Ukraine-Konflikt Russland-Beauftragter Erler warnt vor direktem Eingreifen Moskaus

SPD-Politiker Gernot Erler hält eine Eskalation der Ukraine-Krise für möglich: Sollten die Separatisten vor einer Niederlage stehen, könnte Moskau direkt im Nachbarland eingreifen, so der Russland-Beauftragte der Bundesregierung.

Separatisten in Tores, Ostukraine: Russland "unter sehr starkem Druck"
AFP

Separatisten in Tores, Ostukraine: Russland "unter sehr starkem Druck"


Berlin - Der Russland-Beauftragte der Bundesregierung, Gernot Erler, hat vor einer Eskalation der Krise in der Ukraine gewarnt. Russlands Präsident Wladimir Putin stehe "unter sehr starkem Druck, die von ihm unter Schutz genommenen russischsprachigen Bewohner in der Ostukraine nicht im Stich zu lassen", sagte der SPD-Politiker der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

"Wenn die Separatisten in die Nähe einer militärischen Niederlage kommen, dann kann niemand ein direktes Eingreifen Russlands über die Grenze hinweg ausschließen." Angesichts von Hinweisen auf Artilleriebeschuss von russischem Gebiet aus und Berichten über neue Militärmanöver im Süden Russlands gebe es "ein Fenster zum Schlechteren", warnte Erler. "Es wäre eine schreckliche Eskalation, wenn es zu einer direkten Intervention käme."

Erler, der als russlandfreundlich gilt, forderte eine längere Feuerpause, die für eine Gesamtlösung der Krise genutzt werden müsse. Die "große Herausforderung" dabei sei, dass "niemand als Verlierer vom Feld geht". Als Forum für solche Gespräche komme die sogenannte Kontaktgruppe aus Vertretern Russlands, der Ukraine, der Separatisten und der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) in Frage.

Der Westen hatte den Druck auf Moskau nach dem Absturz des Flugzeugs MH17 über der Ostukraine zuletzt verstärkt. Die von den 28 EU-Regierungen beschlossenen Wirtschaftssanktionen sollen am Freitag in Kraft treten. Kernstück ist eine Behinderung des Zugangs fünf großer russischer Banken zu den wichtigen Kapitalmärkten der EU.

14 Tote bei Kämpfen

Zu den neuen Sanktionen gehören auch ein Waffenembargo, ein Ausfuhrverbot für zivil und militärisch nutzbare Güter an das russische Militär und ein Lieferstopp für Spezialgeräte zur Ölförderung. Damit soll Putin dazu gebracht werden, die moskautreuen Separatisten in der Ostukraine nicht länger zu unterstützen.

Bei Kämpfen in der Nähe der Absturzstelle von Flug MH17 wurden in der Nacht zum Freitag nach Armeeangaben 14 Menschen getötet. Unter den Toten der Kämpfe in der Stadt Schachtarsk seien mindestens zehn Regierungssoldaten, teilte ein Sprecher der Streitkräfte am Freitagmorgen mit. Vier Leichen seien noch nicht identifiziert, bei ihnen könne es sich "um ukrainische Soldaten oder Terroristen" handeln, wie die Separatisten von Kiew bezeichnet werden.

Schachtarsk liegt rund 25 Kilometer von der Stelle entfernt, an der die Malaysia-Airlines-Maschine mit 298 Menschen an Bord am 17. Juli abgestürzt war. Nachdem eine Vorhut internationaler Experten am Donnerstag erstmals seit einer Woche zu der Absturzstelle vordringen konnte, sollten ab Freitag bewaffnete Polizisten aus den Niederlanden und Australien damit beginnen, das Gebiet abzusichern.

fab/AFP/dpa



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arondor 01.08.2014
1. Vernünftiger Mensch
"Die "große Herausforderung" dabei sei, dass "niemand als Verlierer vom Feld geht"." Lange keinen vernünftigeren Satz mehr gehört in diesem Zusammenhang. EU, die Ukraine und Russland sollten sich zusammensetzen.- die VSA bekommen die Ergebnisse dann als erste mitgeteilt, nehmen aber selbst nicht an Verhandlungen teil.
llych2001 01.08.2014
2. Zutreffend analysiert
Das ist in der Tat die Gefahr. Die "Separatisten" sind auf dem Rückmarsch und Ukrainer kämpfen da schon lange nicht mehr viele besonders engagiert. Es ist mittlerweile ein Stellvertreterkrieg, munitioniert von russischen Freiwilligen und schweren Waffen aus dem Nachbarland. Um mehr Autonomie für die russischsprachigen Ukrainer geht es schon lange nicht mehr.
seine_unermesslichkeit 01.08.2014
3. es wird wohl passieren
Russland wird einmarschieren, wenn es für die Prorussen schlecht aussieht. Denn Putin will eine demokratische, also rechtstaatliche Ukraine verhindern. Koste es, was es wolle. Der nächste Maidan würde dann nämlich auf dem Roten Platz stattfinden und Putin hinweg fegen!
Mitreder 01.08.2014
4. Und dann?
Wie soll das mit den Sanktionen funktionieren? Diese werden nichts ausrichten. Keine Großmacht lässt sich durch solche Aktionen "zwingen". Und dann? Hat Frau Merkel schon mal schon mal eine Antwort auf diese Frage gegeben? Hat Frau Merkel mal erzählt was sie machen würde, gäbe es Sanktionen gegen Deutschland (warum auch immer)? Würde die Deutsche Regierung dann sofort ja und amen zu allen Forderungen sagen? Ich denke nicht. Und das ist, was diese realitätsfernen Leute in Berlin, Brüssel und Washington entweder nicht wissen oder gefährlicherweise ignorieren.
Leser161 01.08.2014
5. Glaub ich nicht
Meiner Meinung nach ist die Ostukraine für Putin Opermassse. Er wollte die Krim, er hat die Krim. Das in der Ostukraine hat er nur angezettelt, um von der Krim abzukenken. Was gelungen ist. Alles was die Separatisten erreichen ist Bonus für Putin.
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