Urteil in der Ukraine: Die Gongadse-Verschwörung

Von , Moskau

Ex-General Pukatsch in einem Eisenkäfig vor Gericht in Kiew: Lebenslange Haftstrafe Zur Großansicht
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Ex-General Pukatsch in einem Eisenkäfig vor Gericht in Kiew: Lebenslange Haftstrafe

In einem Waldstück in der Ukraine wird der enthauptete Leichnam eines Reporters gefunden. Polizisten und Politiker geraten in Verdacht, geheime Tonbandaufnahmen belasten gar den Präsidenten. Jetzt wurde ein Miliz-General wegen des Mordes verurteilt, die Drahtzieher werden wohl nie gefasst.

Als der Richter Andrej Melnik das Urteil gesprochen hat und einer der skandal-umwittersten Prozesse der Ukraine sich dem Ende neigt, ergreift der Verurteilte das Wort.

Alexej Pukatsch war General der ukrainischen Miliz, als er vor über zwölf Jahren zum Journalisten-Mörder wurde. Pukatsch war es, der im Jahr 2000 Georgij Gongadse erdrosselte und die Leiche des regierungskritischen Reporters enthauptete. Das sehen die Richter als erwiesen an. Lebenslänglich lautet deshalb ihr Urteil für Pukatsch.

Er werde sich mit dem Urteilsspruch einverstanden erklären, antwortet nun der Verurteilte, aber nur, wenn neben ihm auf der Anklagebank die Hintermänner der Tat Platz nähmen. Dann nennt Pukatsch zwei Namen, die in der Ukraine einen Klang haben wie Donnerhall: Leonid Kutschma, von 1994 bis 2005 Staatschef des Landes, und Wladimir Litwin, Kutschmas Präsidialamtschef und lange Jahre Parlamentspräsident.

Doch es bleibt bei der Verurteilung von Pukatsch. Ein Verfahren gegen Ex-Präsident Kutschma wurde schon Ende 2011 eingestellt. Der Anwalt des ehemaligen Staatsoberhaupts sprach damals von einem Sieg über "die Anführer einer Verschwörung gegen die staatlichen Grundfesten der Ukraine".

Selbstmord des wichtigsten Zeugen

Für Verschwörungstheorien bietet der Fall Gongadse freilich mehr als genug Stoff. Gongadse war Gründer und Chefredakteur der Internetzeitung "Ukrainska Prawda" und einer der schärfsten Kritiker von Präsident Kutschma. Er war einer der bekanntesten investigativen Reporter seines Landes. Am 16. September 2000 verschwand der Journalist in Kiew. Monate später fanden die Behörden einen kopflosen Leichnam in einem Wald, den sie bald als Gongadse identifizierten.

Pukatsch hatte nach eigenen Angaben den Auftrag, den Journalisten zu ermorden, von niemand geringerem als dem obersten Polizisten des Landes erhalten: von Präsident Kutschmas damaligem Innenminister Jurij Krawtschenko. Mit drei Komplizen entführte Pukatsch den Journalisten, fuhr in einen Wald. Dort, so heißt es in der Urteilsbegründung des Kiewer Gerichts, hob einer der Helfer mit dem Spaten eine Grube aus. "Gleichzeitig bat das gefesselte Opfer, ihn nicht zu töten. Doch Pukatsch stopfte ihm ein Tuch in den Mund", so der Richter. Dann nahm der Miliz-General einen Gürtel, zog ihn um Gongadses Hals und erdrosselte den Journalisten, wie es weiter in dem Urteil heißt.

Über die möglichen Auftraggeber der Tat schwieg das Gericht bei der Urteilsverkündung aber. Während der Verhandlungen war die Öffentlichkeit meist nicht im Gerichtssaal zugelassen. Pukatsch hatte beteuert, Ex-Innenminister Krawtschenko habe ihm den Befehl "im Namen von Präsident Kutschma" gegeben. Dieser war bereits kurz nach der Tat in Verdacht geraten, den Mord an dem unbequemen Reporter Gongadse in Auftrag gegeben zu haben. Damals waren Tonbänder von Gesprächen Kutschmas aufgetaucht. Nikolai Melnitschenko, ehemaliger Leibwächter des Staatschefs, hatte im Geheimen Äußerungen des Ex-Präsidenten mitgeschnitten.

Echtheit der Tonbänder ungeklärt

Unter den Aufzeichnungen findet sich auch ein Gespräch mit dem ehemaligen Minister Krawtschenko. Thema der Unterhaltung: Gongadse. Der Journalist sei "Abschaum", sagt Kutschma auf dem Band - und: Man müsse dafür sorgen, "dass die Tschetschenen ihn entführen". War das eine Aufforderung des früheren Präsidenten, den Journalisten einzuschüchtern oder gar liquidieren zu lassen? Sind die Aufzeichnungen überhaupt echt?

Ex-Innenminister Krawtschenko kann nichts mehr zur Aufklärung des Mordes beitragen. Seine Leiche wurde 2005 mit zwei Kugeln im Kopf gefunden. Die Behörden sprechen offiziell von Selbstmord. Unabhängige Expertisen schätzen die Wahrscheinlichkeit, dass die Tonbänder des Leibwächters authentisch sind, zwar hoch ein. Zu hundert Prozent belegen können sie die Authentizität aber nicht. Das Verfahren gegen Kutschma wurde eingestellt, weil die Behörden es ablehnen, auf illegalem Weg beschaffte Beweismaterialien zu berücksichtigen.

Als Beweisstücke vor Gericht könnten Melnitschenkos Bänder gleichwohl bald in einem anderen Fall eine Rolle spielen: Laut der ukrainischen Staatsanwaltschaft sollen Gesprächsaufzeichnungen belegen, dass die inhaftierte Oppositionsführerin Julija Timoschenko 1996 den Auftrag für die Ermordung eines Abgeordneten gab.

Die Verkündung des Urteils gegen Alexej Pukatsch dauerte am Dienstag fast vier Stunden. Die Namen von Ex-Staatschef Kutschma und seinem Weggefährten Litwin fielen dabei kein einziges Mal.

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1.
mrmoody2010 31.01.2013
löst das nur bei mir Verwunderung aus oder wie kann mir jemand erklären wie ein selbstmörder sich gleich zweimal in den Kopf schießt
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