Ukraine-Konflikt Kiew meldet schwerste Rebellen-Angriffe seit Tagen

Trotz Waffenruhe gab es bei Gefechten in der Ostukraine wieder Tote. Die Militärführung in Kiew wirft den prorussischen Kämpfern Angriffe auf zwei Ortschaften vor.

Ukrainischer Truppentransport bei Artemiwsk: Tote bei neuen Gefechten
AP

Ukrainischer Truppentransport bei Artemiwsk: Tote bei neuen Gefechten


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Kiew - Bei den schwersten Angriffen seit Tagen sind im Osten der Ukraine nach Angaben der Regierungstruppen drei Soldaten getötet und neun verwundet worden. Ukrainische Stellungen seien 22 Mal unter Granatbeschuss gekommen, sagte ein Armeesprecher. Er warf den prorussischen Kämpfern massive Verstöße gegen den vor zwei Wochen vereinbarten Waffenstillstand vor. Die Rebellen wiederum beschuldigten die ukrainische Armee, die Waffenruhe zu brechen.

Die Separatisten haben nach Angaben aus Kiew die Orte Pesky und Awdiiwka angegriffen. Seit Montagnachmittag seien zudem verstärkte Truppenbewegungen der Rebellen zu beobachten. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg sagte in Brüssel jedoch, dass die Waffenruhe trotz dieser "Vorfälle" unterm Strich eingehalten werde. Er mahnte eine stärkere Rolle der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) bei der Überwachung der Waffenruhe an.

Die OSZE kündigte auch selbst an, künftig eine größere Rolle bei der Überwachung der Waffenruhe in der Ostukraine zu spielen. Dies hätten Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Präsidenten Frankreichs, Russlands und der Ukraine auf Vorschlag Kiews vereinbart, wie die ukrainische Präsidentschaft mitteilte. An den Orten häufiger Verstöße gegen das Waffenstillstandsabkommen sollen demnach gezielt OSZE-Beobachter eingesetzt werden.

Polen warnt vor Massen-Exodus

Die militärische Lage belastet auch die wirtschaftliche Situation des Landes: Die ukrainische Zentralbank kämpft mit einer drastischen Zinserhöhung gegen den Absturz der Landeswährung Hryvna, die dieses Jahr bereits die Hälfte ihres Wertes verloren hat. Die Ukraine steckt seit der russischen Krim-Annexion und wegen des Konflikts im Osten des Landes in einer schweren Krise. Im Januar brach die Industrieproduktion um mehr als ein Fünftel ein.

Das Nachbarland Polen macht sich angesichts dieser Wirtschaftskrise inzwischen auf viele Flüchtlinge aus der Ukraine gefasst. "Aus der Ukraine kommen sehr beunruhigende Signale, denn die Wirtschaft dort beginnt zu zerfallen", sagte der stellvertretende Ministerpräsident Janusz Piechocinski der Nachrichtenagentur Reuters. "In einem düsteren Szenario der Entwicklungen in der Ukraine kann ein Zustrom Hunderttausender Auswanderer nach Polen nicht ausgeschlossen werden."

Insgesamt sind im Krieg in der Ostukraine der Uno zufolge bisher mehr als 6000 Soldaten und Zivilisten ums Leben gekommen. Vor allem Frauen, Kinder, Ältere und Schwache litten unter den unhaltbaren Zuständen, sagte Uno-Menschenrechtskommissar Zeid Ra'ad Al Hussein. Der aktuelle Bericht zur Menschenrechtslage in der Ostukraine zeige "ein Bild gnadenloser Zerstörung des Lebens von Zivilisten und der Infrastruktur."

Zuletzt gab es erstmals seit Monaten Anzeichen einer Entspannung in der Krisenregion. Die Ukraine-Sonderbeauftragte der OSZE äußerte sich am Freitag zuversichtlich über eine Stabilisierung der Lage: "Der deutliche Rückgang der Kampfhandlungen in den vergangenen Tagen, der Austausch von Gefangenen und der Abzug schwerer Waffen sind ermutigende Anzeichen", sagte Heidi Tagliavini im Uno-Sicherheitsrat.


Zusammengefasst: Das ukrainische Militär wirft den Separatisten vor, zwei Orte in der Ostukraine angegriffen und bei Kämpfen drei Regierungssoldaten getötet zu haben. Die OSZE soll die Waffenruhe künftig noch besser überwachen können. Polen warnt vor einem Massen-Exodus aus dem östlichen Nachbarland.

mxw/AFP/Reuters

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