Machtkampf in der Ukraine Kiews Barrikadenbauer träumen vom Sieg

Nach ihrer Offensive hat sich die Polizei von den Straßen in Kiew zurückgezogen. Im Schneegestöber errichten die Demonstranten neue Barrikaden. Sie feiern den kleinen Triumph und hoffen auf einen schnellen Sieg gegen den Staatsapparat.

REUTERS

Aus Kiew berichtet


Als die Soldaten des Innenministeriums ihre Schilde senken und ihre Positionen räumen, bilden die Demonstranten spontan ein Spalier. Sie applaudieren den Männern, die eben noch vergeblich versucht haben, sie aus dem Zentrum von Kiew zu vertreiben und nun abziehen, nach zehn Stunden im Einsatz.

Nachts um eins haben die Sicherheitskräfte ihre Offensive begonnen. Angeblich wollten sie Platz machen für Schneeräumer, so erklärt es der Innenminister später im Fernsehen. Mittags aber gerät der Vormarsch ins Stocken.

Den Weg in die Sackgasse tritt die Polizei entschlossen an, mit heulenden Motoren. Vier Mannschaftswagen fahren im Zentrum von Kiew vor, auf ihren Türen prangt das Wappen der Spezialeinheit Berkut, ein angreifender Steinadler. Die Fahrer treten aufs Gas, fahren die Wagen über den schmalen Bürgersteig und bringen sie direkt vor dem Eingang des Rathauses zum Stehen. Das Gebäude wird seit Tagen von Regierungsgegnern besetzt gehalten. Die Berkut-Einheit will den Demonstranten den Nachschub abschneiden, dann das Rathaus einnehmen.

Das ist der Plan. Sein Fehlschlagen beschert den Regierungsgegnern an diesem Tag einen unverhofften Moment des Triumphs. Dabei hätte die Auseinandersetzung um das Rathaus auch leicht in einer Tragödie münden können, mit Verletzten, vielleicht Toten.

Den bedrängten Besetzern in der Stadtverwaltung eilen Demonstranten zu Hilfe, sie kommen vom nahen Unabhängigkeitsplatz. Sie drängen sich um die Mannschaftswagen. Die etwa hundert Berkut-Polizisten sind nun selbst umzingelt.

Ein heikles Patt

Die Aktivisten im Rathaus hängen Schläuche aus dem Fenster und lassen Wasser auf die Angreifer prasseln. Bei neun Grad minus gefriert es sofort, auf dem Pflaster, auf den Bussen und den Uniformen. Die Polizisten flüchten in ihre Transporter. Ein Mädchen erklimmt einen Bus, unter dem Jubel der Menge wandert sie über das Dach. Die Polizisten schließen die Türen. Sie warten auf Verstärkung, die nicht kommt. Manche der Demonstranten sind bereit zu Gewalt. Einige tragen Knüppel, aber die Mehrheit will friedlich Widerstand leisten. "Keine Provokation, nicht die Polizei schlagen", tönt es aus der Menge.

Sie Szene ist exemplarisch für die Lage in der Ukraine. Opposition und Regierung belauern sich, stellen sich gegenseitig Ultimaten. Beide Seiten fühlen sich viel zu stark, um aufzugeben. Jede ist zu schwach, um das Ringen endgültig zu entscheiden.

Das Patt ist heikel. Es birgt die Gefahr, dass die Lage eskaliert, wenn Hitzköpfe in beiden Lagern die Initiative übernehmen. Am Dienstag taucht so ein Hitzkopf in einem der Fenster des besetzten Rathauses auf. Es ist ein junger Mann, der sich an einem Bengalo zu schaffen macht, einem Feuerwerkskörper, wie ihn Hooligans gern im Stadion zünden.

Karte: Proteste in Kiew
SPIEGEL ONLINE

Karte: Proteste in Kiew

"Lass den Schwachsinn", rufen die gemäßigten Regierungsgegner vor dem Rathaus. Der Vermummte aber nimmt Maß. Er will den Brandsatz unter die voll besetzten Polizeiwagen schleudern, wird aber von den Demonstranten auf der Straße mit gezielten Schneeballwürfen von seinem Posten im Fenster vertrieben.

Die Berkut-Einheit vor dem Rathaus kapituliert auch so bald vor der Übermacht der Demonstranten auf der Straße. Auch andere Einheiten, die seit der Nacht immer weiter in Richtung Maidan vorgerückt waren, ziehen sich zurück.

Das hebt die Stimmung auf dem Unabhängigkeitsplatz, zum ersten Mal seit langem. Freiwillige schenken Tee aus und verteilen Butterbrote. 30 Demonstranten hat die Polizei in dieser Nacht verhaftet, ein paar Barrikaden geräumt und einige versprengte Posten der Janukowitsch-Gegner im Regierungsviertel. Der Unabhängigkeitsplatz aber ist schon am Nachmittag wieder in der Hand der Demonstranten. Und sie errichten neue Straßensperren, genau dort, wo die alten standen.

Ein Ausweg aus der Krise ist noch immer nicht zu erkennen, geschweige denn ein schneller Sieg der Regierungsgegner. Nur eines scheint klar: Verhandeln will keine Seite. Wiktor Janukowitsch nicht, der zeigt sich lieber im Fernsehen mit drei ukrainischen Altpräsidenten ohne jegliches politisches Gewicht. Auch Oppositionsführer Vitali Klitschko nicht, der am Nachmittag verkündet, der Präsident habe "den Weg zu jeder Art von Kompromissen versperrt".

Ein Schneesturm zieht über Kiew hinweg

An der Besetzung des Rathauses scheiden sich die Geister. Einerseits: Welches Land in der EU würde seelenruhig mit ansehen, wenn Demonstranten Verwaltungsgebäude besetzen? Wie hätten die Behörden in Baden-Württemberg reagiert, wenn die Gegner von Stuttgart 21 das Verkehrsministerium besetzt hätten? Andererseits: Das Rathaus auf Kiews Kreschtschatik, dem Prachtboulevard, ist auch ein Symbol für Janukowitschs Demokratieverständnis. Die Hauptstadt hat seit Juni 2012 keinen Bürgermeister mehr. Janukowitsch hat einen Vertrauten als Chef der Verwaltung eingesetzt. Die überfälligen Bürgermeisterwahlen aber mag der Präsident nicht ansetzen, aus Angst, dass seine Partei der Regionen krachend verlieren würde.

Ein Schneesturm ist über Kiew hinweggezogen. Mehr als zehntausend Menschen harren weiter auf dem Maidan aus. Sie halten sich warm mit Lagerfeuern und Träumen von einem schnellen Sieg.

"Bald entledigen wir uns der ganzen Bande", sagt Nikolai, ein 50-jähriger Mann aus den westukrainischen Karpaten. Gewaltlos soll das passieren, natürlich, versichert er. Nikolai droht aber auch: "Schulter an Schulter werden wir sie in den Dnjepr-Fluss treiben."

Eine provisorische Regierung müsse nach dem Sturz Janukowitschs gebildet werden. Sie müsse Neuwahlen vorbereiten, für das Parlament und das Präsidentenamt, so sieht Nikolai das. Der EU-Betritt müsse dann schnell her.

Sicher, die Anpassung an EU-Standards und die Öffnung des ukrainischen Marktes werde schmerzhaft werden, sagt Nikolai. "Aber wir haben Geduld", sagt Nikolai. Nur länger als drei Jahre sollte das mit dem Beitritt zu EU bitte nicht dauern.

"Die EU und die Ukraine, gemeinsam wären wir stärker", sagt Nikolai. Die Ukraine sei doch die Getreidekammer Europas. "Wir werden euch also mit Brot versorgen und aus den Karpaten mit gutem Wein."

Im Gegenzug, so malt sich Nikolai die Zukunft aus, wäre es "gut, wenn Mercedes ein Werk bei uns eröffnet".

Der Autor auf Facebook

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.