Ukraine-Krise EU drängt Serbien zur Abkehr von Russland

Serbien ist ein enger Verbündeter Russlands, doch das Balkanland will in die EU. Nun verlangt Brüssel eine klare Positionierung in der Ukraine-Krise: Auch Belgrad soll sich an Sanktionen gegen Moskau beteiligen.

Besuch in Serbien: Russlands Präsident Putin mit seinem Amtskollegen Nikolic
REUTERS

Besuch in Serbien: Russlands Präsident Putin mit seinem Amtskollegen Nikolic


Belgrad - In der Ukraine-Krise erhöht Brüssel den Druck auf Serbien, sich gegen seinen engen Verbündeten Russland zu stellen und Sanktionen zu verhängen. Der EU-Beitrittskandidat Serbien sei rechtlich zu den Strafmaßnahmen gegen Moskau verpflichtet, sagte EU-Nachbarschaftskommissar Johannes Hahn der Belgrader Zeitung "Novosti". Bisher hatte sich Serbien geweigert, wirtschaftliche Sanktionen gegen Russland einzuführen. Im Gegenteil hatte die Wirtschaft des Balkanlandes gehofft, durch die ausgefallenen EU-Nahrungsmittellieferungen seine Exporte nach Russland deutlich erhöhen zu können.

Der EU-Kandidat Serbien ist traditionell der engste Verbündete Russlands auf der Balkanhalbinsel - Russland versteht sich dort als Schutzmacht der Slawen. Die beiden Länder sind zudem durch die orthodoxe Religion, die beiden Weltkriege und zunehmend auch wirtschaftlich eng miteinander verbunden. Im Jahr 2008 hatte Serbien seine Erdölindustrie selbst nach Darstellung des damaligen Wirtschaftsministers Mladjan Dinkic zum Spottpreis an Russland verhökert, um sich das Wohlwollen des öffentlich gelobten "großen Bruders" zu erkaufen. Im Süden des Landes hat Moskau bei der Stadt Nis in diesem Jahr ein "Humanitäres Zentrum" errichtet, das Kritiker als verdeckte Militärbasis bezeichnen.

Moskau und Belgrad intensivieren wirtschaftliche Bande

Aktuell werden immer engere Bande geknüpft: Mitte Oktober reiste Russlands Präsident Wladimir Putin zu einem Kurzbesuch nach Serbien. Anlass war eine Militärparade zum 70. Jahrestag der Befreiung Belgrads von der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Serbiens Präsident Tomislav Nikolic begrüßte Putin überschwänglich: "Serbien wird nicht seine Moral durch falsches Verhalten gegenüber Russland zerstören", versprach er beim Zusammentreffen mit dem Kreml-Chef.

Putin und Nikolic sprachen bei dem Besuch über eine vertiefte wirtschaftliche Zusammenarbeit beider Staaten. Vorrangig ging es dabei um den Bau der South-Stream-Pipeline, die russisches Gas durch das Schwarze Meer über Bulgarien und Serbien nach Südosteuropa transportieren soll. Die Europäische Union lehnt das Projekt ab. Serbiens Regierung hatte bisher angekündigt, erst mit dem Bau der Pipeline zu beginnen, wenn die EU und Moskau sich verständigt haben.

Die Einflussnahme Russlands auf dem Balkan sieht auch Kanzlerin Angela Merkel mit Sorge. Bei ihrer Rede auf dem G20-Gipfel im australischen Brisbane warf Merkel Putin eine Expansionspolitik über die Ukraine hinaus vor und warnte davor, dass Russlands Präsident sein Großmachtstreben auch gegenüber Ländern wie Moldau oder Serbien betreiben könnte.

Serbien verhandelt seit Januar 2014 mit der EU über einen Beitritt und hofft auf eine Aufnahme in den Staatenbund im Jahr 2020.

anr/dpa/Reuters

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insgesamt 203 Beiträge
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Seite 1
Zaphod 20.11.2014
1. Freie Länder
Solange Serbien nicht in der EU ist, kann es wohl machen, was es will. Warum sollte sich Serbien an unsinnigen Sanktionen beteiligen, wenn es doch genauso gut vom Selbstverzicht der EU profitieren kann? Umgekehrt stellt sich natürlich die berechtigte Frage, warum Serbien in die EU aufgenommen werden soll oder aufgenommen werden will? Die geographische Lage alleine rechtfertigt keine Mitgliedschaft. Im Interesse des Wettbewerbs ist es daher legitim und begrüßenswert, wenn Serbien nach anderen Wegen als der EU sucht. Mit Drohungen wird die EU wenig erreichen!
korn3105 20.11.2014
2.
Endlich wächst zusammen das, was zusammengehört. Russland braucht Serbien und umgekehrt. Die beiden Ländern können nur in gemeinsamer Beziehung gedeihen. Aber die EU-Technokraten wollen nach dem Motto "Teile und herrsche" nach dem alten Kolonie-Denken vorgehen.
Big_Jim 20.11.2014
3. Die EU hat den Friedensnobelpreis definitiv verdient.
Dieser Druck, den man auf Serbien ausübt wird sicher zu einer weiteren Entspannung zwischen Russland und dem Westen beitragen und dafür sorgen das es nie wieder Krieg in Europa geben wird.
karend 20.11.2014
4. Erweiterung
"Serbien verhandelt seit Januar 2014 mit der EU über einen Beitritt und hofft auf eine Aufnahme in den Staatenbund im Jahr 2020." Nun werden Sanktionen als eine Art Bekenntnis gefordert. Es gäbe noch eine die Möglichkeit, die Beitrittsverhandlungen abzubrechen. Dieser intensive Drang der Osterweiterung der EU ist schon fast Größenwahn.
fischersfritzchen 20.11.2014
5. Man kann nicht auf zwei Hochzeiten tanzen...
... sagt man so. Dennoch meine ich, Serbien ist noch nicht EU-Mitglied, hat (vermutlich) bei den Sanktionsbeschlüssen auch nicht mitreden und -stimmen dürfen und muss deshalb auch nicht zwingend alles mitmachen, was sie nicht wollen.
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