Kiews Mauerbau-Pläne Grenzwertige Kalkulation

Kiew will an der Grenze zu Russland einen 2000 Kilometer langen Schutzwall errichten, um Übergriffe des Kreml zu unterbinden. Das Projekt würde Milliarden verschlingen, die die Ukraine nicht hat - und Moskaus Truppen trotzdem nicht aufhalten können.

Von , Moskau

Ukrainischer Soldat in Grenzregion zu Russland: Mauern gegen den Feind
AFP

Ukrainischer Soldat in Grenzregion zu Russland: Mauern gegen den Feind


Wer in der Ukraine der Ansicht ist, es sei Zeit, eine Mauer an der Grenze zu Russland zu bauen, kann im Internet Gleichgesinnte finden. Eine Bürgerinitiative sucht Freiwillige für den Arbeitseinsatz, mehr als 10.000 Ukrainer sind einer Facebook-Gruppe bereits beigetreten. Es gibt auch eine Webseite, sie heißt bezeichnender Weise "Ukrainische Idee", das lässt vermuten, dass der militärische Nutzen des Grenzwalls für die Initiatoren womöglich nur zweitrangig ist.

Die Regierung in Kiew hat in dieser Woche medienwirksam mit den Bauarbeiten des Projekts "Stena - Mauer" begonnen. TV-Sender zeigten Bilder von Arbeitern mit Drahtrollen. 8000 Militärstellungen sollen die Ukraine in Zukunft vor Moskauer Übergriffen schützen, dazu Befestigungsanlagen entlang der 2000 Kilometer langen Grenze zu Russland. Farbige Simulationen zeigen ein System von Stacheldrahtsperren, Wassergräben und mehreren Zäunen, nebst Straße für Grenzpatrouillen. Präsident Petro Poroschenko - vor den Parlamentswahlen Ende Oktober bereits erkennbar im Wahlkampfmodus - versprach Befestigungsanlagen "nach dem neuesten Stand der modernen Verteidigungswissenschaft".

Das steht in einem gewissen Widerspruch zu der bislang einzigen verfügbaren Kostenkalkulation für das Projekt. Sie stammt von Igor Kolomoisky, er ist Gouverneur der Großstadt Dnipropetrowsk und Milliardär, ein Mann, der eigentlich korrekt kalkulieren können sollte. Kolomoisky hat von 100 Millionen Euro gesprochen, das entspricht Ausgaben von 50 Euro pro Meter, eine Summe für die Kolomoisky in Dnipropetrowsk womöglich ein Blumenbeet anlegen lassen könnte, aber keine Grenzfestung.

Die Mauer ist viel zu teuer

Laut Premierminister Arsenij Jazenjuk verfüge Kiew zwar über eigene Mittel für den ersten Bauabschnitt. Weitere Gelder erwägt er, bei Gebern im Westen einzuwerben. Den tatsächlichen Finanzierungsbedarf für das Projekt schätzen Experten allerdings viel höher, als die von Kolomoisky taxierten 100 Millionen Euro. Nikolaj Sungurowsky vom Kiewer Thinktank Rasumkow-Zentrum schätzt die Kosten für eine Grenzanlage nach dem Vorbild Israels auf mehrere Milliarden Euro. Kiew brauche das Geld aber dringend für wichtigere Zwecke, für den Wiederaufbau der Armee und Wirtschaftsreformen.

Die Bauarbeiten sind kompliziert

Die Grenze zwischen Russland ist nicht nur lang, sie ist auch unübersichtlich. An vielen Stellen ist sie nie formal markiert worden. Zwischen Luhansk und der Küste hat Kiew zudem die Kontrolle über die Grenze zu Russland verloren. Die Separatisten werden die Errichtung einer Mauer nicht dulden. Im Gegenteil: Sie wollen ja den Anschluss an Russland. Selbst wenn es Kiew gelänge, den Zaun um die Separatistengebiete herum zu bauen: Die Arbeiten würden wohl Jahre, nicht Monate in Anspruch nehmen, wie die Regierung beteuert.

Der Schutzwall ist militärisch nutzlos

Die Regierung in Kiew will "die ukrainische Grenze schnellstens vor dem Aggressor schließen". Dafür sind Sperren wie die von der Ukraine geplante nicht geeignet. "Solche Anlagen stoppen illegale Einwanderer, Migranten und Terroristen, aber sie helfen nicht gegen bewaffnete Kräfte", sagt Experte Sungurowsky. Reguläre Verbände der russischen Armee könnten die Sperranlagen leicht durchbrechen, schwer bewaffnete russische Freischärler wohl auch. Waffenlieferungen an die Separatisten im Osten könnten per Luft aus Russland erfolgen, in Luhansk kontrollieren die Rebellen den Flughafen. "Militärisch", sagt Sungurowsky, "ist die Mauer nicht von Nutzen."

Politisch aber vielleicht schon. Experte Sungurowsky spricht von einem "psychologischen Effekt", der Mauerbau würde den Bruch mit dem slawischen Brudervolk Russland zementieren, genauso wie Kiews Wende nach Westen. Bei den Parlamentswahlen im Oktober kämpft Präsident Petro Poroschenko zudem um eine breite Mehrheit, um Reformen durchsetzen zu können. Der Kreml hat ihm mit der verdeckten Entsendung russischer Soldaten in der Ostukraine eine Niederlage beigebracht. Jetzt wollen Poroschenko und sein Premierminister Arsenij Jazenjuk Härte gegenüber Moskau zeigen. Der Politologe Denis Bogusch nennt die Mauerpläne deshalb auch eine "PR-Kampagne".

Eine ziemlich teure - Geld, das die klamme Ukraine eigentlich gar nicht hat.

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insgesamt 123 Beiträge
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Seite 1
spassbremser 11.09.2014
1.
Der Hadrianswall war militärisch auch nutzlos aber trotzdem zeigte sie den Babaren,wo genau die Grenze ist!
malocher77 11.09.2014
2. Kiew
Denkt, dass der Westen der Ukraine unbegrenzt Kredit gewährt. Sie sollen lieber die Gasrechnung anfangen zu zahlen und sich mit den Russen versöhnen, denn 5 Millionen Ukrainer arbeiten als Gastarbeiter in Russland und die hätten Schwierigkeiten wieder in ihre Heimat zu kommen. Das Projekt Stena wird nie fertiggestellt, Ukraine ist Pleite und hält sich nur mit IWF und EU Krediten über Wasser, bekommt kein Gas mehr und wenn Donbas verloren geht, dann hat das Land praktisch keine Industrie.
spon-facebook-10000082513 11.09.2014
3. Nunja...
...es ist nunmal in diesen Tagen dort drüben ein häufiges Argument derjenigen in Russland, die die Ukraine nie als eigenes Land gesehen haben: "Guckt euch doch Mal eure 'Grenze' an, die gibts ja quasi gar nicht" Es ist nötig, dass echte Grenzanlagen existieren, damit einige Mal verstehen, dass siese Grenze auch wirklich da ist! Aber dennoch gäbe es eben auch Wege, dieses Geld kurzfristig viel effektiver zu verwenden, zumal diese Anlagen militärisch eben tatsächlich nutzlos wären. Eseidenn man hat vor, 2100 km Grenze zu verminen - was einfach eine Riesensauerei wäre, und das wissen die Ukrainer auch. Dabei hat die Ukraine eine hervorragende Waffenschmiede, ausgestattet mit den neuesten israelischen Lizenzen. FORT könnte alles herstellen was die Ukraine braucht...so dass man eigentlich auch nicht so sehr nach Waffen betteln muss. Alles was die Ukraine in diesem Krieg braucht, kann sie eh selber bauen - wenn sie ihr Geld sinnvoll verwenden wollten, dann würde man mal die Ausstattung der Fronttruppen auf den Stand der Zeit bringen. Also, wenn die Ukrainer sowas wie gewinnen wollen, dann sollten sie ihre (militärische) Kohle dringenst auch dort verwenden, wo sie was ausrichten kann. Bedarf herrscht nun wahrlich genug. Just sayin.
Atheist_Crusader 11.09.2014
4.
Ich würde mir wirklich mal wünschen, man würde mit dieser Weltkriegs-Denke aufhören, wenn man versucht, solche Dinge zu beurteilen. Der Zweite Weltkrieg ist vorbei, auch wenn irgendwie keiner die militärischen Lektionen zu begriffen haben scheint. Totale Kriege, Massenoffensiven, großflächige Bombardements von Städten, risesige Panzerschlachten und all dieser andere Käse kommt höchstens noch in Landser-Heften vor. Heute geht es um Politik, Propaganda, Image, Abstreitbarkeit, Verweigerung von Ressourcen, Minimierung eigenes Aufwandes, das Wahren von Fassaden und, und, und... praktisch alles AUSSER dem sinnlosen aufeinanderwerfen großer militärischer Verbände. Und dennoch schreiben 90% aller Kommentatoren zu dem Thema, als hätten wir 1943 und die russische Armee sei nur die Sowjetarmee mit ein paar neuen Waffen.
marx-willi 11.09.2014
5. Kaum zu glauben
dass Poroschenko und Co. mit solchen Signalen das Volk beruhigen will um die nächsten Wahlen zu gewinnen. Militärisch ist dieses eine glatte Nullnummer aber finanziell hofft man auf den Westen. Ich hoffe, dass die Oppositition im Bundestag klar hinterfragt, was mit den 500 Mio. geschieht, die von Kanzlerin Merkel kürzlich in Kiew übergeben hat. Es ist einfach nicht zu fassen, was mit dem Geld ehrlicher Steuerzahler nun in der Ukraine geschieht. Frau Merkel ist in der Berichtspflicht gegenüber ihrem eigenen Volk, die SPD ebenso, das sage ich auch als Sozialdemokrat.
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