Deutscher Pfarrer in Kiew "Das war eine gezielte Provokation"

Ralf Haska ist Pfarrer der evangelischen Gemeinde in Kiew, seine Kirche liegt mitten im umkämpften Gebiet. Im Interview erklärt der Geistliche, was die Ukrainer auf die Straße treibt - und warum er der Polizei die Schuld an der Eskalation gibt.

Ein Interview von

Prügelnde Polizisten in Kiew: "Die Polizeigewalt hat die Leute erst richtig wütend gemacht."
REUTERS

Prügelnde Polizisten in Kiew: "Die Polizeigewalt hat die Leute erst richtig wütend gemacht."


SPIEGEL ONLINE: Wo waren Sie, als die Gewalt am Dienstag in Kiew eskalierte?

Haska: Ich bin durch das Regierungsviertel gelaufen, vom Maidan die Institutska-Straße hoch. Dort waren viele Demonstranten, die vor das Parlamentsgebäude marschieren wollten. Es war friedlich, dann aber habe ich erste Steinwürfe auf Polizisten mitbekommen.

SPIEGEL ONLINE: Die Gewalt ging von den Demonstranten aus?

Haska: Das kann ich so nicht sagen. Der Maidan hat eigene Sicherheitskräfte, die "Samooborona". Die haben die Steinewerfer sofort festgenommen und zum Maidan abgeführt. Die wollten keine Eskalation. Ich halte die Steinwürfe für eine gezielte Provokation.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Haska: Die Maidan-Wache konnte nicht alle Steinwürfe verhindern. Es fiel aber schon auf, dass die Polizei sofort darauf geantwortet hat, mit massiver Gewalt. Da waren sofort Berkut-Scharfschützen auf den Dächern, die mit Gummigeschossen auf die Demonstranten geschossen haben.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind auch getroffen worden.

Haska: Ich glaube, die haben gezielt auf meine Kamera geschossen, weil sie Aufnahmen verhindern wollten. Ich bin an der Hand getroffen worden, obwohl ich mitten in einer Menschentraube stand. Der Schuss muss also vom Dach gekommen sein. Die Hand ist ein wenig geschwollen, aber nichts Schlimmes. Die Polizeigewalt hat die Leute aber erst richtig wütend gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Wer sind diese Wachmannschaften des Maidan?

Haska: Die stehen auf den Barrikaden und passen auf, dass keine "Tituschki" einsickern, von der Staatsmacht angeheuerte Schlägertypen und Provokateure. Da sind auch viele Afghanistan-Veteranen dabei. Die tragen zwar Stahlhelme und Schutzwesten, sind aber keine Kämpfer. Die wollten die Polizei schützen, deshalb haben sie die Steinewerfer abgeführt.

SPIEGEL ONLINE: Wer waren die Demonstranten? Wer traut sich in Kiew überhaupt noch auf die Straße?

Haska: Da war zum Beispiel ein Mann, der hat sich aus Spaß einen Teekessel auf den Kopf gesetzt. Das war ein sehr bunt gemischter Protestzug, viele Frauen, einfache Kiewer Bürger. Die Straße war voll.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie nach Ihrer Verletzung gemacht?

Haska: Ich bin dann zurück in unsere Kirche. Wir haben dort unsere Aufgaben: Wir pflegen schon lange Kranke, viele haben sich bei den Demonstrationen im Frost Lungenentzündungen eingefangen. Jetzt haben wir aber auch viele Verletze, Menschen mit Kopfverletzungen von Knüppelschlägen.

SPIEGEL ONLINE: Wieso konnte die Lage so eskalieren?

Haska: Das weiß ich nicht. Wie gesagt, ich halte es für eine Provokation. Wie kann es sein, dass sobald Steine fliegen schon Scharfschützen auf den Dächern stehen?

SPIEGEL ONLINE: Was treibt die Menschen auf die Straße?

Haska: Man muss kein Prophet sein, um diese Frage beantworten zu können. Was mich ungemein ärgert, sind die Leute in Deutschland, die in Internetforen schreiben, das seien alles Kriminelle, Nationalisten und Krawallmacher. Das stimmt nicht. Die Leute stehen hier, weil sie ein anderes Land wollen, ein Land, das nicht mehr durch und durch verseucht ist mit Korruption. Sie wollen eine gerechte Regierung, einen Staat, in dem man Beamte nicht erst schmieren muss, damit sie ihre Arbeit machen.

SPIEGEL ONLINE: Was machen Sie am Mittwoch?

Haska: Es heißt, dass Leute aus dem Westen des Landes unterwegs sind, um den Maidan zu verstärken. Ich werde also erst mal in der Kirche bleiben. Wir gehen davon aus, dass wir weiter Verletzte versorgen müssen.

Der Autor auf Facebook

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 46 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
herbfischer 19.02.2014
1. ...weil sie ein anderes Land wollen.
Die Demonstranten sind auf dem Maidan, weil sie ein anderes Land wollen. Und das mit Gewalt. Man darf fragen, ob dies die Meinung aller Ukrainer ist oder ob es sich nur um eine radikalisierte Minderheit handelt. Wahlen würde ein Ergebnis bringen, wenn sie denn stattfänden. Und sollte die bisherige Politik den Erfolg für sich verbuchen können, wären dann die Unruhen zuende? Was ist mit dem östlichen Teil der Ukraine, der offenbar mehr zur russischen Seite neigt? Meiner Meinung nach können nur demokratische Neuwahlen den künftigen Weg aufzeigen, Gewalt ist meist kontraproduktiv und ist daher abzulehnen.
fox111 19.02.2014
2. Danke
Zitat von sysopDPARalf Haska ist Pfarrer der evangelischen Gemeinde in Kiew, seine Kirche liegt mitten im umkämpften Gebiet. Im Interview erklärt der Geistliche, was die Ukrainer auf die Straße treibt - und warum er der Polizei die Schuld an der Eskalation gibt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-interview-mit-dem-deutschen-pfarrer-ralf-haska-in-kiew-a-954335.html
Sie sprechen mir aus der Seele. Vielen Dank. Ich habe selber Angehörige dort um die wir uns Sorgen und die auf dem Maidan stehen. Die gehören auch nicht zu oben genannten Gruppen sondern sind normale Angestellte/Arbeiter mit einer wesentlich Europäischeren Einstellung als viele Mitforisten.
Teile1977 19.02.2014
3.
Zitat von herbfischerDie Demonstranten sind auf dem Maidan, weil sie ein anderes Land wollen. Und das mit Gewalt. Man darf fragen, ob dies die Meinung aller Ukrainer ist oder ob es sich nur um eine radikalisierte Minderheit handelt. Wahlen würde ein Ergebnis bringen, wenn sie denn stattfänden. Und sollte die bisherige Politik den Erfolg für sich verbuchen können, wären dann die Unruhen zuende? Was ist mit dem östlichen Teil der Ukraine, der offenbar mehr zur russischen Seite neigt? Meiner Meinung nach können nur demokratische Neuwahlen den künftigen Weg aufzeigen, Gewalt ist meist kontraproduktiv und ist daher abzulehnen.
Da sie den Text anscheinend nicht durchgelesen haben hier noch mal: Die Demonstranten wollen keine Gewalt. Einzelne Ja, aber die gibt es immer. Sind entweder Idioten (die ja von den Demonstranten sofort festgesetzt wurden) oder Agent Provokateure die der Polizei den gewünschten Grund geben sofort zu schießen. FREIE Wahlen wären wirklich eine Lösung, hat das die Regierung dort schon irgendwie vorgeschlagen?
graphomenos 19.02.2014
4. Seltsam ...
"Was mich ungemein ärgert, sind die Leute in Deutschland, die in Internetforen schreiben, das seien alles Kriminelle, Nationalisten und Krawallmacher." Das ist doch wirklich seltsam, daß immer wenn es um einen Konflikt geht, bei dem Rußland beteiligt ist, hier fast alle Kommentare pro-russisch ausfallen. Das ist mir schon beim Syrienkonflikt aufgefallen. Ist das nur ein Zufall, oder versucht da vielleicht irgendeine Propaganda-Abteilung Einfluß auf die Öffentliche Meinung zu nehmen? Mich wundert nicht, das möchte ich betonen, daß überhaupt jemand eine solche Ansicht vertritt, sondern nur, daß die überwältigende Mehrheit der Kommentare so ausfällt. Vielleicht sollte SPON das einmal überprüfen und gegebenenfalls Maßnahmen ergreifen, die das verhindern, wenn das überhaupt möglich ist. Wenn sich dieser Verdacht bestätigt und man dem nicht anders beikommen kann, sollte man vielleicht sogar einmal darüber nachdenken, die Kommentarfunktion bei bestimmten Artikeln ganz abzuschalten.
maipiu 19.02.2014
5. Ein anderes Land
Warum friert der Westen nicht einfach die Konten von Janukowitsch und Konsorten ein? Das viele Geld haben die durch Korruption ergaunert. Wenn diesen Leuten ihr Geld nicht mehr zur Verfügung steht, das sie in westlichen Banken horten, werden sie sich überlegen, ob sie so weitermachen wollen. Ihre Gesprächsbereitschaft ließe sich so sicher steigern.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.