Eskalierende Kämpfe in der Ostukraine Kein Strom, kein Wasser, viele Tote

Im Osten der Ukraine liefern sich Regierungssoldaten und Separatisten schwere Gefechte. Bei eisigen Temperaturen ist die Versorgungslage der Zivilbevölkerung katastrophal. Warum eskalieren die Kämpfe wieder?

Industriestadt Awdijiwka
AP

Industriestadt Awdijiwka


Es sind die verlustreichsten Kämpfe seit Monaten - trotz Waffenruhe: In der Ostukraine liefern sich Regierungssoldaten und Separatisten schwere Gefechte. Wie die Pressestelle der Armee mitteilte, wurden nahe der ostukrainischen Industriestadt Awdijiwka drei Regierungssoldaten getötet. 24 weitere wurden verletzt. Aufseiten der Separatisten gab es nach eigenen Angaben vier Tote und sieben Verletzte. Es seien auch schwere Artillerie und Mehrfachraketenwerfer zum Einsatz gekommen, hieß es.

Durch die Kämpfe sind in der Industriestadt bei Temperaturen von bis zu minus 20 Grad in weiten Teilen Strom und Heizung ausgefallen. Beschädigte Stromleitungen konnten nicht repariert werden, die Versorgung mit Wasser und Heizung war nicht möglich, wie der Gouverneur des Donezker Gebietes, Pawel Schebrowski, bei Facebook mitteilte. Daraufhin wurde in der Stadt der Notstand ausgerufen.

Patienten des örtlichen Krankenhauses sowie behinderte Menschen wurden in Nachbarorte gebracht, Feldküchen versorgten die bei starkem Frost ausharrenden Einwohner. Dieselgeneratoren sorgten für Notstrom.

Behörden planen Evakuierung

Das Regionalministerium plante, alle Bewohner in der umkämpften Stadt zu evakuieren. Vor Beginn der Kämpfe 2014 wohnten in Awdijiwka rund 35.000 Menschen. In angrenzenden Städten könnten bis zu 9000 Menschen aufgenommen werden, sagte der Gouverneur. Hilfsorganisationen haben zusätzliche Zelte bereitgestellt.

In der Rebellenhochburg Donezk wurden nach einem Stromausfall 191 unter Tage eingeschlossene Bergarbeiter gerettet. Eine Frau sei bei Artilleriebeschuss getötet und drei weitere verletzt worden, teilten die Aufständischen mit. Seit dem Wochenende sind mindestens 15 Menschen getötet worden.

In dem seit 2014 andauernden Konflikt wurden nach Uno-Angaben etwa 10.000 Menschen getötet. Bundeskanzlerin Angela Merkel betonte bei einem Berlin-Besuch von Präsident Petro Poroschenko am Montag, dass die Lage in der Ostukraine besorgniserregend sei.

Kreml fordert Druck des Westens auf Kiew

Die Kämpfe begannen unmittelbar nach dem ersten Telefonat zwischen dem neuen US-Präsidenten Donald Trump und Kremlchef Wladimir Putin. Kiew befürchtet, dass eine mögliche Annäherung zwischen Russland und den USA zulasten der Ukraine gehen könnte.

Die russische Führung zeigte sich hingegen besorgt über die eskalierenden Kämpfe. Berlin, Paris und Moskau sollten gemeinsam ihren Einfluss auf die ukrainische Regierung geltend machen, damit Kiew sich an die Minsker Vereinbarungen für eine Konfliktlösung halte, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow. Es habe aber noch keine Kontakte zwischen den Regierungen gegeben, sagte er der Agentur Interfax zufolge.

Der Generalsekretär des Europarates, Thorbjørn Jagland, forderte beide Seiten auf, die Waffenruhe einzuhalten. "Wir sind besorgt über die humanitäre Lage im Donbass". Besonders Kinder würden unter der dramatischen Situation leiden. Die Organisation für Zusammenarbeit und Sicherheit in Europa (OSZE) verlangte uneingeschränkten Zugang für ihre Beobachter.

kev/AFP/dpa



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