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Machtkampf in der Ukraine: "Vitali Klitschko ist die einzige Alternative"

Von Claudia Thaler

DPA

Straßenschlachten, Barrikaden, Verletzte: Die Massenproteste in Kiew sind außer Kontrolle geraten, die Opposition hat Präsident Janukowitsch ein Ultimatum gestellt und fordert seinen Rücktritt. Politische Beobachter in Kiew sehen nur noch einen realistischen Ausweg.

Kiew - Im Stadtzentrum sieht es aus wie im Bürgerkrieg, Kiew gleicht einem Schlachtfeld. Auf der Gruschewski-Straße vor dem Dynamo-Stadion bekämpfen sich seit Mittwoch Demonstranten und Polizisten.

Der Weg zum Regierungsviertel ist zwar mit Barrikaden und Katapulten verstellt, die Polizei begegnete den Demonstranten dennoch mit Tränengas und Gummigeschossen. Als Antwort fliegen Molotow-Cocktails und Steine auf die Polizisten. Fünf Tote und Hunderte Verletzte - das ist die Bilanz der jüngsten blutigen Auseinandersetzungen.

Regierung und Opposition geben sich daran gegenseitig die Schuld - doch beide Seiten weigern sich bisher einzulenken. Es handle sich um eine absichtliche Provokation der Regierung, teilte Ex-Boxweltmeister Vitali Klitschko mit. Präsident Wiktor Janukowitsch weigert sich bisher vehement, einen Kompromiss in dem Konflikt anzunehmen. Dabei wäre eine Kampfpause schon viel.

Ultimatum für Janukowitsch

Als die Lage am Mittwoch eskalierte, stimmte Janukowitsch einem ersten Krisengespräch mit der Opposition zu. Einziges Resultat des Treffens war ein Ultimatum der Opposition: Janukowitsch solle innerhalb der nächsten 24 Stunden zurücktreten. Ansonsten "könne man ein Blutvergießen nicht mehr ausschließen", proklamierte Vitali Klitschko nach der dreistündigen Verhandlung vor der aufgebrachten Menschenmenge. "Die ukrainische Regierung hat die rote Linie überschritten", sie verstehe nur die Sprache der Gewalt, so Klitschko.

"Ich glaube nicht, dass es noch einen Kompromiss geben wird. Der Präsident hat zwar gesagt, dass man die Demonstrationsgesetze überarbeiten kann. Aber ist die Opposition bereit dafür? Die will doch was ganz anderes", sagt Michail Pogrebinski, Politologe in Kiew.

Wadim Karasew, Direktor des Instituts für Globale Studien in Kiew, bezweifelt, dass Janukowitsch freiwillig zurücktreten wird: "Wenn Janukowitsch zu einer Entscheidung bereit wäre, hätte er sie sofort getroffen. Mit einem Kompromiss würde sein ganzes System nach und nach wie eine Reihe Dominosteine fallen."

Viele halten auch eine Spaltung des Landes für möglich. "Das ist realistischer als je zuvor. Dass Janukowitsch vorher zurücktritt, ist dennoch wahrscheinlicher. Er hat sich als Politiker derartig diskreditiert, dieser Schritt ist schon lange überfällig", sagt Andreas Umland, Ukraine-Experte an der Kiewer Mohyla-Akademie.

Klitschko als Alternative

Die "einzige realistische Alternative" zu Janukowitsch sei im Augenblick Vitali Klitschko, sagt Umland. Seit dem Wochenende zähle der Ex-Boxweltmeister wieder zu den beliebtesten Politikern in der Ukraine - obwohl auch er eingestehen musste, dass er die Krawalle im Kiewer Stadtzentrum nicht mehr in der Hand habe. "Trotzdem ist Klitschkos Beliebtheit in den letzten Tagen eher noch gewachsen. Er hat sich als einziger zwischen Polizei und die frustrierten Demonstranten gestellt. Kein anderer Politiker hat das gemacht," erklärt Umland.

Den Oppositionsparteien gelang ein Coup: ihr friedlicher Zusammenschluss. So verhandelten neben Klitschko auch der Fraktionschef der liberalen Batkiwschtschina-Partei, Arsenij Jazenjuk, sowie der Vorsitzende der nationalistischen Partei Swoboda, Oleh Tjahnibok, mit Janukowitsch.

Obwohl die Opposition sich inhaltlich stark unterscheidet, haben sich nicht nur die drei Politiker für Klitschko als Galionsfigur der Protestbewegung entschieden. "Bei einer Wahl würde Klitschko zur Zeit deutlich gegen Janukowitsch gewinnen, das sagen auch erste Umfragen in der Bevölkerung", glaubt Umland.

Dennoch sind die Oppositionsparteien mit der wachsenden Unzufriedenheit ihrer Anhänger konfrontiert. Die ukrainische Nachrichtenseite "Kyiv Post" berichtet, dass besonders junge, radikalere Anhänger den Politikern auf dem Unabhängigkeitsplatz vor allem einen Vorwurf machen: Der Aufruf zu friedlichen Protesten allein verändere gar nichts.

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1.
c++ 23.01.2014
Umland sagt, Klitschko ist die einzige Alternative. Umland ist Habilitand an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und zur Zeit an der Uni in Kiew. Vielleicht sollten wir es den Ukrainern überlassen, wen sie als Alternative ansehen. Klitschko hat drei Mal kandidiert und jeweils die Wahlen verloren. Sicherlich ist er für viele Ukrainer ein Hoffnungsträger, aber entscheidend ist, wer die Wahlen gewinnt und die meisten Stimmen erhält. Ein Mann alleine kann nicht die Macht übernehmen. Daher sollte der Spiegel mal recherchieren, welche Kräfte hinter Klitschko stehen und ihn unterstützen. Das wäre informativ. Ein Anfang hat SpOn gemacht, indem die Hinterleute in Deutschland geoutet wurden. Ukraine: Merkel will Klitschko zum Präsidenten aufbauen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-merkel-will-klitschko-zum-praesidenten-aufbauen-a-937853.html) Entsprechend ist unter diesem Einfluss die Berichterstattung in Deutschland. Aber wer steht in der Ukraine hinter ihm?
2. Wre hat gesagt??? Vitali Klitschko ist die einzige Alternative ?
wendung0 24.01.2014
Klitschko, der bei Bürgermeisterwahlen von Kiew 2 Mal verloren hat (2. Mal war er nur 3.) die anderen 2, die noch vor ihm wollten: http://de.wikipedia.org/wiki/Arsenij_Jazenjuk und http://de.wikipedia.org/wiki/Oleh_Tjahnybok Leider wird in westlichen Medien immer nur von einem Klitschko berichtet- Auch nie und nichts davon, dass die Hälfte der Ukraine diesen Maidan nicht unterstützt und es viele Gruppen gibt, die auch für Berkut sorgen. Das Land ist sehr gespaltet, mehr als je.. Abkühlen lassen und einen Referendum durchzuführen lenkt die Opposition strickt ab. Viele Menschen aber bitten aber um Gewalt zu stoppen, Maidan wegräumen (glauben Sie mir, die dort leben, haben es satt - Geschäfte gehen nicht, Seit mehr als einem Monat können die Kinder sich nicht frei bewegen, stinkt unglaublich und dazu noch eine Antisanitarie - sie leben INDEM jeden Tag und diejenigen, die gegen Maidan, sagen noch dazu, dass mit Yanukovych ist besser geworden als wenn nach der orangenen Revolution Yschenko der Präsident war...) Ich denke, die beste Beschreibung ist schon interpretiert: http://alles-schallundrauch.blogspot.de/2014/01/was-halten-ukrainer-von-der-opposition.html
3. Klitscho / Milchschnitten
gateofkiev 26.01.2014
Der Mitnahme-Effekt als Präsident der Ukraine, die Bereicherungsmöglichkeiten , gerade in einem System der Staatskriminalität und Korruption sind enorm ! Wer im Westen für Bier usw.Werbung macht , wird sich kaum der Möglichkeit entziehen können , innerhalb weniger Jahre zum Milliardär aufzusteigen .
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Fläche: 603.700 km²
(inklusive der Krim, die seit 2014 von Russland annektiert ist)

Bevölkerung: 45,363 Mio.

Hauptstadt: Kiew

Staatsoberhaupt:
Petro Poroschenko

Regierungschef: Volodymyr Hroisman

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