen Offensivwaffen wie Bombern oder großkalibriger Artillerie, die auch weit entfernte Stellungen treffen können. Und mit denen sich Schlachten, wenn nicht sogar Kriege, entscheiden lassen.

Diese Kategorien stammen allerdings aus Zeiten großer Panzer- und Stellungskriege zwischen Nationen und gewaltigen Militärallianzen. Im Wirrwarr irregulärer Kriege wie derzeit in der Ukraine verschwimmen diese Definitionsgrenzen schnell - weil sich viele "letale Verteidigungswaffen" eben auch für Angriffe missbrauchen lassen.

Es gibt also Unterschiede in der militärischen Definition. Gleichzeitig dürfte Obama in der höchst angespannten Ukraine-Situation seine Worte mit Bedacht wählen. Der Zusatz "Verteidigung-" ist absichtlich gewählt - und soll möglicherweise einer vorschnellen Eskalation vorbeugen.

Beispiele für "tödliche Verteidigungswaffen" im Überblick:

US-Soldaten mit Javelin-Panzerabwehr in Afghanistan
REUTERS

US-Soldaten mit Javelin-Panzerabwehr in Afghanistan

Eine zur Verteidigung eingesetzte Panzerabwehrwaffe ist das US-Raketensystem Javelin: Angreifende Einheiten können mit der Infanterie-Abwehrrakete gestoppt werden, eigene Offensivschläge sollen damit kaum möglich sein. Ein ähnliches System, die "Milan"-Panzerabwehr, hat die Bundeswehr Ende 2014 den kurdischen Peschmerga-Kämpfern im Nordirak für den Kampf gegen den "Islamischen Staat" (IS) zur Verfügung gestellt. Die Kurden beschießen damit vor Angriffen auch kleinere IS-Stellungen, wofür die Waffe nicht gedacht ist. Obwohl größere Bodenoffensiven mit solchen Panzerbrechern allein nicht vorbereitet werden können, lassen sie sich also für Offensivaktionen gebrauchen.

Unbemannte US-Drohne RQ-7B Shadow im November 2011 in Afghanistan
REUTERS/ U.S. Marine Corps

Unbemannte US-Drohne RQ-7B Shadow im November 2011 in Afghanistan

Auch unbemannte Luftfahrzeuge zählen zu den Verteidigungswaffen, etwa die Drohne RQ-7B Shadow. Solche Bodenaufklärer lassen sich selbst dann kaum für Offensivoperationen nutzen, wenn sie mit Waffen ausgerüstet sind. Denn sie können zwar kleinere Stellungen attackieren, aber nicht gezielt Geländegewinne vorbereiten oder gar wie Kampfjets oder Bombenflugzeuge zum Einsatz kommen.

US-Soldaten bei einer "Patriot"-Raketenabwehrstellung im türkischen Gaziantep
REUTERS

US-Soldaten bei einer "Patriot"-Raketenabwehrstellung im türkischen Gaziantep

Eindeutig zu Verteidigungszwecken ausgerichtet sind auch die "Patriot"-Raketen, mit denen die Nato etwa die Türkei vor Angriffen aus Syrien schützt. Das Abwehrsystem soll nahende Raketen oder Flugzeuge abwehren - es kann allerdings auch offensiv eingesetzt werden: So ermöglicht die enorme Reichweite der Raketen den Abschuss feindlicher Transportflugzeuge oder gar ziviler Passagierflieger.

Mexikanische Soldaten 2008 auf einem Humvee-Geländewagen
REUTERS

Mexikanische Soldaten 2008 auf einem Humvee-Geländewagen

Der Geländewagen Humvee (eigentlich High Mobility Multipurpose Wheeled Vehicle, kurz HMMWV) ist ein in der Regel nur leicht bewaffnetes Kriegsfahrzeug. Die kleinen Geschütze sind für Angriffe faktisch unbrauchbar und gegen moderne Panzer chancenlos. Die vergleichsweise massive Panzerung macht den Jeep jedoch zu einem wendigen Fahrzeug bei der Abwehr von Infanterieangriffen.

Mitarbeit: Matthias Gebauer



insgesamt 282 Beiträge
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gerald246 10.02.2015
1. Die Ukraine
hat eine breit aufgetsllete Ruestungsindustrie und exportiert jedes Jahr Ruestungsgueter in Milliardenhoehe.
missbrauchtewähler 10.02.2015
2. Der Begriff klingt aber schöner
...ist ja nur defensiv. Genauso wie Vorwärtsverteidigung statt Angriffskrieg. Töten heisst aber töten und bleibt töten, egal wie nett man es umschreibt.
Pfaffenwinkel 10.02.2015
3. Wer
jetzt noch an der Kriegslust der Amis zweifelt, der kann nicht eins und eins zusammenzählen.
competa1 10.02.2015
4. ..
..jede Abwehr ist auch ein Angriff.Denn bei beiden Aktionen sterben Menschen.
Emmi 10.02.2015
5. Wie man das Zeug nennt, ist auch schnurzpiepegal!
Wie man das Zeug nennt, ist auch schnurzpiepegal! Es geht nur darum, ob der Westen Waffen in die Ukraine liefert, oder nicht. Was die dann damit machen, kann man eh nicht mehr kontrollieren. Und wie man die Jungs in Kiew kennt, geht es ihnen nicht nur darum, weitere Geländegewinne der Separatisten zu verhindern...
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