Kommentar zu Putins Machtpolitik Krim gewonnen, Ukraine verloren

Bei einem Besuch auf der Krim will sich Russlands Präsident Putin heute als Eroberer der Halbinsel feiern lassen. Aber die politischen Risiken der Annexion sind gewaltig.

Ein Kommentar von , Moskau

Russlands Präsident Putin: Hält die Krim für urrussisches Territorium
AP/dpa

Russlands Präsident Putin: Hält die Krim für urrussisches Territorium


Im In- und Ausland pflegen Wladimir Putins PR-Strategen das Image vom entschlossenen Führer und Macho. Das verheißt Aufmerksamkeit auf der Bühne der Weltpolitik. Das verbreitet Angst im Inneren und kommt bei der Mehrheit der Russen gut an. Vielen ist ein starker Mann an der Spitze lieber als diese ach so komplizierte Demokratie.

Doch was vielen nicht bewusst ist: Putin ist eher ein vorsichtiger Taktierer - kein Draufgänger. Lange balancierte er das liberale Lager und die Falken in der Moskauer Machtelite aus. Nur in extremen Situationen, wenn er seine Herrschaft bedroht sah, ging Putin hohe Risiken ein:

  • Im Jahr 2003 riskierte er die Spaltung der Elite, als er den Ölmagnaten Michail Chodorkowski ins Gefängnis werfen ließ, den er als Konkurrenten um die Macht im Land wahrnahm.
  • 2008 entschied sich Putin für eine erste ernste außenpolitische Konfrontation mit dem Westen. Er schickte seine Truppen zur Unterstützung des abtrünnigen Südossetien der georgischen Armee entgegen.

Wie die übergroße Mehrheit seiner Landsleute hält Putin die Krim für urrussisches Territorium. Pläne zur Einverleibung müssen bei Geheimdiensten und im Generalstab schon lange bereitgelegen haben. Das zumindest legt die perfekte, unblutige Annexion der Halbinsel nahe.

Putins Bilanz fällt gemischt aus

Zu lange hatte Putin auf den ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowytsch gesetzt. Putin fürchtete nach seinem Sturz, die Ukraine, die er und die Mehrheit seiner Landsleute als Ursprung des russischen Imperiums betrachten, würde nun an den Westen fallen - der EU beitreten, dann der Nato.

Putin hätte sich in den Augen vieler seiner Landsleute mit einem solchen Versagen in die Tradition von Michail Gorbatschow und Boris Jelzin gestellt. Gorbatschow gilt als Totengräber des Sowjetimperiums, unter Jelzin war Russland zu schwach, um das Vordringen des westlichen Verteidigungsbündnisses an Russlands Grenze zu verhindern. Putin aber hatte die Wiederherstellung der russischen Einflusssphäre bereits 2007 bei seiner Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz öffentlich zum Programm gemacht.

Hat er jetzt mit der Krim ewigen Ruhm gewonnen? Sicher kann er sich nicht sein, zu groß sind die außenpolitischen Risikofaktoren: Die Sanktionen des Westens schmerzen. Vor allem haben die Annexion der Krim und die Unterstützung für die Separatisten in der Ostukraine das Verhältnis zu den slawischen Brüdern zerrüttet. Russland grenzt jetzt im Westen an ein feindseliges Land. Seit Herbst 2013 hat sich laut Umfragen in der Ukraine die Zahl der Russlandgegner auf 38 Prozent vervierfacht. Zwei Drittel empfinden Russland als Bedrohung.

Zur Person
  • Yuri Afanasiev
    Matthias Schepp, 49, leitet das Moskauer SPIEGEL-Büro. Er ist seit 23 Jahren Auslandskorrespondent und berichtete außer aus Russland auch aus China und den USA. In den vergangenen zwei Jahren hat er mit Michail Chodorkowski, den er seit den neunziger Jahren kennt, einen Briefwechsel geführt. Schepp ist der Autor von "Gebrauchsanweisung Moskau" (2008) und zusammen mit dem Fotografen Gerd George "Von Peking nach Berlin" (2006).

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drvoigt 14.08.2014
1. Machtpolitiker
Ich persönlich glaube nicht, dass Putin nach Ruhm und Glorie strebt. Dafür ist er ein viel zu kühler Machtpolitiker. Die Krim musste er m.E. aus zwei Gründen annektieren. Erstens weil ihm das Rückhalt, Zustimmung und damit Wählerstimmen sichert. Zweitens musste er die Falken im Kreml unter Kontrolle halten, denn das hier in Moskau diskutierte Worst Case Szenario hieß ja: Die russlandfeindliche neue "Regierung" in Kiew übt den Schulterschluß mit dem Westen, politisch, wirtschaftlich und militärisch. Das hätte heißen können, Nato-Beitritt der Ukraine; ergo Nato-Truppen auf der Krim direkt neben den russischen Stützpunkten oder gar Aufkündigung der Verträge für die russ. Schwarzmeerflotte. Das hätte das Trauma am Ender der Sowjetunion aufleben lassen, Rückzug aus ganz Osteuropa, Nachrücken der USA und Nato - und damit wäre Putins Präsidentschaft gefährdet und nur mit extremer Gewalt zu halten. Da lieber angefeindet und ruhmlos die Krim gesichert.
ichsagwas 14.08.2014
2. Feindseliges Land
---Zitat--- Vor allem haben die Annexion der Krim und die Unterstützung für die Separatisten in der Ostukraine das Verhältnis zu den slawischen Brüdern zerrüttet. Russland grenzt jetzt im Westen an ein feindseliges Land. ---Zitatende--- Gut und unaufgeregt analysiert. Das ist der Kern des Problems. Und wie soll es jetzt weitergehen ? Ohne vernünftige wirtschaftliche Beziehungen zu Russland wird dieses Land niemals auf die Beine kommen. Vielleicht setzt Putin genau darauf. Es kann aber auch sein, dass man in Russland nun auf Dauer ohne die Ukraine plant und sie als feindliches Land ins westliche Lager abschiebt. Dann aber könnte es auch noch zur Annexion der Ostukraine kommen. Man nimmt sich, was man gerade noch bekommen kann. Je länger der bewaffnete Konflikt anhält, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass so viel Porzellan zerschlagen wurde, dass nichts mehr zu kitten ist. Diese gefährliche Entwicklung müsste eingedämmt werden. Aber genau da tut die europäische Aussenpolitik rein gar nichts. Wo sind große Initiativen, Kompromissvorschläge ? Für die EU ist die Ukraine eine zu großer Brocken. Vielleicht sogar der Sargnagel. Wollte man man ihr wirklich adäquat helfen, ginge uns das Geld schnell aus. Ein gescheitertes und zerrüttetes Land. Die Alten werden im Elend bleiben, die Jungen machen sich vom Acker. Eine neue Schar von Wanderarbeitern wird sich über die EU ergiessen. Nur wer soll den vielen Menschen Arbeit und Perspektiven geben ? Hat diese Ukraine wirklich Freunde in Europa, oder wird sie nicht eher verachtet und nicht für voll genommen ?
biesi61 14.08.2014
3. Ich sehe die erzreaktionären neuen Herrscher der Ukraine
als viel größere Bedrohung für die Ukrainer und für ganz Europa!
inhabitant001 14.08.2014
4. Und andersrum?
Dann lautet der Umkehrschluß für die EU und NATO dann wohl: Krim verloren, Ukraine gewonnen? Und was für ein Gewinn das ist! Eine korrupte Oligarchie die pleite ist, die keinerlei westliche Rechtsstandards erfüllt, die innerlich zerrissen ist und auf deren östlichen Teil eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Katastrophe wartet. Die EU-Mitgliedschaft ist da einfach so naheliegend. Das Land wird von ein paar wenigen Westkonzernen ausgeschlachtet werden, die sozialen Folgen werden wir alle bezahlen. Hurra. PS: ich wünschte unsere Meinungsmacher würden sich ähnlich intensiv mit den Intensionen westlicher Politiker befassen. Mir ist noch immer nicht ganz klar weshalb Demokratien nun einen Putsch teilweise rechtsradikaler Gruppen gegen demokratisch gewählte Regierungen und einen Krieg gegen die eigene Bevölkerung unterstützen, und noch nichtmal auf die Idee humanitärer Hilfe kommen. Aber das sind natürlich nur Lapalien.
torben28 14.08.2014
5. Eine Ukraine mit westlicher Orientierung ist eine gewaltige Niederlage für Putin
Gelingt es auch nur annähernd eine am Westen orientiertierte Ukraine zu wirtschaftlichen Blüte zu verhelfen, die auch politische westliche Standards einhält, dann hat Putin ein Schaufenster mit hoher Lebensqualität vor seiner Haustür. Denn viele Auswanderer aus dem Osten schätzen westliche Ordnung und Sauberkeit, sowie die wesentlich stabilere soziale Sicherheit. Ist die Aufgabe für die Ukraine auch groß, ist sie doch zu schaffen.
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