Kommentar zum Ukraine-Konflikt Aufklärung ist die beste Waffe

Wladimir Putin schürt den Konflikt in der Ukraine, der Westen muss auf den Aggressor reagieren. Nur wie? Sanktionen, ja, klar. Doch es geht noch mehr.

Ein Kommentar von , Washington


Vor ein paar Wochen schon hat Barack Obama die Lage recht kühl analysiert: Ungeachtet der Sanktionen des Westens müsse man damit rechnen, dass Putin jederzeit in der Ukraine einmarschieren könne, sagte da der US-Präsident. Im Klartext: Der Westen kann Wladimir Putin nicht stoppen, sollte der entschlossen sein, seinen Eroberungstrip nach Westen und in die internationale Isolation fortzusetzen. Das war Obamas Botschaft.

Genau so könnte es nun kommen. Putin, das lehren uns die vergangenen Tage, scheint auf eine schleichende Invasion zu setzen. Und Obama hat am Donnerstag jegliche militärische Aktion erneut explizit ausgeschlossen.

Was also tut der Westen dann? Redet über weitere Sanktionen. Obama überlässt der deutschen Kanzlerin dabei mehr und mehr die Führung, spricht selbst allein von "weiteren Kosten", die auf Russland zukommen. Wieder mal neue Sanktionen - ist das eine schwächliche Reaktion? Spielt der Westen Putin mit dieser Zurückhaltung noch in die Hände?

Keineswegs. Denn ein militärisches Eingreifen wäre in den vergangenen Monaten Unsinn gewesen, und das bleibt es auch in Zukunft - ganz egal, was Putin tut. Der Westen darf sich nicht auf die geopolitischen Spielchen des Autokraten aus dem Kreml einlassen, nicht dessen "hard power" mit eigener "hard power" beantworten. Was, zum Beispiel, sollen die jetzt diskutierten neuen Nato-Basen in Osteuropa bringen? Erstens ist die Nato-Doktrin auch so klar: Wer einen angreift, greift alle an. Und zweitens würde Putins Propaganda-Apparat Honig daraus saugen.

Putins zynischer Machtpolitik - an der nicht einmal der Abschuss eines Passagierjets etwas ändern konnte - sollten Amerika und Europa vielmehr mit massiver Aufklärung begegnen. Westliche Dienste verfügen über Satellitenbilder, die russische Truppen zeigen? Raus damit, alles veröffentlichen, Fotos, Daten. Die Fakten auf den Tisch! Der Klügere klärt auf. So wie das die Nato am Donnerstag mit einigen Satellitenbildern gemacht hat. Aufklärung ist die beste Waffe des Westens gegen russisches Täuschen und Tarnen. Der deutschen Putin-Fangemeinde könnte das auf Dauer zudem ihren Posterboy entfremden. Natürlich, der Konjunktiv ist angebracht; aber ein hübscher Nebeneffekt wäre es doch allemal.

Letztlich ist Putins Hard-power-Nullsummenspiel zum Scheitern verurteilt. Ja, er hat die Krim gewonnen; und sicherlich können er und seine Stellvertreterkrieger in Donezk und Luhansk mit militärischer Macht vorrücken; dafür aber haben sie die Ukraine schon jetzt verloren. Und sowieso alle möglichen Länder in dem Bereich, den Putin für seine Einflusssphäre hält. Dabei könnte ein großes Land wie Russland doch Anziehungspunkt sein für kleinere Nachbarn, politisch und kulturell. Putin aber hat alles getan, um seine Nachbarn auf Jahrzehnte hinaus abzuschrecken. Ein großes Land macht sich klein. Der Aggressor ist nicht mehr als ein Gernegroß. Putin wird, über kurz oder lang, die Puste ausgehen.

Für die Ukraine und besonders die Menschen im Osten des Landes mag das gegenwärtig alles kein Trost sein. Und auch nicht für die Menschen, die im syrischen Bürgerkrieg seit drei Jahren leiden und sterben. Übrigens nicht nur weil der Westen so lange nicht eingegriffen hat. Sondern auch, weil Putin seinen Kumpel Assad nach wie vor stützt und päppelt.

Kann man ja mal erwähnen, im Sinne des Projekts Aufklärung.

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Sebastian Fischer ist Stellvertretender Ressortleiter im Politik-Ressort mit Sitz im Hauptstadt-Büro.

E-Mail: Sebastian.Fischer@spiegel.de

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insgesamt 279 Beiträge
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Seite 1
Scheidungskind 29.08.2014
1. ...
Mag alles stimmen, was Sie über Herrn Putin schreiben - aber Aufklärung fängt immer bei einem selber an. Ein Bündnis, das Menschenrechte und Demokratie für universell hält und eine expansive Außenpolitik betreibt, indem es Länder versucht, aus anderen Einflußbereichen in den anderen zu ziehen, nimmt den Krieg vielleicht nicht als Mittel aber doch zumindest als Konsequenz seiner Politik in Kauf. Also bitte nicht übersehen: Russlands Krieg hat durchaus. defensiven Charakter und wer von "der Ukraine" spricht, übersieht absichtlich die Zerrissenheit dieses Landes, die unterschiedlichen Traditionen und Sichtweisen dieses Kulturraumes und die seit der Goldenen Horde und Napoléon gewachsene russische Überzeugung, Versuchen, äußerer Einflußnahme am besten mit Stärke und Opferbereitschaft entgegenzutreten. Der Westen versteht wenig - selbst von sich selber - eine gute Voraussetzung für Erfolg aber nicht für Frieden.
pleasenocomment 29.08.2014
2. In Washington
liest man wohl keine englische Presse? Selbst dort wird diese Version von MH-17 angezweifelt. Warum wird es hier weiterhin als Fakt dargestellt? Dem Grundkanon des Beitrages kann ich nur zustimmen, Krieg ist auf jeden Fall zu vermeiden. Aber warum, warum nur kann SPON nicht wirklich objektiv berichten und dies auch noch unter dem Titel "Aufklärung"? Warum muss weiterhin unterschwellig und sogar direkt Russland-Bashing betrieben werden? Schade um einen sonst guten Artikel :(
sporty.hk 29.08.2014
3. Fabelhaft!
Fabelhafte Propaganda Herr Fischer! Mit welcher Nonchalance Sie zum aktuellen Ermittlungsstand Russland die Schuld für die MH017 Katastrophe in die Schuhe schieben und den neutralen Beobachter als dumpfen Putingroupie zu diskreditieren versuchen nötigt mir durchaus Respekt ab. Sie mögen verzeihen, daß ich mich unweigerlich an den kleinen Mann mit dem Hinkefuß erinnert fühle. Oder heißt SPON jetzt neuerdings STON und ich habe da etwas verpaßt? Ich empfehle Ihnen, einfach mal ganz nüchtern die Interessen der Ukrainer, Russlands und der EU zu analysieren und Sie werden sehen, daß die Lösung des Konfliktes gar nicht so schwer sein kann. Zur Nachhilfe können Sie ja mal bei Kollege Augstein nachfragen.
biesi61 29.08.2014
4. Bis jetzt hat die von Ihnen gelobte Aufklärung
allenfalls die Qualität der Bilder von Chemiewaffenanlagen im Irak, die uns die selben Leute vor einigen Jahren als Kriegsgrund präsentierten. Ich denke, es ist kein Zufall, dass ausgerechnet nach der sich in Minsk andeutenden leichten Entspannung von den Hardlinern jetzt diese "Beweise" präsentiert werden. Für glaubwürdig halte ich sie nicht, zumal sich auch die deutschen Medien gestern für einige Stunden in der Interpretation der Meldungen nicht einig waren, bevor am späten Nachmittag die gewohnt einheitlich antirussische Linie wieder hergestellt wurde!
donnerfalke 29.08.2014
5. Die Kirche im Dorf lassen
Wie Bitte? Wer bombadiert derzeit mit Luftwaffe und ballistischen Raketen die Wohngegenden? Und wer hat den Staatsputsch vorher organisiert/bezahlt? Und wer hat MH17 abgeschossen bzw. immer noch die Hosen voll vor Blackboxes-Aufnahmen? Was hat bis jetzt EU oder USA für den Schutz der Zivilbevölkerung getan? Nichts außer Kriegstreiberei und Toleranz des Genozids an Russen.
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