Frontstadt in der Ostukraine Slowjansk fürchtet den Sturmangriff

Sie heben Schützengräben aus, errichten Barrikaden. Die Menschen in Slowjansk, der Frontstadt in der Ostukraine, bereiten sich auf das Schlimmste vor: den Angriff der ukrainischen Armee.

Aus Slowjansk berichtet

DPA

Ein warmer Frühlingsabend in Slowjansk: In normalen Zeiten würden die Menschen hier bis in die Nacht durch die Straßen flanieren, doch jetzt ist kaum einer der gut 100.000 Einwohner zu sehen. Denn die Provinzstadt im Osten der Ukraine ist eingekreist von der ukrainischen Armee.

Im Zentrum von Slowjansk fahren kaum noch Autos, an fast jeder Ecke gibt es provisorische Sperren aus aufgehäuften Autoreifen und Ästen. An einigen Stellen haben die Separatisten einfach die Pappeln am Straßenrand gefällt und sie quer über die Straße gelegt. Professionelle Barrikaden aus Betonklötzen stehen nur vor dem Geheimdienstgebäude und der Verwaltung, wo "Volksbürgermeister" Ponomarjow residiert.

Seit Montag sind in der Stadt die Schulen geschlossen, nur einige Lebensmittelgeschäfte, Kioske und Apotheken sind geöffnet. Ein Taxifahrer berichtet, dass er täglich Kinder, Frauen und ältere Menschen aus der Stadt fahre, die sich bei Verwandten in Sicherheit bringen.

"Wir sitzen alle zu Hause am Internet und versuchen zu verstehen, was passiert. Aber irgendwann wird man verrückt und muss raus", erklärt Olga Prawdiwzew, die mit ihrem Mann Juri am frühen Dienstagabend in der Nähe der Gebietsverwaltung spaziert. Die beiden befürchten das Schlimmste, sie wollen die Stadt aber nicht verlassen. Olga fragt: "Sollen wir vor diesen Faschisten, die auf das eigene Volk schießen, etwa fliehen?"

Die beiden haben versucht, in die "Bürgerwehr" aufgenommen zu werden. Allerdings wurde ihnen dort gesagt: "Ihr seid Zivile, geht nach Hause, wir beschützen euch schon." Aber wer ist es, der sie da beschützt? Zu den angeblichen Russen könnten sie nichts sagen, aber natürlich seien auf den Barrikaden auch Bewohner anderer ukrainischer Städte, die ihnen zu Hilfe gekommen seien, berichtet Olga: "Viele von ihnen sind Bekannte von uns." Auch Anatolij, ein 60-jähriger Busfahrer, will die Stadt nicht verlassen, obwohl er sich sicher ist: "Die werden die Stadt stürmen." Er ist zu alt zum kämpfen, hilft aber dabei, neue Barrikaden aufzubauen.

SPIEGEL ONLINE

Die Gerüchte über einen bevorstehenden Angriff werden mit jedem Tag mehr. Am Montag gab es schwere Gefechte am östlichen Stadtrand, davon zeugen am Dienstag noch mehrere ausgebrannte Autos und die Überreste einer explodierten Gastankstelle. Nach dem Ende der Kämpfe hatte Innenminister Arsen Awakow auf Facebook erklärt, die Regierungstruppen hätten dabei vier Mann verloren, die Aufständischen dagegen an die 30. Außerdem behauptete er, unter den Aufständischen seien auch Tschetschenen.

Umzingelt von der ukrainischen Armee

Die Erfahrung der vergangenen Wochen zeigt jedoch, dass die von Awakow verbreiteten Zahlen nicht als gesichert gelten können. "Wir werden morgen sechs Menschen beerdigen - vier Kämpfer und zwei Zivilisten. Mehr Opfer hat es nicht gegeben", sagte Anatolij Chmelewoj, Chef der Slowjansker Kommunisten, zu SPIEGEL ONLINE. Auch von tschetschenischen Kämpfern ist in Slowjansk nichts zu sehen: Die Kämpfer an den Kontrollpunkten haben durchweg slawische Gesichter.

Slowjansk ist seit Tagen umzingelt von Einheiten der ukrainischen Armee, Polizisten und Mitgliedern der "Nationalgarde", die unter anderem aus Kämpfern des Kiewer Maidans gebildet wurde. An der südlichen Einfahrt, aus Richtung Donezk kommend, stehen am Nachmittag zehn Schützenpanzer der ukrainischen Armee, mit Maschinengewehren bewaffnete Soldaten kontrollieren die durchfahrenden Autos. Das gleiche Bild bietet sich an der östlichen Ausfahrt der Stadt: Nach einem knappen Kilometer in nördlicher Richtung kontrollieren regierungstreue und gut bewaffnete Einheiten von Polizei und Nationalgarde die Durchfahrt: Panzerfahrzeuge und schwer bewaffnete proukrainische Einheiten. "Unsere Aufgabe ist es, zu kontrollieren, dass keine Waffen und Drogen in die Stadt kommen", sagt der ansonsten wenig gesprächige Kommandeur des Kontrollpostens. Lebensmittel und humanitäre Güter würden selbstverständlich durchgelassen.

Slowjansker Aufständische versuchen nur wenige hundert Meter von den Posten der Armee entfernt, Barrieren für den Fall eines Angriffs zu errichten: An einem kleinen Fluss, der in die Stadt führt, hebt ein Bagger am Nachmittag einen Schützengraben aus. Eine Kämpferin mit einem roten Kopftuch, die ihren Namen nicht preisgeben will, erklärt, man erwarte stündlich einen Angriff der Regierungseinheiten. Aus nördlicher Richtung bewege sich eine Kolonne von Militärfahrzeugen auf die Stadt zu.

Militärisch scheinen die Aufständischen unterlegen: Man sieht Pistolen, veraltete Maschinengewehre, hin und wieder eine Panzerfaust, im Stadtzentrum sind die sechs Schützenpanzer postiert, die die Aufständischen vor einigen Wochen von einer Armeeeinheit erbeutet haben.

Genug Medikamente und Blutkonserven im Krankenhaus

In Donezk hatte ein Sprecher der Separatisten vor einer "drohenden humanitären Katastrophe" in Slowjansk berichtet, doch das ist offenbar übertrieben: Im Krankenhaus erklärt ein leitender Arzt, man sei ausreichend mit Medikamenten und Blutkonserven ausgestattet. Auch die Geschäfte sind bislang gut gefüllt mit Lebensmitteln, nur Milchprodukte fehlen. "Unsere Lager sind gut gefüllt, aber seit einigen Tagen wird nichts mehr geliefert: Die Lieferanten fürchten die ukrainische Armee", erklärt Vasily, ein junger Slowjansker. Seit dem Morgen steht auch die Bäckerei der Stadt still - in den Geschäften wird noch das letzte Brot von gestern verkauft, gegen Abend sind die Regale leer.

Die bewaffneten Milizionäre der "Volkswehr des Donbass" haben den Finger derweil locker am Abzug. Vor dem Geheimdienstgebäude zersieben sie am Nachmittag einen schwarzen Jeep, mit dessen Fahrer zuvor ein Streit ausgebrochen war, wie ein Augenzeuge berichtet. Der schwer verletzte Fahrer liegt noch am Abend mit durchschossenem Schädel im örtlichen Krankenhaus auf der Intensivstation.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 184 Beiträge
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Seite 1
carlito123 06.05.2014
1.
Ganz nüchtern betrachtet muss man festhalten, dass die ukrainische illegitime Regierung erst militärisch vorgeht seitdem sich Russland mit Drohgebärden auffällig zurückhält. Jetzt herrscht blutiges Chaos, wie leider fast überall wo wir als Westen uns einmischen. Hätte Russland in der Ostukraine militärisch wie auf der Krim eingegriffen wäre vermutlich überhaupt niemand umgekommen. Egal wie man dazu stehen mag. Die Einwohner der Krim hatten im Nachhinein großes Glück. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der ukrainische Militäreinsatz zu einem anderen Ergebnis führt, als den endgültigen Verlust der Ostukraine. Ein Land, das mit Gewalt zusammengehalten werden muss, hat meiner Meinung nach keinen Anspruch auf "territoriale Integrität". Das ist doch kein Wert an sich. Dieses Land ist doch nur noch ein Umriss auf einer Landkarte. Körperliche Unversehrtheit ist viel wichtiger.
rolli59 06.05.2014
2. Netter Beitrag und gleich zwei Mal
Zitat von carlito123Ganz nüchtern betrachtet muss man festhalten, dass die ukrainische illegitime Regierung erst militärisch vorgeht seitdem sich Russland mit Drohgebärden auffällig zurückhält. Jetzt herrscht blutiges Chaos, wie leider fast überall wo wir als Westen uns einmischen. Hätte Russland in der Ostukraine militärisch wie auf der Krim eingegriffen wäre vermutlich überhaupt niemand umgekommen. Egal wie man dazu stehen mag. Die Einwohner der Krim hatten im Nachhinein großes Glück. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der ukrainische Militäreinsatz zu einem anderen Ergebnis führt, als den endgültigen Verlust der Ostukraine. Ein Land, das mit Gewalt zusammengehalten werden muss, hat meiner Meinung nach keinen Anspruch auf "territoriale Integrität". Das ist doch kein Wert an sich. Dieses Land ist doch nur noch ein Umriss auf einer Landkarte. Körperliche Unversehrtheit ist viel wichtiger.
Richtiger wird er dadurch nicht. Die Regierungstruppen machen das, was jede andere Regierung der Welt machen würde, wenn ihr plötzlich Gebiet entrissen werden soll. Sie stellen ihre territoriale Integrität wieder her. Oder glauben Sie, in Deutschland wäre das anders?
gievlos 06.05.2014
3. Legitim
Zitat von carlito123Ganz nüchtern betrachtet muss man festhalten, dass die ukrainische illegitime Regierung erst militärisch vorgeht seitdem sich Russland mit Drohgebärden auffällig zurückhält. Jetzt herrscht blutiges Chaos, wie leider fast überall wo wir als Westen uns einmischen. Hätte Russland in der Ostukraine militärisch wie auf der Krim eingegriffen wäre vermutlich überhaupt niemand umgekommen. Egal wie man dazu stehen mag. Die Einwohner der Krim hatten im Nachhinein großes Glück. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der ukrainische Militäreinsatz zu einem anderen Ergebnis führt, als den endgültigen Verlust der Ostukraine. Ein Land, das mit Gewalt zusammengehalten werden muss, hat meiner Meinung nach keinen Anspruch auf "territoriale Integrität". Das ist doch kein Wert an sich. Dieses Land ist doch nur noch ein Umriss auf einer Landkarte. Körperliche Unversehrtheit ist viel wichtiger.
Nun ja, wie legitim die Übergangsregierung in Kiew wirklich ist, darüber lässt sich streiten. Nur so viel: Um wieder eine legitime Regierung zu bekommen, müsste die Ukraine erst mal wählen. Erst einen Präsidenten. Später ein neues Parlament. Doch an genau daran scheinen in und außerhalb des Landes gewisse Player kein Interesse zu haben. Sonst würden sie doch die Wahlen und die Ergebnisse abwarten, bevor sie militärische Konflikte mit vielen Toten in Kauf nehmen.
mosquito60 06.05.2014
4. Kriegstreiber regieren
Als die Russen die Krim annektierten, war der Aufschrei gross. Aber jetzt, wo mit Panzern auf die Bevölkerung geschossen wird, ist von der europäischen Diplomatie nichts mehr zu hören. Wo ist Ashton, wo ist Steinmeier? Man verspricht den Kriegstreibern 17 Milliarden und schaut staunend, wie es brennt. Amateure!
derbadener 06.05.2014
5. Der Osten der UA
wollte Putin nie annektiert sondern mit seiner Hilfe über eine föderale UA den Einfluss auf Kiew. Tja eins ist sicher der Schuss ging nach hinten los. Die UA steuert auf einen hanfesten Bürgerkrieg zu bzw ist schon mitten drin. Jeder mit Vodka und ner Knarre macht sich gerade in eigener Sache selbstständig im Westen rennen auch noch ein paar so bewaffnete Irre rum. von denen will da nicht prorussisch komischer weise keiner was wissen. In Kramatorsk schießt man auf alles was sich bewegt einschließlich Unbeteiligter ihre Häuser. Ich kann nur sagen :so ein versagen der Politik hat es seit dem Balkan Krieg nicht gegeben
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