Gefangene ukrainische Soldaten Putins Geiseln

Trotz internationaler Appelle bleibt Russland nach der Eskalation in der Meerenge von Kertsch hart. Matrosen der ukrainischen Marine sitzen in Untersuchungshaft. Sie werden zum Spielball in dem Konflikt.

Von , Moskau


Ein ukrainischer Matrose nach dem anderen wird in Handschellen in das Gerichtsgebäude von Simferopol geführt. Das zeigen Bilder des russischen Staatsfernsehens. Es berichtet ausführlich von der von Moskau annektierten Halbinsel Krim. Die Eskalation in der Meerenge von Kertsch ist das Hauptthema in den Nachrichten.

Auf der Krim wird den 24 ukrainischen Soldaten, überwiegend junge Männer bis zu 27 Jahre, nun der Prozess gemacht. Für 15 von ihnen wurde bereits Untersuchungshaft bis zum 25. Januar angeordnet. Die anderen neun ranghöheren Seeleute werden am Mittwoch dem Untersuchungsrichter vorgeführt.

Es besteht kaum ein Zweifel daran, dass auch sie nun in Haft müssen. Russland schafft nach dem Zusammenstoß auf See weiter Fakten, was die Konfrontation zwischen den verfeindeten Nachbarstaaten weiter verstärkt.

Die Nato, EU und USA hatten von Moskau die sofortige Freilassung der Marineangehörigen und die Rückgabe ihrer Schiffe an die Ukraine verlangt. Doch der Kreml verwies lediglich darauf, dass dies eine Entscheidung der Gerichte sei - ganz so, als ob die Justiz Russlands unabhängig wäre. Was sie aber nicht ist, vor allem dann nicht, wenn es um politisch wichtige Verfahren im Zusammenhang mit der verfeindeten Ukraine geht.

SPIEGEL ONLINE (Kartendaten © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL))

Seit Sonntagabend hält die russische Küstenwache den ukrainischen Schlepper "Yani Kapu" und seine Begleitboote "Berdjansk" und "Nikopol" sowie deren Mannschaften fest. Russische Einsatzkräfte hatten die Schiffe gestoppt und geentert. Dabei fielen Schüsse, drei ukrainische Soldaten - 18, 24 und 27 Jahre alt - wurden verletzt. Ihnen soll es bessergehen, allerdings haben die Angehörigen bisher kaum Informationen erhalten, wie ukrainische Medien berichteten, die mit Freunden und Familien der Matrosen Kontakt hatten.

Auch für diese drei Männer wurde Untersuchungshaft angeordnet, die Anhörung fand im Krankenhaus von Kertsch statt, wie die russische "Nowaja Gazeta" berichtet.

Den Soldaten drohen sechs Jahre Haft

Anwälte wurden nicht zu den Männern vorgelassen, wie der Jurist der internationalen Menschenrechtsorganisation Agora Alexej Ladin der Zeitung sagte. Er war von der Familie von Wasyl Soroka beauftragt worden, die Interessen des Soldaten wahrzunehmen. Bei dem 27-Jährigen soll es sich nach Medienberichten um einen der ukrainischen Geheimdienstler handeln, die nach Angaben des Dienstes SBU mit mindestens noch einem Kollegen an Bord der Schiffe waren. Sie sollten die Überführung der Militärschiffe von Odessa ins Asowsche Meer begleiten. Der SBU teilte mit, sie seien für die Spionageabwehr im Einsatz gewesen. Was genau ihr Auftrag dabei aber war, ist bisher unklar.

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Russland gegen Ukraine: Krise vor der Krim

Den ukrainischen Soldaten drohen nun bis zu sechs Jahre Haft. Für den russischen Inlandsgeheimdienst FSB, der für den Schutz der Grenzen Russlands zuständig ist, haben die Männer die Landesgrenzen bewusst verletzt und russische Beamte bedroht. Nach russischer Auslegung sind die Gewässer vor der Krim nach der Annexion der Halbinsel russisches Hoheitsgebiet. Der FSB veröffentlichte am Dienstagabend Dokumente, die belegen sollen, dass die Ukrainer bewusst ohne Rücksprache die Straße von Kertsch durchfahren wollten und an Bord der Schiffe Waffen waren.

Zudem zeigte der FSB Videos mit den Erklärungen dreier ukrainischen Soldaten, die eingestanden, russische Grenzen verletzt zu haben. Das Staatsfernsehen strahlte die Sequenzen aus. Ein höchst fragwürdiger Schritt und eine grobe Verletzung internationaler Standards, da davon auszugehen ist, dass die Matrosen unter Druck gesetzt wurden. Das wird vor allem bei dem Kapitän Wladimir Lesowoj deutlich, dessen Augen sich während der Aufnahme auffällig bewegen, so als ob er seine Erklärung abliest.

Die Ukraine kritisiert die Behandlung ihrer Soldaten scharf. Allerdings hatte Kiew in der Vergangenheit ebenfalls Verfahren gegen Russen wegen Grenzverletzungen gestartet. Im Frühjahr wurde der Kapitän des Fischerbootes "Nord" festgenommen. Ihm wurde die illegale Einreise vorgeworfen. Er musste sich vor Gericht verantworten, was man in Russland als Provokation wertete.

Da die Annexion der Krim durch Russland nach internationalem Recht völkerrechtswidrig ist, bezeichnet die Ukraine die Halbinsel sowie die umliegenden Gewässer weiterhin als ukrainisch. Eine Verletzung der Grenzen liege nicht vor, betont Kiew deshalb. Die Matrosen werden inzwischen von der Regierung als Kriegsgefangene Russlands bezeichnet.

Die Männer sind nun Spielball dieses verschärften Konflikts. Der Vorsitzende des Parlaments der Krim, Wladimir Konstantinow, sprach bereits von der Möglichkeit eines Austauschs der Männer. Was wohl so viel bedeuten soll, dass Russland dafür im Gegenzug Staatsangehörige zurückhaben will.

Videoanalyse: "Beide Seiten profitieren von der Eskalation"

SPIEGEL ONLINE/dpa

Kiew und Moskau tauschen immer wieder Gefangene aus. Beide Seiten halten Dutzende Soldaten, Journalisten und Staatsangehörige fest, wie viele es insgesamt sind, ist unklar. Zuletzt tauschten beide Länder am 30. Oktober jeweils sieben Matrosen aus.

Die 24 Marinesoldaten sind für Präsident Wladimir Putin nun ein willkommenes Faustpfand. Er wird verstehen, es einzusetzen.

Gefangen von den Separatisten - Die Qualen eines ukrainischen Soldaten (SPIEGEL TV 2015)

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Mitarbeit: Katja Kuznetsowa

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herumnöler 28.11.2018
1. Verletzung russischer Grenze
... ist schon immer aus russischer Sicht ein ganz schlimmes Verbrechen gewesen. Allein schon sich der Grenze nähern, ist gefährlich und bedarf einer speziellen Erlaubnis (Propusk auf russisch, zu erhalten bei der nächsten örtlichen Gemeindeverwaltung oder am besten gleich beim FSB). Wird man in Grenznähe erwischt - als harmloser deutscher Tourist - droht ein längeres Verhör, das in frostigem Ton beginnt und sich alsbald in purer Freundschaft auflöst, wenn nur klar wird, was man in Grenznähe eigentlich wollte: Einen Berg zum Beispiel besteigen, nur des Hobbys wegen. Dann können Russen plötzlich sehr gastfreundlich sein - ich habe selbst auf russischen Polizeistationen schon Tee und Pralinen serviert bekommen. Doch das war in den "guten Zeiten" um 2007/2008. Heute sieht es vermutlich anders aus, und ganz besonders für Ukrainer. Doch ein Gedake bleibt: Wir sollten, wo wir können, die russische Grenz-Paranoia aufzuweichen versuchen. Grenzen sind Vergangenheit!
spondabel 28.11.2018
2. Samthandschuhe ausziehen
Ich bin enttäuscht von der Schwäche Europas. Der Konflikt um die Krim und die besetzten Gebiete in der Ost-Ukraine finden direkt vor unserer Haustür statt. Russland muss an den Verkhandlungstisch gezwungen werden. Die Mittel dazu hat Europa in der Hand. Nord Stream II muss auf Eis gelegt und die Gasimporte aus Russland empfindlich eingeschränkt werden. Ich bin kein Freund von amerikanischen Frackinggas, um das klarzustellen aber es wäre im Moment das kleinere Übel. Auch der Druck auf die politische Führung in der Ukraine muss erhöht werden. der Kampf gegen Korruption und Misswirtschaft ist bis heute nicht ernsthaft geführt worden. Wenn Europa hier weiter tatenlos zuschaut und ein paar harmlose Sanktiönchen verhängt, über die Putin nur müde lächelt, dann müssen wir uns nicht wundern, wenn andere entscheiden. Die Interessen Europas werden dabei keine Rolle spielen.
Pixopax 28.11.2018
3. Auf einmal ergibt die Annektion der Krim einen Sinn
Wunderte ich mich die ganzen Jahre, warum Putin diesen Ärger auf sich nimmt für eine kleine Halbinsel, macht es auf einmal Sinn: Er schneidet damit den Zugang zur rechten Seite der Ukraine ab und halbiert damit quasi die Erreichbarkeit per Schiff.
yoda56 28.11.2018
4. Und wenn wir uns einfach raushalten?
Zitat von spondabelIch bin enttäuscht von der Schwäche Europas. Der Konflikt um die Krim und die besetzten Gebiete in der Ost-Ukraine finden direkt vor unserer Haustür statt. Russland muss an den Verkhandlungstisch gezwungen werden. Die Mittel dazu hat Europa in der Hand. Nord Stream II muss auf Eis gelegt und die Gasimporte aus Russland empfindlich eingeschränkt werden. Ich bin kein Freund von amerikanischen Frackinggas, um das klarzustellen aber es wäre im Moment das kleinere Übel. Auch der Druck auf die politische Führung in der Ukraine muss erhöht werden. der Kampf gegen Korruption und Misswirtschaft ist bis heute nicht ernsthaft geführt worden. Wenn Europa hier weiter tatenlos zuschaut und ein paar harmlose Sanktiönchen verhängt, über die Putin nur müde lächelt, dann müssen wir uns nicht wundern, wenn andere entscheiden. Die Interessen Europas werden dabei keine Rolle spielen.
Anstatt sich hier ständig gegen Russland einzumischen, einen Staatsstreich aktiv zu unterstützen (Häuptling Silberlocke) und alles zu tun, um die Situation dort weiter zu destabilisieren? Schon mal darüber nachgedacht, was unsere sogenannten "amerikanischen Freunde" unternehmen würden, wenn Russland eine USA-kritische mexikanische Regierung sowohl wirtschaftlich, als auch politisch und militärisch unterstützen würde?
leo.dom 28.11.2018
5. Etwas Ruhe und Vernunft täte wohl gut,
und zwar sowohl den Russen als auch der EU und der Nato. Ob nun die Krim annektiert wurde oder Russland beigetreten ist, spielt erst einmal keine Rolle, wenn inzwischen Regeln aufgestellt und Grenzen gezogen wurden. Hier müssen einfach die Dinge mit gleichem Maß gemessen werden. Man erinnere sich an Israel: Westjordanland und Golanhöhen wurden militärisch annektiert undwerden intensiv gegen jeden verteidigt, und zwar mit jeden Mitteln. Dieser Anspruch wird von der westlichen Welt akzeptiert und sogar unterstützt, obwohl völkerrechtlich geächtet. Wo ist der Unterschied? Wenn es also Regeln gibt, die so oder so von einem Staat aufgestellt wurden, dann kann man die militärisch überwinden oder auf deren Basis provozieren, oder eben auf politischer Ebene zu verändern versuchen. Noch weiß niemand so genau, was eigentlich und warum passiert ist, denn beide Seiten wiederholen nur das übliche Mantra. Säbelrasseln und gegen Russland blasen ist so ziemlich die dümmste Methode, mit diesem Konflikt umzugehen. Die das tun, sollten mal bedenken, dass ein wirklicher Krieg eben weder eine Computerspiel (mit tausend Leben und Resettaste) oder eine Sandkastenübung ist, sondern echte Menschen mit nur einen einzigen Leben auslöscht. Die Kriegsrethorik ist allerdings im Westen deutlich stärker als bei den Russen, und westliche Politiker scheinen schon den Schuldigen zu kennen, bevor etwas passiert ist. Im Interesse aller noch Lebenden in Europa und in der Welt: Seid bedachtsam und vorsichtig!
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