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Nato-Russland-Krise: Das nukleare Gespenst kehrt zurück

Von , München

Die Ukraine-Krise hat die Nato und Russland in den Kalten Krieg zurückgeworfen. Die Zusammenarbeit bei der nuklearen Sicherheit wurde eingestellt, ein "Rotes Telefon" gibt es nicht mehr. Experten halten das für extrem gefährlich.

B61-Atombomben: Ukraine-Krise steigert Gefahr einer atomaren Konfrontation Zur Großansicht
USAF

B61-Atombomben: Ukraine-Krise steigert Gefahr einer atomaren Konfrontation

Die Wissenschaftler ahnten nicht, dass ihr Experiment das Ende der Zivilisation bedeuten konnte. Am 25. Januar 1995 schossen norwegische und amerikanische Forscher eine Rakete in den Himmel über Nordwestnorwegen, um Nordlichter zu erforschen. Doch die vierstufige Rakete flog direkt durch jenen Korridor, den auch amerikanische "Minuteman-III"-Atomraketen auf dem Weg von den USA nach Moskau benutzen würden.

Geschwindigkeit und Flugmuster entsprachen ziemlich genau dem, was die Russen von einer "Trident"-Rakete erwarteten, die von einem US-U-Boot abgefeuert wird, in großer Höhe explodiert, die russischen Frühwarnsysteme blendet und damit einen nuklearen Großangriff der USA vorbereitet. Die russischen Streitkräfte gingen auf höchste Alarmstufe, der damalige Präsident Boris Jelzin aktivierte die Schlüssel für die Atomwaffen. Er hatte weniger als zehn Minuten, um sich für oder gegen den Feuerbefehl zu entscheiden.

Jelzin ließ die Raketen in den Silos - wohl auch deshalb, weil die Beziehungen zwischen Russland und den USA 1995 relativ vertrauensvoll waren. Käme es allerdings heute zu einem solchen Zwischenfall, so warnte kürzlich der US-Rüstungsexperte Theodore Postol, könnte es durchaus zur nuklearen Katastrophe kommen.

"Fünf oder sechs Minuten Entscheidungszeit können reichen, wenn man sich vertraut, wenn Kommunikationskanäle existieren und man diese Maschinerie schnell anwerfen kann", sagte der ehemalige russische Außenminister Igor Iwanow am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz. "Leider funktioniert diese Maschinerie heute sehr schlecht, und das Misstrauen ist groß."

Was heute geschähe, wenn sich der Raketenvorfall von 1995 wiederholte? "Ich bin nicht sicher", sagt Iwanow, "ob dann noch die richtige Entscheidung getroffen würde."

Zwischen dem Westen und Russland hat sich tiefes Misstrauen breitgemacht, das sich auch auf die Zusammenarbeit in Sachen Sicherheit massiv auswirkt.

Im November 2014 haben die Russen erklärt, den Nuklearsicherheitsgipfel 2016 in den USA zu boykottierten. Im Dezember entschied der US-Kongress zum ersten Mal seit 25 Jahren, kein Geld mehr für die Sicherung nuklearer Materialien in der Russischen Föderation zu bewilligen. Wenige Tage später kündigten die Russen die Zusammenarbeit an fast allen Fronten der Nuklearsicherheit auf. Zwei Jahrzehnte hatten beide Seiten erfolgreich kooperiert. Aus, vorbei.

Stattdessen investieren Russland und die USA gigantische Summen in die Modernisierung ihrer nuklearen Arsenale. Die Nato hat kürzlich angekündigt, ihre nukleare Strategie zu überdenken. Zugleich kommt es immer öfter zu teils brenzligen Begegnungen östlicher und westlicher Truppen, vor allem in der Luft, wie ein Report des European Leadership Network (ELN) ergeben hat.

"Insbesondere zivile Piloten wissen oft nicht, wie man mit so etwas umgeht", erklärt ELN-Chef Des Browne, ehemaliger britischer Verteidigungsminister. "Eine solche Situation könnte leicht eskalieren. Wir müssen einen Mechanismus schaffen, der uns erlaubt, auf höchster Ebene regelmäßig miteinander zu reden."

Fordert eine direkte Verbindung: Nato-Oberbefehlshaber Philip Breedlove Zur Großansicht
REUTERS

Fordert eine direkte Verbindung: Nato-Oberbefehlshaber Philip Breedlove

Browne hat diese Woche gemeinsam mit Iwanow und dem ehemaligen US-Senator Sam Nunn, dem Grandseigneur der internationalen Abrüstungspolitik, eine Analyse veröffentlicht. Eine Forderung des Trios: Man solle "verlässliche Kommunikationskanäle" einrichten, um "ernste Zwischenfälle" entschärfen zu können. Mit anderen Worten: Solche Kanäle gibt es derzeit nicht. Philip Breedlove, Nato-Oberbefehlshaber in Europa, forderte neulich gar ein neues "Rotes Telefon" - in Anspielung auf die direkte Fernschreiberverbindung, die 1963 nach der Kubakrise zwischen den USA und der Sowjetunion eingerichtet wurde.

"Das Vertrauen zwischen der Nato und Russland ist nahezu zerstört", sagt Nunn. "Mitten in Europa findet ein Krieg statt, internationale Verträge sind zusammengebrochen oder stark belastet, wir haben taktische Atomwaffen überall in Europa. Die Situation ist äußerst gefährlich."

Tarnen, tricksen, täuschen: Russlands hybride Kriegsführung

Ende Januar hat das Bulletin of the Atomic Scientists seine "Doomsday Clock", die "Uhr des Jüngsten Gerichts", auf drei Minuten vor zwölf vorgestellt. Dort stand sie zuletzt 1983 - "als die US-sowjetischen Beziehungen an ihrem eisigsten Punkt waren", wie der Forscherverband mitteilte. Noch schlimmer war es nur 1953, als die Uhr zwei Minuten vor Mitternacht zeigte. Neben dem ungebremsten Klimawandel sei das "nukleare Wettrüsten, das aus der Modernisierung riesiger Arsenale resultiert", eine "außerordentliche Bedrohung für die weitere Existenz der Menschheit".

Russland als Bedrohung der Nato: Michael Fallon, britischer Verteidigungsminister, mit seinem US-amerikanischen Amtskollegen Chuck Hagel (r.) Zur Großansicht
DPA

Russland als Bedrohung der Nato: Michael Fallon, britischer Verteidigungsminister, mit seinem US-amerikanischen Amtskollegen Chuck Hagel (r.)

Die Rhetorik der Kontrahenten in Ost und West scheint derzeit wenig geeignet, die Gefahr zu verringern. "Die russische Aggression ist eine direkte Bedrohung der Nato", tönte etwa der amtierende britische Verteidigungsminister Michael Fallon auf der Münchner Sicherheitskonferenz.

Allerdings ist das russische Vorgehen in der Ukraine schwierig zu definieren. Tricksen, tarnen, täuschen: Die Russen wenden das volle Arsenal der sogenannten hybriden Kriegsführung an, von Propaganda über Cyber-Kriegsführung und die Finanzierung von Separatisten bis hin zu verdeckten militärischen Operationen.

Norwegens Verteidigungsministerin Ine Marie Eriksen Søreide forderte in München, die russische Aggression klar als solche zu benennen. "Und es ist selbstverständlich, dass Artikel 5 des Nato-Vertrags bei solchen Aggressionen gilt." Das heißt: Sollte Russland ein Nato-Mitglied auf dieselbe Art angreifen wir derzeit die Ukraine, müssten alle anderen Mitgliedstaaten in den Krieg eintreten.

"Die hybride Kriegsführung macht alles noch gefährlicher", meint Nunn. "Auch taktische Atomwaffen." Von denen sind bekanntlich auch in Deutschland einige stationiert: Auf dem Fliegerhorst Büchel in der Eifel lagern bis zu 20 nukleare Fliegerbomben des Typs B61, die derzeit zu hohen Kosten modernisiert werden. Sie stehen unter US-Kommando, doch im Kriegsfall würden sie von deutschen "Tornado"-Kampfjets abgeworfen.

"Die hybride Kriegsführung steigert die Gefahr, dass solche Atomwaffen tatsächlich eingesetzt werden", sagt US-Diplomat Richard Burt, der als Chefvermittler 1991 den "Start"-Vertrag zwischen den USA und der Sowjetunion eingefädelt hat. "Sowohl die russischen als auch die amerikanischen Atomwaffen sind nach wie vor auf hoher Alarmbereitschaft. Beide Seiten können landgestützte Atomraketen in weniger als 15 Minuten starten." In einer Situation der hybriden Kriegsführung sei das "ein gefährliches Spiel".

Im Kalten Krieg gab es zahlreiche Sicherheitsmechanismen - "eine riesige Menge an Verträgen und Dokumenten, die sichergestellt haben, dass es zu keiner militärischen Konfrontation zwischen der Sowjetunion und der Nato kommt", sagt Ex-Außenminister Iwanow. "Heute ist die Kriegsgefahr größer."

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1. Die EU lässt Russland offensichtlich....
joG 08.02.2015
....den Osten der Ukraine nach der Krim nun militärisch nehmen. Die Amis lassen den Europäern ihren selbst verursachten Krieg in Europa selbst bestimmen. Die Präzedenz ist grauenvoll, denn die Lehre aus Georgien bestätigt sich. Die EU erlaubt militärischen Landraub zu. Warum also nicht in den Baltischen Ländern, Schweden, Finnland oder Polen? Das ist nicht gut.
2. Wie wäre es, wenn...
astsaft 08.02.2015
... sich einfach alle mal eine Runde entspannen würden? Mir will einfach nicht in den Kopf, dass sich einige Menschen wegen persönlichen Vorteilen das Leben aller riskieren. Ist mir einfach schleierhaft. Zum Glück habe ich keine Angst vor "dem totalen Krieg". Wenn er wirklich so heftig ist, wie ja alle sagen, dann ist die Chance, dass man die erste halbe Stunde überlebt, verschwindend gering. Sorgen bereitet mir eher der Gedanke, dass dieser Vernichtungsschlag nur halbherzig geführt werden könnte und man dann ohne Infrastruktur oder Zivilisation als einer der Überlebenden dumm da steht.
3. Wir wollen keine erneute atomare Hochrüstung!
hubertrudnick1 08.02.2015
Politiker und ihr Militärs lasst die Hände weg von einer erneuten atomaren Hochrüstung, es bringt nichts an Sicherheit, nur die Rüstungsindustrie kann sich über zusätzliche Aufträge freuen. Jede Atomrakte bringt nur ein mehr an Unsicherheit und führt zum Übermut einzelner Politiker und ihrer Militärs.
4. Entspannungspolitik ist angesagt
view3000 08.02.2015
Einfach widerlich wie hier der Ukraine-Konflikt zur Wiederbelebung eines neuen kalten Krieges genutzt wird. Ich bin kein Geostratege aber es sieht so aus als wolle Russland die Nato nicht bis an ihre Landesgrenzen kommen lassen, was eigentlich für die NATO keine Neuigkeit sein sollte. Also, wo sind die diplomatischen Konzepte unserer Politiker, die zu einem Ende des Ukraine-Konfliktes und zur Entspannung mit Russland führen? Eine angeheizte Kriegsrhetorik ist da eher kontraproduktiv. Soll der Ukraine-Konflikt etwa herhalten, um ganz Europa wieder in Angst und Schrecken zu versetzen? Bei einigen Politikern scheint gerade gewaltig der Gaul durchzugehen. Es ist längst überfällig, dass sich die Nato, die betroffenen Länder und Russland an einen Tisch setzen und ausloten, wie dieser Konflikt schnellstens beendet werden kann, damit andere aufkeimende Konflikte in Zukunft diplomatisch bewältigt werden können. Wir brauchen jetzt Entspannungspolitik und keine Kriegsrhetorik.
5. Russland spielt mit dem Feuer
jakm 08.02.2015
und der Westen weiß nicht damit umzugehen. Das dumme an einer solchen Kriegsführung ist, dass man keine direkten Kanäle zu den handelnden Schergen an der Grenze nach militärischen Regeln unterhält, was zu teilautonomen handeln führt. Oder andersherum: die örtlichen Machthaber entscheiden darüber selbst, ob die Nachrichten aus Russland reine Propaganda sind oder in kriegerische Handlungen umgesetzt werden müssen. Wenn sie also in die Defensive geraten, werden sie relativ autonom die zur Verfügung stehenden Ressourcen nutzen (und das kann eben auch atomare beinhalten). Ebenso wird die Ukraine komplett zu Recht alle ihr zur Verfügung stehenden Ressourcen nutzen, was dann auch militante Gruppierungen enthält, die weder nicht vollends der offiziellen Linie folgen. So haben wir also Truppen im Krisengebiet, die sich nur teilweise kontrolliert mit unbekannten Zugriff auf Ressourcen bekriegen. Beste Voraussetzungen für Eskalation. Russland gibt aber bereits seit mind. 10 Jahren gezielt russische Pässe an Gruppierungen in Nachbarländern aus, die nciht vorhaben, nach Russland zu emigrieren sondern weiterhin dort wohnen bleiben wollen, um den Anteil der Russen zu erhöhen. Das passiert in Moldawien, in der Ukraine, in Lettland und Estland, in Georgien udn Aserbaidschan und Armenien. Da man auf Georgien nicht wirklich reagiert hat (auch weil Georgien nicht sauber agiert hat) hat sich Russland nun ein größeres Ziel gesucht und gefunden. Gleichzeitig ist die Botschaft an die anderen Ex-UdSSR-Republiken klar: Wer sich abwendet wird bluten.
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Globaler Index: Die Sicherheit nuklearer Materialien

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Atombombe B61: Ärger mit Modernisierungsprogramm
Atom-Abrüstung: Die Verträge der USA und Russlands
Start I
In den Start-Abkommen haben Russland und die USA eine nukleare Abrüstung vereinbart. Die Abkürzung Start steht für Strategic Arms Reduction Treaty (Vertrag zur Verringerung der strategischen Nuklearwaffen).

Der Start-I-Vertrag wurde 1991 zwischen den USA und der damaligen Sowjetunion geschlossen. Nach der allseitigen Ratifizierung trat er im Dezember 1994 in Kraft. Die Vertragsparteien vereinbarten, die Bestände der weitreichenden Systeme (über 5000 Kilometer) um durchschnittlich 25 bis 30 Prozent zu verringern - auf etwa 8500 amerikanische und rund 7000 sowjetische Sprengköpfe. Der Vertrag ist am 5. Dezember 2009 ausgelaufen.
Start II
Der Start-II-Vertrag wurde im Januar 1993 unterzeichnet. Das Abkommen sieht eine weitere Verringerung der Bestände und den völligen Verzicht auf bodengestützte Interkontinentalraketen mit Mehrfachsprengköpfen vor.

Ursprünglich verpflichteten sich die Seiten, die Gesamtzahl der Atomsprengköpfe an bodengestützten Interkontinentalraketen, U-Boot-Raketen sowie Langstreckenbombern bis Januar 2003 in zwei Stufen auf etwa ein Drittel zu reduzieren. Den USA verbleiben danach noch 3500 Sprengköpfe, Russland 3000. Russland ratifizierte den Vertrag erst im Jahr 2000. Im Streit um die US-Raketenabwehrpläne wurde er allerdings durch das Sort-Abkommen ersetzt.
Sort
2002 unterzeichneten der US-amerikanische Präsident George W. Bush und der russische Präsident Wladimir Putin einen Vertrag über die Verringerung der strategischen Atomwaffen. Nach dem bis 2012 gültigen Sort-Vertrag (Strategic Offensive Reductions Treaty) ist eine Begrenzung auf 1700 bis 2200 Sprengköpfe vorgesehen.
Start III
"Es ist der umfassendste Abrüstungsvertrag in nahezu zwei Jahrzehnten", sagt US-Präsident Barack Obama. Er unterschrieb gemeinsam mit Russlands Präsident Dmitrij Medwedew am 8. April 2010 in Prag eine Abmachung, die eine Absenkung der Zahl der nuklearen Sprengköpfe in den nächsten sieben Jahren um 30 Prozent vorsieht - von je 2200 auf je 1550. Die Zahl der Trägersysteme (Interkontinentalraketen, U-Boot-gestützte Langstreckenraketen und Langstreckenbomber) wird dem Start-III-Vertrag zufolge auf je 800 halbiert. Das neue Abkommen soll zehn Jahre gelten.

Experten schätzen allerdings, dass sowohl die USA als auch Russland längst über eine geringere Anzahl von funktionsfähigen Atomwaffen und Trägersystemen verfügen, sie demnach gar nicht abrüsten müssen. Außerdem werden strategische Bomber im neuen Start-Vertrag als eine Atomwaffe gezählt. Im alten Abkommen galten sie als zehn Waffen.



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