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Ukrainischer Präsidentenberater: "Wir sind bereit, unser Vaterland zu verteidigen"

Ein Interview von , Kiew

Prorussische Besetzer eines Verwaltungsgebäudes in Donezk: "Von außen gesteuert" Zur Großansicht
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Prorussische Besetzer eines Verwaltungsgebäudes in Donezk: "Von außen gesteuert"

Was wollen die Ukrainer? In die EU, viele auch in die Nato, sagt der Kiewer Präsidentenberater Sergej Paschinski. Der Konflikt mit Russland habe das Land geeint, im Notfall seien die Menschen bereit, sich zur Wehr zu setzen.

Die Krim ist für die Ukraine bereits verloren, auch im Osten des Landes nehmen die Spannungen zu - die Lage in der Ukraine ist weiterhin extrem fragil. Die Nato reagiert jetzt mit drastischen Vorschlägen. Sie will, dass Europa aufrüstet und die Armeen ihre Einsatzbereitschaft verbessern.

Kanzlerin Angela Merkel rief Russland am Dienstag dazu auf, mäßigend auf die prorussischen Kräfte einzuwirken. Diese sollten "von jeder Gewaltanwendung Abstand nehmen". Russland solle den militärischen Druck durch die Konzentration von Truppen entlang der Grenze beenden.

Jetzt äußert sich der ukrainische Präsidentenberater im SPIEGEL-ONLINE-Interview. Die russische Aggression habe die Bürger des Landes zusammengeschweißt. Die Separatistenbewegung im Osten sei von den Russen gesteuert, behauptet er.

Zur Person
  • UNIAN
    Sergej Paschinski, 47, Leiter des Präsidialamts in Kiew, ist ein enger Vertrauter von Julija Timoschenko. Für deren Partei Vaterland sitzt er seit Mai 2006 in der Rada, dem Parlament der Ukraine. Das russische Staatsfernsehen brandmarkte ihn als Extremisten, indem es Aufnahmen vom Maidan, dem Ort der Kiewer Revoution, sendete, die Paschinski mit einem Gewehr im Kofferraum eines Autos zeigten. Der Politiker bezeichnet dies als verleumderische Montage. "Es gibt Lügen und absolute Lügen. Letztere verbreitet die russische Propaganda."
SPIEGEL ONLINE: Die Ukraine scheint zu zerfallen. Wie wollen Sie Ihr gespaltenes Land vereinen?

Paschinski: Das ist Schnee von gestern. Die russische Aggression erst auf der Krim und jetzt im Osten unseres Landes hat unsere Bürger im Gegenteil zusammengeschweißt, von Lugansk im Osten bis nach Lwiw im Westen. Die Annexion der Krim und die offene Drohung Putins, in die Kern-Ukraine einzumarschieren, haben zu einem patriotischen Aufbruch geführt. Die Menschen sind bereit, ihr Vaterland zu verteidigen.

SPIEGEL ONLINE: Rechnen Sie mit dem Einmarsch russischer Truppen?

Paschinski: Der Kreml hatte vor, die Ukraine wie eine Walnuss zu knacken und sich einen Großteil des Territoriums anzueignen. Moskau wundert sich jetzt wohl, dass das nicht klappt, das Krim-Szenario zu wiederholen. Das gilt sogar für Regionen, die traditionell prorussisch waren. Russland hat selbst alles dafür getan, damit unsere Bürger sich von Russland abwenden. Sie wissen jetzt zu schätzen, dass sie in ihrem eigenen, demokratischen Land leben.

SPIEGEL ONLINE: Aber in der Industriemetropole Donezk haben prorussische Aktivisten die Gouverneursverwaltung besetzt, in der Universitätsstadt Charkow das Gebäude des Inlandsgeheimdienstes. Was wollen Sie tun?

Paschinski: Diese sogenannte Separatistenbewegung ist von außen gesteuert, von den Russen, direkt und indirekt von Agenten des russischen Geheimdienstes. Die Ereignisse jetzt in Donezk, Charkow und Lugansk bestätigen das. Wir werden diese politische Krise aber lösen.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Land steht vor dem Bankrott, gleichzeitig kündigt die Regierung schmerzhafte Reformen an. Machen die Bürger das mit?

Paschinski: Ich verneige mich tief vor unserem Volk. Die Ukrainer sind bereit, eine Zeitlang große Schwierigkeiten in Kauf zu nehmen, um in einem normalen, demokratischen und europäischen Land zu leben. Natürlich brauchen wir Zeit, um das Land aus dem Kollaps zu retten, den uns Wiktor Janukowitsch hinterlassen hat. Nach der Bekämpfung der Korruption sehen meine Landsleute nun in der Wiederherstellung unserer Verteidigungsfähigkeit die zweithöchste Priorität. 50 Prozent meiner Arbeitszeit widme ich dieser Aufgabe: der Armee, den Grenztruppen, den Innenministeriumstruppen, dem Aufbau einer Nationalgarde.

SPIEGEL ONLINE: Wo sehen Sie den Platz der Ukraine in der Welt?

Paschinski: Als vollständiges Mitglied der Europäischen Union. Ich hoffe, dass die EU uns nicht zurückweist. Es ist für uns leichter, mit Deutschland eine gemeinsame Sprache zu finden als mit Russland.

SPIEGEL ONLINE: Streben Sie in die Nato?

Paschinski: Mehr und mehr Menschen wollen das. Früher waren immer nur 30 Prozent für einen Nato-Beitritt, jetzt sind es schon 50 Prozent.

SPIEGEL ONLINE: Eine der Überlegungen Putins, die Krim zu annektieren, dürfte gewesen sein, das Vordringen der Nato in die Ukraine und damit an die Grenze Russlands zu verhindern.

Paschinski: Klar ist, dass Putin in kürzester Zeit gelungen ist, was noch vor einem halben Jahr unmöglich schien: Nämlich dass die Mehrheit der Ukrainer in die Nato will. Das ist eine Folge der Aggression Russlands. Wir haben einen Aggressor als Nachbarn. Das russische Gerede von der Liebe zum Brudervolk war nicht mehr als eine Worthülse. Das verstehen wir heute.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie die Beziehungen zu Russland gestalten?

Pschinski: Unsere Grenzen stärken. Mit der Annexion der Krim werden wir uns niemals abfinden.

SPIEGEL ONLINE: Was können Sie tun, um die Halbinsel zurückzuholen?

Paschinski: Unser Land so entwickeln, dass die Einwohner der Krim wieder zurückwollen. Die Krim ist unser gesetzmäßiges Territorium. Ich bin sicher, dass es uns gelingt, sie zurückzuholen.

SPIEGEL ONLINE: Im russischsprachigen Osten will nur ein kleiner Teil mit Russland vereinigt werden, die Begeisterung für die neue Regierung hält sich aber auch in Grenzen. Wie wollen Sie das ändern?

Paschinski: Indem wir den Regionen mehr Vollmachten geben. Die Menschen sollen künftig selbst ihre politische Führung wählen können und nicht einen Gouverneur aus Kiew vorgesetzt bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Sollen die Gouverneure also künftig direkt vom Volk gewählt werden?

Paschinski: Eher so wie in Deutschland von den Landesparlamenten.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen sie den Einfluss der Oligarchen auf die Politik schmälern? Die Präsidentschaftskandidatin Julija Timoschenko war lange selbst eine Oligarchin, und der gegenwärtige Favorit Pjotr Poroschenko ist einer der reichsten Männer der Ukraine.

Paschinski: Der oligarchische Kapitalismus ist eines der größten Probleme der Ukraine. Unsere Regierung arbeitet daran, ihren politischen Einfluss zu minimieren, und niemand kann sagen, dass unsere Regierung in der Hand von irgendwelchen Großunternehmern ist.

SPIEGEL ONLINE: Begrüßen Sie es, dass Poroschenko angekündigt hat, seinen Schokoladenkonzern zu verkaufen, falls er die Wahl gewinnt?

Paschinski: Es wäre logischer und besser, wenn er das jetzt schon tun würde.

SPIEGEL ONLINE: Liegt Poroschenko in den Umfragen auch deshalb vorne, weil die Menschen sagen: Der ist reich, der klaut nichts mehr?

Paschinski: Diese Einschätzung ist weit verbreitet, aber falsch. Jeder Unternehmer will Gewinne machen, und an der Macht zu sein, eröffnet grenzenlose Möglichkeiten. Wer heute Millionär ist, will morgen gerne Milliardär sein.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Perspektivenwechsel
matthias.richter39 08.04.2014
Aus ukrainischer Sicht stellen sich mir zwei Fragen: 1. Konnte oder wollte man seine Außengrenzen nicht rechtzeitig sichern nach der Besetzung der Krim? 2. War man wirklich so naiv zu glauben, dass die NATO beim ersten russischen Panzerchen die Kohlen aus dem Feuer holt? Aus russischer Sicht stellen sich mir ebenfalls zwei Fragen: 1. Hat man ernsthaft geglaubt, der deutschen Kanzlerin wäre ein "Nein" zur Ukraine zu entlocken gewesen, wie damals bei Schröder im Irakkrieg? 2. Hat man mutwillig das dropen des eigenen Marktes in Kauf genommen? O.K., aus europäischer oder us-amerikanischer Sicht reicht meist ein Wort einiger Zentralbanker oder irgendwelcher Politiker, um den Markt für mehrere Tage kollabieren zu lassen. Aber im Falle Russlands, scheint mir nicht nur der Rohstoff- und der Edelmetallmarkt auf Jahre zerstört zu sein.... Herzliche Grüße an die Putinversteherin/den Putinversteher, der diese Fragen sachlich zu beantworten vermag... :)
2. Föderalismus
Hamberliner 08.04.2014
Zitat von sysopDPAWas wollen die Ukrainer? In die EU, viele auch in die Nato, sagt der Kiewer Präsidentenberater Sergej Paschinski. Der Konflikt mit Russland habe das Land geeint, im Notfall seien die Menschen bereit, sich zur Wehr zu setzen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-kiew-fuer-eu-beitritt-und-abgrenzung-von-russland-a-963210.html
Dass Deutschland als Vorbild für einen föderalen Staat genannt wird ist zwar nett gemeint, aber ein anderer föderaler Staat in der EU hat virulentere Separatismus-Probleme als Deutschland, wird dank einer robusten Verfassung ganz gut damit fertig und eignet sich besser als Vorbild bei der Ausgestaltung einer neuen ukrainischen Verfassung: Spanien.
3. optional
irrenderstreiter 08.04.2014
SPON hat aber auch ein Händchen bei der Auswahl der Interviewpartner, das muss man Euch lassen. Ist das nicht der Sergej Paschinski der abgeblich beim Transport eines Scharfschützengewehrs gefilmt wurde? Ich weiß, ist bestimmt wieder so'ne Verschwörungstheorie. Ich befürchte so lange solche Leute das Sagen in Kiew haben, kann die Lage nicht deaskalieren.
4. klar das die in die EU wollen
micromiller 08.04.2014
hier gibt es geld ohne ende abzustauben,griechenland ist das absolut schoenste beispiel. da die ukrainischen oligarchen und ihre politmannschaften jahrzehnte im wechselspiel die buerger der ukraine bis auf den standard eines entwicklungslandes ausgebeutet haben, muessen nun die buerger der EU ran, da gibt es eine reiche ernte einzufahren.
5. Referendum.
y61 08.04.2014
Die neue Regierung hört nicht das Volk und bezeichnet die Leute als Separatisten oder pro Russisch , Das Volk will ein Referendum. Die Lösung ist auch nur ein Referendum. Dan fliest auch kein Blut.
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Fläche: 603.700 km²
(inklusive der Krim, die seit 2014 von Russland annektiert ist)

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Hauptstadt: Kiew

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Regierungschef: Volodymyr Hroisman

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