Angst vor Russland Baltische Staaten rüsten auf

Die Friedensgespräche im Ukraine-Konflikt werden wieder aufgenommen. Dennoch bleiben die baltischen Staaten unruhig. Nach der Annexion der Krim durch Russland fürchten sie weitere territoriale Ansprüche - und rüsten auf.

Kanadische und portugiesische Patrouille über der Ostsee: Täglich bis zu 30 russische Militärflugzeuge abgefangen
REUTERS

Kanadische und portugiesische Patrouille über der Ostsee: Täglich bis zu 30 russische Militärflugzeuge abgefangen


Hamburg - Die Art und Weise, wie Russland im Ukraine-Konflikt vorgeht, beunruhigt die Staaten des Baltikums: Ein halbes Jahrhundert standen Litauen, Lettland und Estland unter sowjetischer Besatzung - nun fürchten sie nach der Annexion der Krim durch Russland weitere territoriale Ansprüche Moskaus.

Die Balten-Republiken beobachten derzeit nahezu täglich russische Militäraktivitäten unmittelbar an ihren Luft- und Seegrenzen. Die Luftraumüberwachung der Nato hat nach eigenen Angaben allein Anfang Dezember täglich bis zu 30 russische Militärflugzeuge abgefangen, die über der Ostsee oder vor der Küste Norwegens mit ausgeschaltetem Transponder unterwegs waren.

So reagieren die baltischen Staaten:

  • Litauen versetzte sein Militär in erhöhte Alarmbereitschaft, nachdem auf See 22 russische Kriegsschiffe entdeckt wurden und eine schwerbewaffnete Korvette sich der Seegrenze auf fünf Kilometer näherte.

  • Der estnische Verteidigungsminister Sven Mikser unterzeichnete jüngst den größten Waffenlieferungsvertrag in der Geschichte des Landes. Für insgesamt 138 Millionen Euro schafft das 1,3 Millionen Einwohner zählende Estland nun 44 Panzer vom Typ CV90 und sechs vom Typ "Leopard" aus den Niederlanden an. Zuvor hatte es bereits in den USA für 40 Millionen Euro 40 Stinger-Raketensysteme bestellt.

  • Lettland kaufte Großbritannien im August für 48 Millionen Euro 123 Kriegsfahrzeuge ab und unterzeichnete im November mit Norwegen einen Vertrag über vier Millionen Euro, um 800 Panzerabwehrsysteme und 100 Lastwagen anzuschaffen. Litauen wiederum kaufte im September von Polen ein Grom-Luftabwehrsystem für 34 Millionen Euro und kündigte an, für weitere 16 Millionen Euro Panzerabwehrraketen in den USA zu ordern.

Die baltischen Armeen hätten Moskau militärisch alleine kaum etwas entgegenzusetzen. Es ginge vielmehr darum, eine russische Offensive so lange aufhalten zu können, bis Unterstützung durch die transatlantischen Partner einträfe. Das erläuterte der litauische Militärexperte Aleksandras Matonis. "Im schlimmsten Fall, bei einer Aggression gegen die baltischen Staaten und dem Inkrafttreten der Nato-Verteidigungspläne, würde es noch etwas dauern, bis die Alliierten reagieren", sagte er der Nachrichtenagentur AFP. Die Länder müssten daher "eine erste Welle der Aggression" selbst abwehren können.

"Die derzeitige Sicherheitslage wird uns noch eine ganze Weile erhalten bleiben. Das ist nicht nur eine Schlechtwetterperiode, das ist ein Klimawandel", sagte der estnische Ministerpräsident Taavi Rõivas. Nach dem Zerfall der Sowjetunion traten die baltischen Länder im Jahr 2004 sowohl der EU als auch der Nato bei. "Die Präsenz der Nato im Baltikum muss aufrechterhalten und erhöht werden", sagte Roivas bei einem Besuch in den USA, wo er insbesondere auf den Abschluss neuer Rüstungsverträge drängte.

Die Militär-Gesamtausgaben der drei baltischen Staaten betrugen in sechs Monaten rund 300 Millionen Euro. Die Politik habe ihre Einstellung zu Verteidigungsausgaben "entscheidend geändert", hieß es in einem Bericht des lettischen Instituts für Internationale Angelegenheiten. Entsprechend stockten alle drei Länder ihre Verteidigungsbudgets merklich auf

Doch der Gesamtetat der Balten, der 2014 bei 1,2 Milliarden Euro lag, wirkt im Vergleich mit den Finanzmitteln der russischen Armee gering: Russlands Militärhaushalt belief sich im selben Zeitraum auf umgerechnet 60 Milliarden Euro. Aktuell hat Russlandeine neue Trägerrakete von Typ Angara-A5 erfolgreich getestet. Die Rakete startete am Dienstag um 6.57 Uhr (MEZ) im nordrussischen Plesetsk. Das teilte das Verteidigungsministerium in Moskau mit. Präsident Wladimir Putin beobachtete den Test demnach per Videoschaltung. Die Angara ist die erste Rakete, die nach dem Ende der Sowjetunion vollständig in Russland gebaut wurde.

Neue Friedensverhandlungen

Auch Polens Verteidigungsminister Tomasz Siemoniak erklärte seine "Beunruhigung" angesichts der "beispiellosen" Militäraktionen Russlands. Schweden führte bereits die Möglichkeit wieder ein, ehemalige Wehrdienstleistende für Militärübungen einzuziehen. Begründet wurde dies vom Stockholmer Verteidigungsministerium mit der "Wiederaufrüstung Russlands".

Immerhin wird in der Ukraine-Krise ein neuer Anlauf für Friedensgespräche gestartet: Die ukrainische Regierung und die Aufständischen im Osten wollen sich in dieser Woche zwei Mal zu Friedensverhandlungen zusammensetzen. Nach Angaben des ukrainischen Staatschefs Petro Poroschenko wird sich die Ukraine-Kontaktgruppe am Mittwoch und Freitag zu Gesprächen über eine mögliche Lösung des Ukraine-Konflikts in der weißrussischen Hauptstadt Minsk treffen.

vek/AFP



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
auf_dem_Holzweg? 23.12.2014
1. Europa wir sich wundern...
Russland wappnet sich gegen Europa. Europa hat nun ein Problem: Russland ist zu gross, um es einfach zu kaufen wie all die anderen Staaten. Und mit Weichei-Politik geht es auch nicht weiter. Wie gestern berichtet wurde sind unsere Politiker selbst überrascht über die Wirkung der Sanktionen. Geplant war das sicherlich nicht, eher ein Unfall, schliesslich will man keinem weh tun. Umso größer ist nun die Angst im Europarat, denn zur Wehr setzen könnte Europa sich niemals. Vielleicht hilft uns nun doch der Kuschelkurs unserer Kanzlerin zu den USA, zumindest haben wir dadurch eine mögliche kleine Hilfe...
ornitologe 23.12.2014
2. Was
sollte Russland von den Balten wollen? Die Krim war für Russland ein strategisch wichtiger Punkt - Militärhafen und Zugang zum schwarzen Meer. Daher auch schützenswert. Es gibt in den Baltenstaaten keinen vergleichbaren Punkt und aus meiner Sicht auch kein weitergehendes Interesse Russlands an diesen Staaten. Der Rest ist Propaganda.
joG 23.12.2014
3. jeder, der nicht dem hiesigen Paradigma. ...
....der Friedensbewegung erlegen war wusste, daß wir uns in aberwitzig falschen Gefühlen der sicherheit wiegten. Daß der Deutsche Weg mit seinen anti amerikanischen Abwegen tödlich verwirrt war. Das waren 20 Jahre Verantwortungslosigkeit.
kategorien 23.12.2014
4. Militärreformen
Wir täten das Gleiche. Ferner: Das größte Aufrüstungsprogramm der Welt fährt seit der Militärreform 2008 Russland. Einfach etwas googeln.
kilroy-was-here 23.12.2014
5. Die Russen werden sich fürchten
Da haben sich wieder einmal die Militärs mit ihren Beschaffungswünschen durchgesetzt. "Hoch lebe die Rüstungsindustrie"!
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