Belagertes Slowjansk Stadt der Wütenden

Entspannt sich die Lage in der Ostukraine? In Slowjansk jedenfalls nicht, die Menschen begraben ihre Toten, gleichzeitig schlagen neue Granaten ein. Die Separatisten hoffen auf Putin, doch der drängt auf Verschiebung des Unabhängigkeitsreferendums.

Aus Slowjansk berichtet 

AFP

Minuten nach dem Angriff raucht am Bahnübergang im Vorort noch die Erde, zwei Krater sind zu sehen. Um die Mittagszeit hat die ukrainische Armee drei Granaten auf den Kontrollposten der Aufständischen geschossen. An dieser Stelle haben sich fünf Kämpfer in Camouflage und mit Maschinengewehren hinter einigen rostigen Eisenbahnwaggons verschanzt. "Vorgestern haben sie auf uns mit Raketen geschossen, heute mit Granaten", erzählt ein junger Kämpfer, der aus zwei kleinen Wunden im Gesicht blutet. Sie, das sind Einheiten der ukrainischen Armee, die ihre Stellungen auf dem bewaldeten Hügel gegenüber haben, auf dessen Gipfel der Fernsehturm steht.

Mit der Attacke setzen sich die Scharmützel fort, die sich Aufständische und ukrainische Armeeeinheiten seit den schweren Gefechten am Montag immer wieder liefern. Auch in der Nacht gab es mehrere Granateinschläge, auch Maschinengewehrfeuer ist an zwei Kontrollposten zu hören, Opfer gibt es offenbar keine. Meldungen, wonach die ukrainische Armee in der Nacht eine neue Offensive gestartet habe, haben sich als falsch erwiesen.

Während am Stadtrand die Granaten einschlagen, werfen sich auf dem Kirchhof direkt neben dem Hauptplatz der Stadt Slowjansk Frauen schluchzend über einen mit einer weißen Decke abgedeckten Toten. Es ist der Fahrer des Gastanklasters, der am Montag zwischen die Fronten geraten war und bei der Explosion seiner Fracht bei lebendigem Leibe verbrannte. Zur gleichen Zeit werden an anderen Orten in der Stadt vier Kämpfer und ein weiterer Zivilist begraben.

"Man sollte Timoschenko und Turtschinow in Stücke reißen"

Auf der anderen Seite des Kirchzauns brüllen einige Dutzend Bürger der Stadt ihre Wut in die Kameras russischer und westlicher Fernsehsender. "Putin hurra, Schande über Obama" und "Referendum", schreien sie. Sie können zu dieser Zeit nicht ahnen, dass Russlands Präsident wenig später von Moskau aus die Separatisten in Donezk und Luhansk aufruft, die für den 11. Mai geplanten Volksabstimmungen über die Unabhängigkeit ihrer Regionen zu verschieben. Zuvor hat Putin mit OSZE-Präsident Didier Burkhalter über einen Ausweg aus der Krise gesprochen.

Bringt der Appell des Kreml-Chefs neue Bewegung in den Konflikt? Nachrichtenagenturen zitieren einen Anführer der Separatisten von Donezk mit den Worten, man wolle Putins Forderung prüfen. In Slowjansk ist die Botschaft noch nicht angekommen. "Uns zwingen die Faschisten nicht in die Knie", ruft eine ältere Frau. "Und Timoschenko und Turtschinow - die sollte man dafür, was sie tun, in Stücke reißen und verbrennen."

Die Menschen in der Stadt sind wütend und verunsichert. Zwar sind die Brotregale der Geschäfte entgegen anderslautender Gerüchte am Mittwoch wieder gefüllt, gleichzeitig bilden sich an diesem Tag erstmals lange Schlangen vor den Bankautomaten der Stadt - die wenigen, die funktionieren, geben nur 400 Hrywnia, etwa 25 Euro, pro Karte aus. Die Tankstellen der Stadt verkaufen die letzten Vorräte, neue Lieferungen gibt es wegen der unsicheren Lage nicht.

Neue Kämpfer kommen in die Stadt

Arsenij Jazenjuk, Premierminister der Kiewer Übergangsregierung, besucht am Nachmittag die Basis seiner Truppen in der Nähe von Slowjansk, verteilt Orden an einige Kämpfer und übergibt vier neue Schützenpanzer. Doch obwohl alle Zufahrten in die Stadt von der ukrainischen Armee umzingelt sind, scheinen immer noch Unterstützer der Separatisten in die Stadt zu kommen. Zwei russische Fotografen, die seit Wochen vor Ort sind, erzählen, dass sie über die letzte Woche viele neue Gesichter unter den Kämpfern gesehen haben.

In der Stadt geht das Gerücht, im Gewerkschaftshaus sei seit Dienstag eine tschetschenische Einheit stationiert. Die angebliche tschetschenische Flagge stellt sich allerdings als jene der ehemaligen ukrainischen Sowjetrepublik heraus. Auf dem Balkon stehen einige Maskierte, einer von ihnen mit einem Scharfschützengewehr russischer Bauart. Auf die Frage, ob sie erst vor kurzem angekommen sind, nicken sie. Ob sie aus dem russischen Rostow kommen? Sie lächeln nur vielsagend.

Am Nachmittag kommt es zu einem bedeutsamen Gefangenentausch zwischen Aufständischen und Regierungstruppen: Bei Slowjansk übergeben die Aufständischen drei Elitesoldaten des ukrainischen Geheimdienstes SBU, die seit Ende April festgehalten wurden. Als Gegenleistung werden ihnen zwei Führer der Aufständischen übergeben: ein Stellvertreter des Slowjansker "Volksbürgermeisters" Wjatscheslaw Ponomarjow und - der wichtigere der beiden - der 31 Jahre alte Pawel Gubarjew, der sich Anfang März zum "Volksgouverneur" von Donezk erklärt hatte und schon wenige Tage später vom Geheimdienst unter dem Vorwurf des Separatismus festgenommen wurde.

Seine Freilassung war neben dem Referendum eine der zentralen Forderungen der Aufständischen im Osten der Ukraine, auch Russland hatte sich dafür stark gemacht.

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oslomæn 07.05.2014
1. in dem moment...
... wo putin den 'separatisten' den rückhalt entzieht, werden diese auf so seltsame art und weise waffentechnisch so gut ausgerüstete und blendend trainierten Figuren so schnell verschwunden sein wie sie gekommen sind. die Vorbereitungen für den geordneten rückzug nach osten sind längst abgeschlossen.
thomas.erlemann 07.05.2014
2. Peace Parade 2014
PEACE PARADE 2014 Stell dir vor es ist Krieg und alle gehen hin! -auf die Krim- und machen anstatt Krieg Frieden und Party -auf der Krim- mit Wohnwagen und Zelt aus aller Welt. Th. E., Basel, Schweiz, Europa, UNO
Putinfreund 07.05.2014
3. Was wäre, wenn....?
Zitat von sysopAFPEntspannt sich die Lage in der Ostukraine? In Slowjansk jedenfalls nicht, die Menschen begraben ihre Toten, gleichzeitig schlagen neue Granaten ein. Die Separatisten hoffen auf Putin, doch der drängt auf Verschiebung des Unabhängigkeitsreferendum. http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-krise-in-slowjansk-harren-putin-treue-separatisten-aus-a-968115.html
Wie soll denn ein Referendum durchgeführt werden, wenn keine Möglichkeit besteht, daß dieser Akt friedlich und ohne Bedrohung durchgeführt werden kann? Wenn die Soldaten und Nationalgardisten der Putschregierung mit Waffengewalt eine friedliche Abstimmung verhindern. Ein solches Referendum wäre natürlicherweise nicht rechtsverbindlich und ganz leicht anfechtbar. Welche Rechtsverbindlichkeit hat eine Präsidentenwahl, in deren Vorbereitung es bereits zu groben Verstößen der Freizügigkeit und Sicherheit für einige Kandidaten kam. Daß es Bewerbern versagt blieb, daß sie den eigentlich gesetzlich vorgeschriebenen Schutz ihrer Person erhalten und auch die gleichberechtigten Möglichkeiten sich zu präsentieren, eingeräumt werden. Wo es gar nicht möglich war, daß mehrere Kandidaten in bestimmte Gebiete des Landes reisen konnten, ohne für ihr Leben und die körperliche Unversehrtheit fürchten zu müssen. Also ist auch die Präsidentenwahl am 25. Mai in jeder Hinsicht anfechtbar, wenn die OSZE - Beobachter, die ja bereits unterwegs sind, wirklich unparteiisch urteilen. Wer soll denn in den Gebieten Charkow, Donezk und Lugansk z. B. für die Ruhe und Ordnung zuständig sein?
fragender69 07.05.2014
4. Das Referendum
Zitat von PutinfreundWie soll denn ein Referendum durchgeführt werden, wenn keine Möglichkeit besteht, daß dieser Akt friedlich und ohne Bedrohung durchgeführt werden kann? Wenn die Soldaten und Nationalgardisten der Putschregierung mit Waffengewalt eine friedliche Abstimmung verhindern. Ein solches Referendum wäre natürlicherweise nicht rechtsverbindlich und ganz leicht anfechtbar. Welche Rechtsverbindlichkeit hat eine Präsidentenwahl, in deren Vorbereitung es bereits zu groben Verstößen der Freizügigkeit und Sicherheit für einige Kandidaten kam. Daß es Bewerbern versagt blieb, daß sie den eigentlich gesetzlich vorgeschriebenen Schutz ihrer Person erhalten und auch die gleichberechtigten Möglichkeiten sich zu präsentieren, eingeräumt werden. Wo es gar nicht möglich war, daß mehrere Kandidaten in bestimmte Gebiete des Landes reisen konnten, ohne für ihr Leben und die körperliche Unversehrtheit fürchten zu müssen. Also ist auch die Präsidentenwahl am 25. Mai in jeder Hinsicht anfechtbar, wenn die OSZE - Beobachter, die ja bereits unterwegs sind, wirklich unparteiisch urteilen. Wer soll denn in den Gebieten Charkow, Donezk und Lugansk z. B. für die Ruhe und Ordnung zuständig sein?
am 11.05 wäre ohnehin ungültig, weil es gegen die ukkrainische Verfassung als auch gegen das Völkerrecht verstoßen hätte. Dementsprechend wäre es auch auf breiter Front nicht anerkannt worden. Ferner hätte ich meine Bedenken, ob sich auch im Osten der Ukraine ein pro-ukrainischer Kandidat gefahrlos zu Wahlkampfzwecken bewegen könnte. Und warum sollte die Wahl am 25.05 rechtlich angreifbar sein? Gerade deswegen sind ja schon hunderte OSZE-Beobachter in der Ukraine.
actuarius 07.05.2014
5. Gemeinsame Interessen
Zitat von oslomæn... wo putin den 'separatisten' den rückhalt entzieht, werden diese auf so seltsame art und weise waffentechnisch so gut ausgerüstete und blendend trainierten Figuren so schnell verschwunden sein wie sie gekommen sind. die Vorbereitungen für den geordneten rückzug nach osten sind längst abgeschlossen.
Da plaudert wohl einer aus dem Nähkästchen. Erstaunlich, wieviele Diskussionsteilnehmer Informationen aus den innersten Kreisen haben. Es ist auch schon davon gesprochen worden, daß der Schweizer Bundespräsident (die Schweiz unterhält bekanntlich engste Beziehungen zu allen Geheimdiensten der Welt, insbesondere zu der CIA), Putin ein Angebot gemacht hat, das dieser nicht ausschlagen konnte. Es soll eine Zusammenarbeit USA-Rußland geplant sein, um gemeinsam den Aggressoren aus dem afrikanischen, islamischen und chinesischen Raum effizient Widerstand zu leisten. Die Gefahren aus dem islamischen Bereich kennen beide nur zu gut: Putin - Tschetschenien und andere, USA - Irak, Iran usw. Es gelte, die gemeinsamen Interessen zu erkennen und zu verteidigen, anstatt sich in regionalen Scharmützeln unnötig binden und schwächen zu lassen.
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