Kriegsgefangener in der Ukraine "Ich dachte, er ist bei der russischen Armee"

Swetlana Ageewa dachte, ihr Sohn sei in Russland stationiert. Nun hat sie erfahren, dass er im Ukrainekrieg gefangen genommen wurde - obwohl Russland offiziell gar nicht mitkämpft. Ein Anruf bei der Mutter.

Kämpfer der Separatisten nahe Luhansk
REUTERS

Kämpfer der Separatisten nahe Luhansk

Von , Moskau


Seit vier Jahren wird im Osten der Ukraine gekämpft. Mehr als zehntausend Menschen sind bereits getötet worden, Hunderte Gefangene sitzen in den Gefängnissen des ukrainischen Geheimdienstes SBU und der sogenannten prorussischen Volksrepubliken von Luhansk und Donezk. Hunderte sind die Geiseln dieses Kriegs, ihr Austausch eine Frage zäher Verhandlungen.

Was bringt das Minsker Abkommen eigentlich, fragen sich viele, wenn eh weiter gekämpft wird. Am Samstag erörtern Kanzlerin Angela Merkel, Russlands Präsident Wladimir Putin und Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron am Rande des G20-Gipfels die Lage im Osten der Ukraine.

Swetlana Ageewa wird dann vor dem Fernseher sitzen. Sie kannte den Krieg nur aus dem Fernsehen - bis vor wenigen Tagen ihr Telefon klingelte und ein Journalist ihr mitteilte, ihr Sohn Viktor, 21 Jahre, sei von einer ukrainischen Einheit in der Nähe von Luhansk in der Ostukraine festgenommen worden. Die Englischlehrerin an einer staatlichen Schule lebt in einem Dorf nahe Barnaul im Gebiet Altai, etwa 3600 Kilometer vom Luhansker Gebiet entfernt.

Ihr Sohn, ein russischer Gefreiter, hat dort laut Medienberichten in einer Brigade der Separatisten gekämpft. Offiziell ist Russland nach wie vor nicht Teil dieses Kriegs, dabei unterstützt Moskau die Volksrepubliken finanziell, beliefert die Separatisten mit Waffen - und, so legt der Fall Ageew nahe, schickt auch Soldaten. Ein Anruf bei seiner Mutter:

Swetlana Ageewa
Pavel Kanygin/ Novaya Gazeta

Swetlana Ageewa

SPIEGEL ONLINE: Frau Ageewa, haben Sie Kontakt zu Ihrem Sohn?

Ageewa: Nein. Ich weiß nur das, was die Medien berichten. Ein ukrainischer Sender hat Bilder von den Papieren von Viktor gezeigt. Er soll sich in Starobilsk, im Norden von Luhansk, befinden. Ich hoffe wirklich, er wird gut behandelt.

SPIEGEL ONLINE: Wann haben Sie Viktor das letzte Mal gesehen?

Ageewa: Im März (atmet tief aus).

SPIEGEL ONLINE: Damals ist er in den Zug gestiegen, um Richtung Rostow am Don zu fahren. Dort, in Südrussland, absolvierte er seinen Wehrdienst. Was wollte er da?

Ageewa: Er sagte, er wolle einen Vertrag bei der Armee unterschreiben, weiter beim Militär dienen. Das war am 18. März.

SPIEGEL ONLINE: Warum wollte Ihr Sohn beim Militär bleiben?

Ageewa: Ihm hat es gut da gefallen. Anders als in den Neunzigerjahren herrscht heute in der Armee Ordnung. Deshalb habe ich mir nicht viele Sorgen gemacht, anders als bei meinem älteren Sohn damals. In unserem Land wollen heute viele junge Männer, nachdem sie ihren Wehrdienst absolviert haben, beim Militär bleiben. Das ist eine reelle Arbeit, man verdient Geld, sie ist angesehen.

SPIEGEL ONLINE: Hat er über seinen Einsatz bei der Armee erzählt?

Ageewa: Nein, nie Konkretes. Ich habe gedacht, dass er das irgendwann machen wird, mir sagt, wo genau er dient, in welcher Einheit.

Bild von Viktor Ageew, veröffentlicht auf seiner VKontakte-Seite
privat

Bild von Viktor Ageew, veröffentlicht auf seiner VKontakte-Seite

SPIEGEL ONLINE: Hat er sich denn gemeldet?

Ageewa: Einmal im Monat: entweder kurz angerufen oder wie das letzte Mal am 30. Mai eine SMS geschickt. "Alles in Ordnung, alles gut", schrieb er. Seitdem habe ich nichts mehr gehört. Ich dachte, er ist in Russland, macht seinen Dienst hier, bei der russischen Armee.

SPIEGEL ONLINE: Das Verteidigungsministerium sagt, dem ist nicht so.

Ageewa: Ehrlich gesagt, weiß ich nicht mehr, was die Wahrheit ist, was ich glauben soll. Ich habe nie gedacht, dass er in der Ukraine ist, dass wir (Anm. der Redaktion: Russen) da sind. Bis jetzt verstehe ich vieles einfach nicht.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Ageewa: Ich schaue viel fern. Nachrichten auf dem ersten, zweiten und fünften Kanal. Ich weiß, dass es den Konflikt zwischen Kiew und den Gebieten Donezk und Luhansk im Südosten der Ukraine gibt.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man die Sendungen des Staatsfernsehen verfolgt, ist ja vor allem Kiew für diesen Krieg verantwortlich. Wie sehen Sie das?

Ageewa: In einem Konflikt ist nie nur eine Seite schuld. Um einen Konflikt zu lösen, müssen sich beide Seiten bemühen. Wer Schuld hat? Schwierig, das zu beurteilen. Das Minsker Abkommen muss erfüllt werden, das hören wir doch immer in den Medien.

SPIEGEL ONLINE: Was denken Sie über diesen Krieg?

Ageewa: Was ich darüber denke? (Pause, sucht nach Worten) Es ist schrecklich, dass Menschen getötet werden. Wir warten darauf, dass die Politiker diesen Krieg endlich beenden. Wir sind sehr verbunden mit der Ukraine, wir haben dort entfernte Verwandte, es ist alles sehr bitter (stockt). Das darf alles so nicht sein, nein.

Im Video: Der vergessene Krieg

Anatolii Stepanov

SPIEGEL ONLINE: Am Samstag trifft sich Putin mit Merkel und Macron, um die Lage zu besprechen. Welche Hoffnungen haben Sie?

Ageewa: Natürlich hoffe ich nur Positives, aber ach, das ist schwierig.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich an Verteidigungsminister Schoigu und Außenminister Lawrow mit der Bitte um Unterstützung gewendet. Hat sich jemand bei Ihnen gemeldet?

Ageewa: Nein. Niemand. Ich habe nur im Fernsehen gesehen, dass die Sprecherin des Außenministeriums angekündigt hat, man werde alles dafür tun, dass mein Sohn zurückkommt. Ich hoffe wirklich, dass der Staat uns helfen wird.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie keine Angst, so offen über Ihren Sohn zu sprechen, der im Osten der Ukraine gekämpft hat? Offizielle Linie ist doch, dass Russland dort nicht ist.

Ageewa: Meinen Sie, ich sollte Angst haben? Ich sage doch nur, wie es ist. Hoffe auf Hilfe.

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Seite 1
ageladas 08.07.2017
1. Sehr schöne Geschichte
Eine echte Christina Hebel Geschichte. Besser nur noch ihr Beitrag heute zum Gespräch Trump-Putin. Nicht mehr zu toppen. Weiter so.
thahnberlin 08.07.2017
2. Russische Besatzung
Es ist nicht länger hinnehmbar dass es noch immer Leute gibt die diesen Krieg als "Bürgerkrieg" oder innerukrainischen Konflikt verkaufen wollen. Es ist eine russische Besatzung sonst nichts.
Marvin__ 08.07.2017
3. Gibt es auch Fakten in dieser Geschichte?
Viktor Ageewa hatte offenbar im März die Absicht, zur russischen Armee zu gehen. Und jetzt hat irgendjemand bei der Mutter angerufen und eine Geschichte erzählt. Ob Herr Ageewa tatsächlich bei der Armee war oder ist, wissen wir nicht. Es gibt auch keine Hinweise, dass die Information der russischen Behörden, Herr Ageewa sei nicht Soldat, nicht zutreffen. Ob er jetzt Gefangener der ukrainischen Regierung ist, ist ebenfalls nicht belegt - der einzige Hinweis ist der Behauptung eines Unbekannten am Telefon. Wenn denn die Regierung der Ukraine tatsächlich so demokratisch und europafreundlich ist - welche Informationen zum Status von Herrn Ageewa, und zu den Umständen seiner Festnahme in der Ukraine gibt es denn? Ob er tatsächlich dort unterschrieben hat, ist offenbar nicht bekannt
thahnberlin 08.07.2017
4. Russische Besatzung
Es ist nicht länger hinnehmbar dass es noch immer Leute gibt die diesen Krieg als "Bürgerkrieg" oder innerukrainischen Konflikt verkaufen wollen. Es ist eine russische Besatzung sonst nichts.
syracusa 08.07.2017
5. Putins Lügen
Die internationale Politik muss Putin täglich seine Lügen unter die Nase reiben, auch bei G20. Wir dürfen es nicht hinnehmen, dass ein einzelne aggressiver Staat die europäische Friedensordnung derart nachhaltig zerstört. Wir müssen die Sanktionen gegen das Putin-Regime verschärfen, und auf gar keinen Fall dürfen wir die Handelsbeziehungen mir diesem Regime wie mit Nordstream 2 ausweiten. Parallel zum Anziehen der Daumenschrauben muss die Diplomatie auch daran arbeiten, die Verletzungen des Völkerrechts durch das Putin-Regime zu heilen. Man könnte die Anerkennung der Krim-Annexion in Aussicht stellen (nach Wiederholung des undemokratischen Referendums und unter Garantien für die nach der Annexion entrechteten Krimtatataren), wenn im Gegenzug das Putin-Regime die Unterstützung für die russischen Terrorbanden im Donbas vollständig aufgibt, seine Truppen aus der Ukraine abzieht, die Waffenlieferungen einstellt, und die Kontrolle über die Ostukraine vollständig an die Ukraine abgibt.
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