Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Nato-Abschreckung im Konflikt mit Russland: Mehr Manöver, mehr Panzer, mehr Truppen

Aus Mons berichtet

US-Soldaten bei Nato-Manöver in Lettland (Archiv): Allianz setzt auf Abschreckung Zur Großansicht
REUTERS

US-Soldaten bei Nato-Manöver in Lettland (Archiv): Allianz setzt auf Abschreckung

Die Nato traut einer Waffenruhe in der Ukraine nicht. Im Konflikt mit Russland setzt Generalsekretär Stoltenberg auf Abschreckung: Mit den größten Manövern seit Jahren will die Allianz Stärke demonstrieren.

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Was Jens Stoltenberg von der angeblichen Waffenruhe im Osten der Ukraine hält, spricht er am Mittwoch deutlich aus: "Lassen Sie es mich kurz machen", sagt der neue Generalsekretär der Nato, "Russland ist immer noch in der Ostukraine." Dann berichtet er, was ihm seine Top-Militärs zuvor in der Lagebesprechung meldeten: Immer noch unterstütze Moskau die prorussischen Separatisten mit Waffen. Bis jetzt sei unklar, ob die Bewegungen schwerer Waffen tatsächlich ein Rückzug sei.

Stoltenberg steht an diesem Morgen in Mons, im militärischen Hauptquartier der Nato, neben ihm sein Oberbefehlshaber Philip M. Breedlove. Der amerikanische Vier-Sterne-General nickt bei jedem Satz, den sein Chef formuliert, er teilt die düstere Lagebeschreibung.

"Wir können bisher nicht sagen, was sich tatsächlich bewegt", sagt Breedlove. "Wir wissen noch nicht mal genau, was vorher an schweren Waffen dort war." Auf Nachfrage ergänzt Stoltenberg, es bestehe das Risiko, dass sich die Separatisten nicht zurückzögen, sondern nur für eine Offensive umgruppierten.

Stoltenberg und Breedlove appellierten an beiden Seiten, für Klarheit zu sorgen. "Für alle weiteren Bemühungen ist es lebenswichtig, dass die Einhaltung der Waffenruhe genau beobachtet wird", sagte der Nato-Chef. Deswegen müsse die OSZE endlich Zugang zu allen Gebieten bekommen. Zudem seien bis heute keine Sammelplätze für die schweren Waffen benannt worden. Damit soll sichergestellt werden, dass Panzer und Artillerie nicht zurück an die Front gebracht werden.

  Stoltenberg und Breedlove: Deutliche Signale nach Russland  Zur Großansicht
REUTERS

Stoltenberg und Breedlove: Deutliche Signale nach Russland

Doch die OSZE war nicht das Hauptthema von Stoltenberg und Breedlove. Die beiden Nato-Vertreter wollten vielmehr einen Ausblick geben, was die Allianz plant. Stoltenberg machte klar, dass er in der Auseinandersetzung mit Moskau weiter auf Abschreckung setzt. Auch wenn sich die Lage in der Ostukraine etwas beruhigt, soll die Allianz militärisch auf Stärke setzen.

So viele Manöver wie seit Jahren nicht

Das ist auch ein Signal nach innen: Denn viele Nato-Partner, darunter Deutschland, beurteilen den martialischen Ton der Nato trotz der russischen Aggression immer noch kritisch. Mit Säbelrasseln, so jedenfalls sieht es die Bundesregierung, werde man Kreml-Chef Wladimir Putin nicht zur Vernunft bringen. Amerikanische Spitzenmilitärs wie Breedlove, aber auch Teile der US-Regierung hingegen meinen jedoch, dass sich Russlands Präsident nur dann auf Kompromisse einlässt, wenn der Westen sich unnachgiebig zeigt.

Der Auftritt in Mons verdeutlicht Stoltenbergs Haltung: Vehement pocht er auf die Beschlüsse des jüngsten Nato-Gipfels, die eine stärkere Präsenz der Allianz im Osten und die Aufstellung einer superschnellen Eingreiftruppe von 5000 Soldaten vorsehen. "Wir stellen sicher, dass wir unsere Versprechen an unsere Partner einhalten", erläutert Stoltenberg. Gemeint sind die Polen und die Balten, die sich nach der Ukraine-Krise vor Putins nächstem Schritt fürchten. In diesen Ländern will die Nato für den Ernstfall nun kleine Brückenköpfe aufbauen, um jederzeit einrücken zu können.

In der Öffentlichkeit soll der Abschreckungskurs durch Übungen sichtbar werden. "2015 wird ein bedeutendes Jahr für Manöver der Nato", sagt ein Nato-Mitarbeiter, "noch nie zuvor seit dem Ende des Kalten Kriegs hatten wir so viele Übungen."

Von großer Bedeutung ist dabei vor allem der erste Testlauf der schnellen Eingreiftruppe. Die sogenannte Very High Readiness Joint Task Force (VJTF) soll mir ihren 5000 Mann samt Panzern bereits im Juni zu einer Übung nach Polen ausrücken. Dann wird sich herausstellen, ob die von Deutschland mitgeführte Truppe bei Krisen schnell vor Ort sein kann.

Ein noch größeres Manöver gibt es dann im Oktober und November: Mehr als 25.000 Soldaten aus fast allen Nato-Staaten kommen in Spanien und Portugal zusammen. Wochenlang üben sie dann die Zusammenarbeit, testen Befehlsketten und Gefechtsabläufe. Ein Manöver dieser Größe hat es seit Jahren nicht mehr bei der Nato gegeben.

Schon jetzt versuchen die Strategen, dass die Manöver in der Öffentlichkeit ausreichend wahrgenommen werden: Den Reportern in Mons rieten sie, sich einen bestimmten Tag im Oktober freizuhalten.


Zusammengefasst: Die Nato setzt in der Ukraine-Krise und in der Auseinandersetzung mit Russland auf Stärke und Abschreckung. Das zeigt auch der Auftritt von Generalsekretär Jens Stoltenberg. In diesem Jahr sind die meisten Manöver seit dem Ende des Kalten Krieges geplant.

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 54 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Die seltsame Welt des Herrn P
joes.world 11.03.2015
1. Putin gibt zu, dass er entschied, die Krim zu okkupieren. 2. Er zeichnet einen, der Beteiligung am Mordes von Litwinenko Verdächtigten, aus. 3. Er zeichnet den Tschetschenischen Diktator Kadyrow aus. Der den angeblichen Mörder Nemzows gut kennt und ausgezeichnet hat. 4. Und gleich danach gibt Babak, Chefentwickler der Su-25, ein Interview, das den Abschuss der MH17 durch Rebellen befeuert. Babak weiß, dass er solche Statements nicht abgeben darf. Man kann also vermuten, dass dieses Interview vom Kreml autorisiert, wenn nicht gar gewünscht war. Was will P damit wem mitteilen? 1) ist für P selber. Er will für sein Werk bewundert werden. Aber ist das Ganze auch ein Testballon? Testet P, wie groß die Begeisterung der Russen darüber ist? Ob sein Volk bereit ist, mit ihm weiter auf Eroberungen zu gehen? Denn sollte er seine Truppen rasch und entschlossen vorrücken lassen - dann sieht sein Volk, dass es die eigenen Truppen in der Ukraine, den Baltischen Staaten oder anderswo sind. 2) & 3) sind starke Signale nach innen wie außen: mit meinen Russen mache ich, was ich will. Und ich stehe dazu. Menschen aus dem Westen, legt euch nicht mit Putin an. 4) ist noch direkter und nur für den Westen: seht her, wenn etwas unbeabsichtigt passiert, kann ich auch dazu stehen. Alles in allem scheint P immer mehr die Maske abzulegen. Immer offener trägt er zur Schau, was Sache ist. Vielleicht auch, weil er weiß, dass der Westen ihm seine Tricks so und so nicht mehr glaubt. Sicher auch, um dem Westen zu sagen: ich fürchte mich vor nichts und niemandem. Nicht einmal der Wahrheit. Vielleicht aber auch, weil P für sich schon die Entscheidung getroffen hat: er wird den Krieg weitertragen. Und der wird sich nicht mehr mit Tricks führen lassen. Sondern nur offen und direkt. Und bei uns? Wenn es wirklich losgehen sollte - hat Steinmeier dann noch immer keinen Plan B? Und ist vdL dann schon mit dem Belehren ihrer Offiziere fertig?
2. das ist nicht ganz verkehrt
syracusa 11.03.2015
Man erinnere sich: Russland hat erst vor kurzer Zeit ein großer Manöver durchgeführt, das explizit die Rückeroberung des Baltikums üben sollte. Aller Argumente der Putin-Doktrin für den Überfall auf die Ukraine und die Annektion ukrainischen Staatsgebiets treffen exakt gleich auch auf das Baltikum zu. Entschlossene Abschreckung kann den Frieden sichern. Putin muss sich gewiss sein, dass er sich dabei die Finger verbrennen wird. Andererseits ist die Situation in der Ukraine die Standardsituation für den Erfolg einer pazifistischen Strategie. Die Ukraine kann militärisch nicht gegen Russland bestehen, und die NATO wird der Ukraine nicht militärisch beistehen. Gewinnen kann die NATO nur über die Ethik-Schiene. Putrin hat für sein Abenteuer in der Ostukraine nämlich ganz und gar keinen Rückhalt in der russischen Bevölkerung. Seine Anti-Maidan-Propaganda und vielleicht sogar der Mord an Nemzow sind genau dadurch erklärbar: er will das russische Volk so lange wie möglich über die Faktenlage in der Ostukraine im Ungewissen lassen. Das aber könnte die Ukraine durch einen pazifistischen Friedensmarsch und/oder ein großes internationales Friedensfestival ändern.
3. Die einzige Sprache...
meandmyself 11.03.2015
..., die Putin versteht... hoffentlich. Bisher hat er ja alle nur an der Nase herumgeführt.
4. Zeit für einen Wechsel
KPKoch 11.03.2015
Russland ähnelt Griechenland - nur in anderen Dimensionen. Ein zerrissenes Land, fernab früherer Größe und Macht. Wirtschaftlich ist es angreifbar, und wie reagiert die russische Politik? Mit albernen Machtdemonstrationen. Man sollte Herrn Putin einen Kalender geben - wir schreiben das Jahr 2015. Es ist Zeit für einen Wechsel in Russland.
5.
olsche 11.03.2015
Tatsächlich kann nur noch Abschreckung einen Schutz vor diesem imperialistischem Gehabe eines wiederauferstandenen Stalins bieten. Es ist traurig, dies sagen zu müssen. Insbesondere unter dem Aspekt, dass ich vor einigen Jahrzehnten noch gegen die Aufrüstung der Nato demonstriert habe. Es tut mir unter den gegebenen Umständen aus heutiger Sicht leid.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Animation

Fotostrecke
Ukraine-Konflikt: US-Parade vor russischer Grenze

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: