Heftige Kämpfe in der Ostukraine Trump enttäuscht den Kreml

In der Ostukraine eskalieren die Kämpfe. Doch wer ist schuld? Die neue US-Regierung stellte sich auf Kiews Seite. Moskau hatte sich eine andere Reaktion erhofft.

Maks Levin

Von , Moskau


Es ist ein trauriges Ritual: Im Osten der Ukraine liefern sich die ukrainische Armee und prorussische Separatisten den sechsten Tag heftige Gefechte. An der Frontlinie in den Städten Awdijiwka, unter ukrainischer Kontrolle, und Donezk, kontrolliert von Moskau-loyalen Kämpfern, schlagen Grad-Raketen ein. Seit dem Wochenende gab es mehr als ein Dutzend Tote und zahlreiche Verletzte - so viele wie seit Monaten nicht mehr.

Die Regierungen in Kiew, in Moskau und deren loyale Kämpfer schieben sich Tag für Tag gegenseitig die Schuld an den neuerlichen Gefechten zu. In Moskau trat am Freitag Maria Sacharowa, Sprecherin des russischen Außenministeriums, vor die Presse und sprach von einem "barbarischen Angriff auf Donezk". Sie machte die ukrainische Seite verantwortlich für die Eskalation. Die ukrainischen Truppen würden schwere Waffen benutzen und damit Genfer Konventionen und die Minsker Friedensvereinbarungen brechen.

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Sie verschwieg aber, dass auch die prorussischen Separatisten nach Augenzeugenberichten schwere Artillerie und Mehrfachraketenwerfer verwenden. Am Donnerstag hatte Präsident Wladimir Putin sich erstmals seit dem Aufflammen der Kämpfe zu Wort gemeldet: Die Ukraine versuche, sich in der internationalen Gemeinschaft als Opfer darzustellen und so finanzielle Hilfe zu bekommen, sagte der Staatschef. Um von innenpolitischen Problemen abzulenken, befeuere Kiew den Konflikt im Donbass.

Harsche Worte von Trumps Botschafterin

Dieser Sichtweise scheint sich die neue US-Regierung nicht anzuschließen: Überraschend heftig kritisierte Donald Trumps Botschafterin bei der Uno, Nikki Haley, Moskau bei ihrem ersten Erscheinen im Sicherheitsrat. Sie sprach von einer "aggressiven" russischen Vorgehensweise in der Ukraine. Das Vorgehen Russlands verdiene "klare und deutliche" Worte, sagte sie.

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Ukraine: Awdijiwka und Donezk unter Beschuss

"Es ist schade, dass ich bei meinem ersten Auftritt hier das aggressive Verhalten Russlands verurteilen muss", sagte sie. "So hatten wir uns das eigentlich nicht gedacht. Doch die ernste Situation in der Ostukraine verlangt danach, Russlands Vorgehen klar und deutlich zu kritisieren." Zudem zerstörte sie die in Moskau immer wieder geschürten Hoffnungen auf ein schnelles Ende der Sanktionen, die nach der Annexion der Krim verhängt worden waren. Die Strafmaßnahmen blieben bestehen, sagte Haley, "bis Russland die Kontrolle über die Halbinsel an die Ukraine zurückgegeben hat".

Die russische Außenamtssprecherin Sacharowa ging auf die harsche Kritik nicht ein. Sie attackierte lieber die EU-Regierungen. "Es ist eine Schande, dass Europäer Europäer beschießen, und Europa schaut zu. Habt ihr überhaupt ein Gewissen?", sagte sie. Sacharowa bekräftigte, dass Moskau die Beziehungen zu Washington verbessern wolle. In den vergangenen Tagen hatte die russische Führung immer wieder um Gespräche mit Trump geworben. Der Republikaner gilt als russlandfreundlich, seit er Putin im vergangenen Jahr mehrmals gelobt hat.

Trump Spitzenreiter in Russlands Medien

Die staatsnahen Medien bejubeln Trump seit Monaten. Nach einer Analyse wurde sein Name im Januar in russischen Veröffentlichungen 202.000-mal benutzt - und damit öfter als Putin mit 147.000-mal.

Der Kreml kann den US-Präsidenten offenbar noch nicht richtig einschätzen: Dazu gehört eben auch der Auftritt von Trumps Uno-Botschafterin. Schon macht in nationalistischen Kreisen das Wort "Verrat" die Runde. Der russische Senator und Außenexperte Alexej Puschkow äußerte auf Twitter sein Unverständnis, allerdings noch in Frageform: "Wie kann man Russland verurteilen, wenn die ukrainische Armee den Donbass beschießt?"

Viel ist darüber geschrieben worden, wie ähnlich sich Putin und Trump sind: Beide sind unverhohlene Machos, sie lieben die Inszenierung; beide sind knallharte Interessenpolitiker, halten nichts von liberalen Werten, wollen ihre Länder zu alter Stärke zurückführen; beide nehmen es mit den Tatsachen nicht genau und handeln unberechenbar. Nun treffen die beiden als Staatschefs aufeinander. Das kann für den Kreml durchaus unangenehm werden.

Will Russland Trump testen?

Trump hat sich nun erst einmal auf die Seite der Ukraine geschlagen. Allerdings wird es ohne Moskau keine Lösung in dem Krieg geben. Ob er aber ein Interesse angesichts seiner America-first-Politik hat, den Konflikt wirklich zu lösen, ist unklar. Es ist nicht bekannt, was genau Putin und Trump in ihrem Telefonat vergangene Woche über die Ukraine besprochen haben. Tatsache ist, dass kurz nach dem Gespräch der beiden die Kämpfe entflammten.

Donald Trump
AP

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Nach Kiewer Lesart will Russland auf diese Weise Trump testen. Moskau weist das zurück. Klar ist nur, dass im Industriegebiet von Awdijiwka, in dem eine der größten Kokereien Europas liegt, seit Monaten immer wieder geschossen wurde und keine Seite sich für die Verstöße gegen die Waffenruhe verantworten musste.

Die Menschen vor Ort, im Gebiet Awdijiwka und Donezk, hoffen auf ein Ende der Gefechte. Sie berichteten am Freitagmorgen von heftigen Kämpfen, die noch massiver gewesen seien als in den Tagen zuvor.

Weitere Infos:

Bewohner im ukrainisch kontrollierten Awdijiwka, die vor den Hilfszelten warteten, um sich aufzuwärmen und ihre Handys aufzuladen, berichteten Reportern von heftigen Gefechten. Nach wie vor sind viele Stromleitungen und Gasleitungen in der Stadt beschädigt. Die Heizungen geben, wenn sie laufen, nur wenig Wärme. Die örtliche Kokerei kann nach wie vor nicht richtig arbeiten. Sie soll die Fernwärme für die Stadt liefern.

Bilder zeigen, wie ukrainische Panzer in die Industriestadt fahren. Nach Angaben des Internetportals Strana.ua wurden einige Bewohner und auch ein englischer Fotograf in den vergangenen Stunden verletzt.

Die ukrainische Seite berichtete am Freitagmorgen auf Facebook, die prorussischen Separatisten hätten ihre Stellungen 114-mal beschossen, vier Soldaten seien getötet, 17 verletzt worden. Die Gegenseite machte zunächst keine Angaben. Die Meldungen können ohnehin nur schwer überprüft werden.



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