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Zivilisten in Debalzewe: "Das ist unsere Hölle"

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Krieg in der Ukraine: Schlacht um Debalzewe Fotos
Max Avdeev for BuzzFeed News

Die ukrainischen Truppen ziehen aus Debalzewe ab, prorussische Separatisten stürmen die Stadt. Was bleibt, sind zertrümmerte Häuser, tiefe Krater und verzweifelte Menschen. Ein Video soll die Zerstörung aus der Luft zeigen.

Moskau/Hamburg - Zertrümmerte Dächer, vereinzelt fahrende Autos, keine Menschen - ein YouTube-Video soll Teile der seit Wochen umkämpften Stadt Debalzewe in der Ostukraine aus der Luft zeigen. Vermutlich sind auf den Bildern die bereits vor Tagen beschossenen Vororte Logwinowo und Uglegorsk zu sehen.

Die Aufnahmen wurden von der Initiative "Armija SOS" zur Unterstützung der ukrainischen Armee hochgeladen. Deren Angaben zufolge wurden sie vom 11. bis zum 15. Februar mit einer Drohne aufgenommen. Von oben betrachtet zeigen sie konfuse Fahrzeugspuren, auch fernab der Straße. Und dunkle Krater, die in schneebedeckte Felder gerissen wurden. Die Bilder von ländlicheren Vororten lassen erahnen, wie der Anblick in der Stadt sein mag.

YouTube/Juri Kasjanow
Verwirrend an dem Video ist ein Wechsel im Time-Code. Er zeigt nicht nur Daten im Februar an, sondern an manchen Stellen auch das Datum 1. Januar 2013. Allerdings lässt sich auf den entsprechenden Aufnahmen (ab Minute 1:08) eindeutig ein schwer beschädigtes Gebäude in der Stadt Wuhlehirsk (auch bekannt unter der russischen Bezeichnung Uglegorsk) identifizieren.

Das markante Gebäude steht an einer Weggabelung und wurde zweifelsfrei nicht im Jahr 2013 zerstört, sondern bei den zuletzt heftigen Kämpfen in der Umgebung von Debalzewe. Aufnahmen des Hauses finden sich etwa hier. Ein Abgleich mit Google Maps zeigt auch, dass die Luftaufnahmen zweifelsfrei über der entsprechenden Weggabelung in Wuhlehirsk aufgenommen wurden. Ein Ende Januar veröffentlichtes Video zeigt das entsprechende Gebäude nach dem Einmarsch von Rebelleneinheiten in Flammen. Das Video zeigt also tatsächlich die Zerstörungen um Debalzewe. Was genau zu dem Sprung im Time Code geführt hat, lässt sich gleichwohl nicht mit Sicherheit sagen.

Die ukrainischen Truppen ziehen unterdessen aus Debalzewe ab. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko, dem der Fall der Stadt gefährlich werden könnte, flog am Mittwoch aus Kiew an die Front. "Heute Morgen haben mehrere Einheiten der ukrainischen Streitkräfte den Rückzug aus Debalzewe angetreten", twitterte der Staatschef. Der Rückzug sei "geordnet" erfolgt und sei "vorausgeplant" gewesen, schreibt er.

Zurück bleibt eine zerstörte Stadt. Weil dort bisher heftige Schusswechsel und Granatenangriffe an der Tagesordnung waren, war es schwierig, sich ein Bild von der Lage zu machen. Und so bleibt es wohl vorerst. Nun sind prorussische Rebelleneinheiten in die Schlüsselstadt eingerückt, die der Verkehrsknotenpunkt zwischen Donezk und Luhansk ist.

Einige Fotografen haben in den vergangenen Tagen nahe der Frontlinie Fotos geschossen, etwa der Agenturfotograf Max Avdeev (Seine Bilder können Sie hier sehen - und ihm auf Twitter folgen). Er fotografierte zerschossene Panzer und tote Soldaten. Die Aufnahmen lassen das Ausmaß der Tragödie erahnen, die sich in Debalzewe ereignet hat.

Betroffen sind vor allem auch die Bewohner. Tausende haben den Ort, in dem im vergangenen Jahr noch rund 25.000 Einwohner lebten, mittlerweile verlassen. Einige harren trotz der Kämpfe in ihrer Heimat aus. Der Kontakt ist abgerissen, weil es keine Telefonverbindung mehr zu ihnen gibt.

Wera, eine 27 Jahre alte Ukrainerin, ist noch bis vor wenigen Tagen in Debalzewe geblieben. Gemeinsam mit ihrem Mann half sie zwei Dutzend Bewohnern bei der Flucht aus der Stadt. Sie benutzten dafür mehrere Kleinwagen, "weil Busse auf der Straße unter Beschuss genommen wurden", sagt sie im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Es sind nur die geblieben, die alt sind und nirgendwohin konnten - und die Demoralisierten, die nirgendwo mehr hinwollten."

Ihren Nachnamen will Wera, die in der Stadt geboren und aufgewachsen ist, aus Angst vor Repressionen nicht nennen. Seit ihrer Flucht lebt sie in einer Stadt in der Nähe, die von der ukrainischen Armee kontrolliert wird. Auch dort seien bereits viele in Panik, sagt sie. Sie fürchteten, dass die Rebellen nun weiter vorstoßen könnten.

Sie beschreibt, wie dramatisch die humanitäre Lage in ihrer Heimat bereits vor wenigen Tagen war. "Höchstens 30 Prozent der Häuser sind nicht zerstört. Es gibt keinen Strom, Lebensmittel sind seit einem Monat nicht mehr in die Stadt gelangt", sagt sie. "Das Krankenhaus arbeitet nicht mehr, die nächste Klinik liegt in Artemiwsk, 40 Kilometer entfernt."

Was sie bei ihrem letzten Besuch in der Stadt sah, ist grausam: Viele Tote hätten auf den Straßen gelegen, schildert sie. "Dort liegen Leichen, manche von ihnen in Teile zerfetzt", sagt Wera. Manche hätten Militärkluft getragen, viele jedoch zivile Kleidung. "Das ist unsere Hölle."

Mitarbeit: Vera Kämper

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 59 Beiträge
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1. Fehler wiederholen sich,
koka_banana 18.02.2015
immer wieder. Auch angeblich intelligente Menschen mit akademischen Graden handeln nicht besser als der vielleicht unwissende befehlsausführende Soldat. Die Russen leiden chronisch an mangelndem Selbstbewusstsein, ja eher Größenwahn. Die Russen sehen sich seit Jahrhunderten als Hegemonialmacht. Aktuell interpretiert von Herrn Putin. Es passiert grad genau das gleiche wie in Nachkriegsdeutschland, genau das gleiche wie im Korea-/ und Vietnamkrieg. Es ist wieder ein ideologischer Kampf geworden. Was für Probleme nach den Kriegen entstanden ist bekannt. Warum schauen die EU, die UNO nur zu? Es muss eine geschlossene Konsequenz gezogen werden, ggfs. mit militärischen Mitteln. Oder man sagt, die Ukraine gehört zur Einflussphäre Russlands und zieht sich zurück. Momentan ist das nicht Fisch noch Fleisch. Einen neuen kalten Krieg haben wir schon, will nur keiner so wahr haben.
2. Putins Hölle
matulla23 18.02.2015
Auch für diese Tragödien ist Russland direkt und indirekt verantwortlich. Putin mischt die Ukraine auf, hinterlässt eine Spur der Verwüstung und Tod! - Frau Merkel kann man wegen ihrer unermüdlichen Anstrengungen, diesen Konflikt friedlich zu lösen nur bewundern. Aber seien wir ganz ehrlich: wer glaubt noch daran, dass auch Russland an einer friedlichen Lösung interessiert ist? Mehr denn je wird immer deutlicher, dass es um die Angliederung Neurusslands an Russland geht. Und Europa schaut zu! Und der Rest der Welt schaut ebenfalls zu!! - Ich weiß nicht, wie man diesen Konflikt lösen könnte. Wie sollte man auch, wenn allein in Russland schon der Wille hierzu fehlt. Und wer weiß, was sich Putin hiernach ausdenkt? - Der Mann ist hochgefährlich für Europa. Das war Hitler auch. Und auch dort hat man viel zu lange zugesehen! - Nicht, dass sich hier Geschichte wiederholt! - In diesem Sinne sollte man der Ukraine auch anders beiseite stehen und militärisch unterstützen. Nicht weil es um die Ukraine geht, sondern darum, einen gefährlichen Aggressor zu stoppen!
3. Zweifelhafter Rückzug.
HejAlterHastMalnEuro 18.02.2015
"Die ukrainischen Truppen ziehen aus Debalzewe ab. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko, dem der Fall der Stadt gefährlich werden könnte, flog am Mittwoch aus Kiew an die Front. "Heute Morgen haben mehrere Einheiten der ukrainischen Streitkräfte den Rückzug aus Debalzewe angetreten", twitterte der Staatschef. Der Rückzug sei "geordnet" erfolgt und sei "vorausgeplant" gewesen, schreibt er." Ich habe den ganzen Tag immer nur dieselben Bilder gesehen. Einen Panzer, 2 Schütenzenpanzer und 2 LKW`s mit aufgesessenen Soldaten. Das sah nicht nach einem geordneten Rückzug aus. Es war entweder ein Ausbruch einer kleineren Gruppe oder eine Show. Kann bei einem geschlossenen Kessel nicht anders sein. Mehrere Korrespondenten (N24, ZDF) sprachen vom Sammeln der eingeschlossenen Truppen im Südteil des Kessels. Es sieht eigentlich eher so aus, als hätte Poroschenko seine Truppen aufgegeben, und versucht vor seinem Volk und der Welt die Wahrheit zu verschleiern.
4. Unwort des Jahres:
fade0ff 18.02.2015
Irreguläre russische Truppen, unterstützt von pausenlosen Waffenlieferungen aus Russland, regulären russischen Truppen, die von russischem Staatsgebiet aus die ukrainische Armee beschießen und Russen, die zu Zeiten der Sowjetunion in der Ukraine (wie in jedem anderen annektierten Land) angesiedelt worden, kann man kaum als Separatisten bezeichnen.
5. Russische Unterstützung
kaiser_sousey 18.02.2015
Wer immer noch die massive russische Unterstützung der Separatisten abstreitet, der sollte sich mal Bild2 anschauen. Das ist ein T80! Der ist recht modern, wurde nicht lange gebaut und bedarf aufgrund seiner Gasturbine enorm viel Wartung und Ersatzteile! Das bekommt eine Guerilla-Armee nicht hin! Das Teil benötigt massive logistische, professionelle Unterstützung. Die Russen lassen sich den Spaß offensichtlich was kosten. Teurer geht es kaum.
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Fläche: 603.700 km²
(inklusive der Krim, die seit 2014 von Russland annektiert ist)

Bevölkerung: 45,363 Mio.

Hauptstadt: Kiew

Staatsoberhaupt:
Petro Poroschenko

Regierungschef: Volodymyr Hroisman

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