Truppenkonzentration an Grenze Nato befürchtet russischen Einmarsch in Ostukraine

Die Nato warnt vor einer "gefährlichen Lage", Berlin fordert Erklärungen: Die Sorge über die russische Truppenkonzentration an der Grenze zur Ukraine wird immer größer. Im Osten des Landes fordern Gefechte zahlreiche Opfer.

DPA

Brüssel - Die Truppenverstärkungen Russlands an der Grenze zur Ukraine erfüllen den Westen und die Nato mit zunehmender Sorge. Die Militärallianz warnte am Mittwoch vor einer "gefährlichen Situation" in der Grenzregion. "Wir können nicht mutmaßen, was Russland vorhat, aber wir können sehen, was Russland macht", sagte eine Nato-Sprecherin in Brüssel.

Die Militärallianz befürchtet, dass Moskau unter dem Vorwand einer friedenserhaltenden Mission Truppen in die Ostukraine senden könnte. Die Sprecherin warnte, das russische Vorgehen könnte die Situation eskalieren lassen und die Suche nach einer diplomatischen Lösung der Krise untergraben. Russland soll nach westlichen Schätzungen rund 20.000 Soldaten in der Region zusammengezogen haben.

Polens Regierungschef Donald Tusk sagte in Warschau, die Gefahr einer unmittelbaren Intervention Russlands in der Ukraine sei größer als noch vor einigen Tagen. "Das wäre eine neue Situation, und meiner Ansicht nach hat heute niemand eine gute Antwort, wie die westliche Gemeinschaft darauf reagieren sollte", sagte Tusk. "Dieser Konflikt widerspricht allen bisherigen Regeln. Daher müssen wir auf verschiedene Eventualitäten vorbereitet sein."

Die Bundesregierung wollte die Einschätzung Tusks nicht direkt kommentieren. Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes sagte aber, das derzeitige Großmanöver der russischen Luftwaffe und die Truppenverstärkungen in dem Gebiet seien ein Anlass, um die Lage an der Grenze sehr genau zu beobachten. "Wir fordern eine größtmögliche Transparenz", sagte die Sprecherin.

Heftige Kämpfe um Donezk

Der Kampf um die Separatistenhochburg Donezk in der Ostukraine nimmt indes an Härte zu. Erstmals griff die ukrainische Luftwaffe Ziele nahe des Zentrums der Großstadt an. Bei den Attacken auf Stellungen der Separatisten starben mindestens drei Zivilisten, wie der Stadtrat von Donezk am Mittwoch mitteilte. Zudem seien Artilleriegranaten in mehrere Wohnhäuser eingeschlagen. Auch eine Gasleitung sei beschädigt worden.

"Die Erstürmung steht unmittelbar bevor, aber wir sind gut darauf vorbereitet", sagte Separatistenführer Sergej Kawtaradse. Immer mehr Frauen und Kinder würden Donezk durch einen Fluchtkorridor verlassen. Die Armeeführung in Kiew betonte hingegen, sie plane keine Offensive auf die Stadt.

Das Militär beklagte zahlreiche Opfer. Innerhalb von 24 Stunden seien bei erbitterten Gefechten 18 Soldaten getötet und 54 verletzt worden, sagte der Sprecher des Sicherheitsrats in Kiew, Andrej Lyssenko. An dem "Anti-Terror-Einsatz" beteiligte Regierungstruppen meldeten, mehrere ihrer Stellungen in den Regionen Donezk und Luhansk seien von den Separatisten angegriffen worden.

Auch in der ostukrainischen Stadt Gorlowka berichteten die Behörden von einer steigenden Zahl von Toten. In den vergangenen Tagen seien bei Artilleriebeschuss 33 Zivilisten getötet und 129 verletzt worden, hieß es. In mehreren Vierteln sei die Gas- und Wasserversorgung ausgefallen. In der Großstadt Luhansk müssen nach Behördenangaben ebenfalls viele Menschen weiter ohne Strom und Wasser auskommen. Schwierigkeiten gibt es demnach zudem mit der Lebensmittel- und Treibstoffversorgung sowie mit der Müllabfuhr. Auch der ukrainische Grenzort Djakowo sei von russischem Gebiet aus beschossen worden.

Russland seinerseits warf der ukrainischen Führung erneut den Einsatz von Phosphorbomben gegen Zivilisten im umkämpften Osten des Landes vor. "Eine Bodenprobe hat ergeben, dass die Armee in der Nähe von Slowjansk die verbotenen Brandgeschosse verwendet hat", sagte der Sprecher der Ermittlungsbehörde in Moskau, Wladimir Markin. Der Einsatz sei ein "Kriegsverbrechen" und verstoße gegen die Genfer Abkommen von 1949. Die russischen Behörden bezogen sich auch auf die Berichte ukrainischer Flüchtlinge. Die prowestliche Führung in Kiew hatte die Vorwürfe wiederholt als "Verleumdung" zurückgewiesen.

phw/Reuters/dpa

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insgesamt 79 Beiträge
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Seite 1
Vergil 06.08.2014
1.
Zitat von sysopDPADie Nato warnt vor einer "gefährlichen Lage", Berlin fordert Erklärungen: Die Sorge über die russische Truppenkonzentration an der Grenze zur Ukraine wird immer größer. Im Osten des Landes fordern Gefechte zahlreiche Opfer. http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-krise-sorge-ueber-russlands-truppen-an-der-grenze-a-984774.html
Unabhängig davon, dass ein russischer Einmarsch vor allem für die Menschen in der Ukraine insgesamt eine Tragödie wäre: Ich bin ja mal gespannt, wie die ganzen Putin-Fans in Deutschland, vor allem auch hier im Forum, reagieren, wenn der liebe Putin sich diesmal mit offener Gewalt nimmt, was er haben will, nämlich die Ukraine. Dann ist es vorbei mit all diesen Tänzchen wie, ach, die haben doch ein Referendum durchgeführt, und ach, es ist doch gar nicht gesagt, dass Putin die Separatisten in der Ostukraine unterstützt, und ach, die USA sind doch viel schlimmer: Nein, dann ist ganz offen Krieg, mitten in Europa, im Nachbarland Polens, weil Russland Krieg will.
spon-facebook-10000082513 06.08.2014
2. Der russische Einmarsch in die Ukraine...
...läuft seit bald einem halben Jahr. Wenn die Russen aber OFFIZIELL einmarschieren würden, dann würde das ja soooo viel ändern. Die Ukrainer kommen sich hier total veräppelt vor, und ich kann prima verstehen, warum.
Multiple Choice 06.08.2014
3.
Die Sorge über die Truppenkonzentration wird größer. Soso. Klingt wie FUD. Wird auch die Truppenkonzentration und die Gefahr eines Einmarsches selbst größer? Nichts genaues weiß man eben nicht!
Number-Cruncher 06.08.2014
4. Vergessen Sie es..
Zitat von VergilUnabhängig davon, dass ein russischer Einmarsch vor allem für die Menschen in der Ukraine insgesamt eine Tragödie wäre: Ich bin ja mal gespannt, wie die ganzen Putin-Fans in Deutschland, vor allem auch hier im Forum, reagieren, wenn der liebe Putin sich diesmal mit offener Gewalt nimmt, was er haben will, nämlich die Ukraine. Dann ist es vorbei mit all diesen Tänzchen wie, ach, die haben doch ein Referendum durchgeführt, und ach, es ist doch gar nicht gesagt, dass Putin die Separatisten in der Ostukraine unterstützt, und ach, die USA sind doch viel schlimmer: Nein, dann ist ganz offen Krieg, mitten in Europa, im Nachbarland Polens, weil Russland Krieg will.
Es gibt leider einen Haufen Leute, die den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen, bzw. von blindem Antiamerikanismus geleitet sind.
NewYork76 06.08.2014
5. Na
Wenn in diesem Artikel nicht fuer jeden was dabei ist. Die pro-Nato Fraktion kann sich ueber die Russische Truppenkonzentration und den angeblichen Beschuss der Grenzstadt von Russland aus ereifern. Die pro-Russland Front kann sich ueber die zivilen Opfer und den angeblichen Eisatz von Phosphor-Bomben beschweren. Wenn es nicht so traurig waere, dann muesste man ja fast lachen. Aber jetzt wird wohl wieder die Propaganda-Schlacht im Forum hier weitergehen. Vielen Dank an SpOn fuer den ausgewogenen Artikel. Einer der besten in letzter Zeit zu diesem Thema wie ich finde.
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