Ukraine Im Osten wächst der Zorn

Während in der ukrainischen Hauptstadt Kiew das Oberste Gerichts über die Präsidentschaftswahl berät, gehen auch im Osten des Landes immer mehr Menschen auf die Straße. In der Millionenstadt Donezk protestieren Janukowitsch-Anhänger gegen die Opposition. Die Rufe nach einer Abspaltung werden immer lauter.


Demonstranten in Severodonetsk: "Kein Platz für Anhänger Juschtschenkos"
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Demonstranten in Severodonetsk: "Kein Platz für Anhänger Juschtschenkos"

Donezk - Igor Schukow reißt wütend einen kleinen orangefarbenen Sticker mit der Aufschrift "Juschtschenko! Ja!" von einem großen Porträt des lächelnden Wiktor Janukowitsch auf dem Lenin-Platz im Herzen der Stadt Donezk. "Hier ist kein Platz für Anhänger Juschtschenkos", meint der 30-Jährige, der in der größten Metallfabrik der Ukraine arbeitet.

Donezk, eine Stadt mit einer Million Einwohnern, bildet das Zentrum der großen Donbass-Industrieregion im Osten der Ukraine. Und eine große Mehrheit der Bevölkerung unterstützt in dem erbittert geführten Streit um den Ausgang der Präsidentenwahl Janukowitsch, einen Sohn der Region. Die Zentrale Wahlkommission hatte den prorussischen Ministerpräsidenten in der vorigen Woche vorläufig zum Sieger der Präsidentenstichwahl vom 21. November erklärt.

Die Bewohner von Donezk nennen Janukowitsch liebevoll "unseren Witja", und auf den Werbetafeln überall in der Stadt heißt es "Wiktor Janukowitsch, Präsident der Ukraine". Andere Porträts sind in Donezk nicht zu sehen, schon gar nicht die des Oppositionsführers Wiktor Juschtschenko, der den Behörden vorwirft, ihn mit Wahlfälschung um den Sieg betrogen zu haben.

Eine Solidaritätskundgebung für Janukowitsch mit 10.000 Teilnehmern in der Nähe des Denkmals für den ukrainischen Dichter Taras Schewtschenko endete am Sonntag in einer Schlägerei. Etwa 20 Anhänger Juschtschenkos wurden von der Menge attackiert. Eine orangefarbene Fahne, die einer von ihnen aufziehen wollte, wurde zerrissen. Orange ist die Farbe des Juschtschenko-Lagers. Zwei Journalisten, die die Szene auf Film festhalten wollten, wurden von Demonstranten mit schwarzer Farbe beworfen.

"Referendum! Referendum!" riefen die Anhänger Janukowitschs und forderten eine Volksabstimmung über die Abspaltung des östlichen Teils der Ukraine. Aktivisten sammelten auf der Kundgebung Unterschriften zur Loslösung der 16 östlichen Regionen, die Janukowitsch unterstützt haben. Die Bevölkerung der Westukraine sprach sich bei der Wahl hingegen mehrheitlich für Juschtschenko aus.

Der Regionalrat in Donezk beschloss für nächsten Sonntag eine Volksabstimmung über die Einführung einer Autonomieregelung für die Region innerhalb der Ukraine.

"Ich bin eigentlich gegen eine Spaltung der Ukraine", sagte die 46-jährige Mathematik-Lehrerin Ljudmilla Rodina. "Aber wenn der Faschist Juschtschenko an die Macht kommen sollte, würde ich eine Abspaltung unterstützen." Und Wassili Starost, der in der Sasjadko-Zeche arbeitet, dem größten Bergwerk der Ukraine, meinte: "Ich will nicht den ärmlichen Westen der Ukraine mitfüttern."

Rückkehr zu schlechten Zeiten befürchtet

Die Ansicht, dass der industrialisierte Osten den landwirtschaftlich geprägten Westteil der Ukraine subventionieren müsse, ist in der Donbass-Region weit verbreitet. Starost und seine Kollegen befürchten, dass mit einem Präsidenten Juschtschenko die nach ihrer Meinung schlechten Zeiten wieder zurückkehren werden. Als der jetzige Oppositionsführer in den Jahren 1999 bis 2001 Ministerpräsident war, verdienten die Bergleute nach Angaben von Starost 290 Grywna (45 Euro) im Monat, heute liegt ihr Lohn bei 550 Grywna.

Juschtschenko, der den Ruf eines Wirtschaftsreformers hat, wird in der Industrieregion im Osten auch für die Schließung unwirtschaftlicher Zechen während seiner Regierungszeit verantwortlich gemacht. Die Bewohner ganzer Ortschaften verloren dadurch ihre Arbeit.

Weit verbreitet ist auch die Befürchtung, Juschtschenko werde die russischsprachige Bevölkerung diskriminieren, wie dies nach dem Zerfall der Sowjetunion in manchen der ehemaligen Sowjetrepubliken geschah. Nach Ansicht politischer Beobachter nährte Juschtschenkos Gegenkandidat Janukowitsch diese Angst mit seinem Versprechen, er werde Russisch zu einer Amtssprache machen und werde auch dafür sorgen, dass Russisch weiter in den Schulen gelehrt werde. Diese Ideen sind bei vielen russischsprachigen Ukrainern populär, die Probleme mit der ukrainischen Sprache haben.

"Herr Janukowitsch hat es für vorteilhaft gehalten, sich als der Führer der russischsprachigen Bevölkerung darzustellen und hat damit den Eindruck erweckt, nur er könne deren Rechte schützen", sagte Andrij Blinow vom Internationalen Zentrum in Kiew. Aber auch Juschtschenko hat sich dafür ausgesprochen, dass in den Schulen weiterhin Russisch gelehrt wird. Und er hat erklärt, dass er die Einführung von Russisch als eine Amtssprache unterstützen werde, wenn die russischsprachige Bevölkerung glaube, damit vor Diskriminierung geschützt zu sein.

Yuras Karmanau, AP



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