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Ukraine-Konflikt: Prorussische Milizen fliehen aus Hochburg Slowjansk

In der Ostukraine haben die Kiewer Regierungstruppen einen vielleicht entscheidenden Erfolg erzielt: Ein Großteil der prorussischen Milizen hat sich aus der Stadt Slowjansk zurückgezogen - lange war sie eine Hochburg der Separatisten.

Milizen in Slowjansk (Archivbild): "Sie sagten 'Die Stadt ist gefallen, alle ziehen sich zurück'." Zur Großansicht
AFP

Milizen in Slowjansk (Archivbild): "Sie sagten 'Die Stadt ist gefallen, alle ziehen sich zurück'."

Kiew/Berlin - Ein Augenzeuge im benachbarten Kramatorsk berichtete SPIEGEL ONLINE am Samstagmorgen von einer Kolonne der Aufständischen. Mindestens 500 Mann, bewaffnet mit Granatwerfern und Maschinengewehren, bewegten sich in etwa 50 Bussen und Pkw in Richtung Donezk. Panzer und Panzerwagen, über welche die Aufständischen in Slowjansk zuletzt verfügten, seien jedoch nicht darunter. Möglicherweise wurden sie schon in der Nacht aus der Stadt transportiert.

Tatsächlich scheinen sich die prorussischen Rebellenmilizen über Nacht aus ihrer bisherigen Hochburg Slowjansk im Osten der Ukraine zurückgezogen zu haben. Rebellenkommandeur Igor Girkin und ein "Großteil" der aufständischen Kämpfer seien nach Geheimdienstinformationen vom Samstagmorgen aus der Stadt im Osten des Landes geflohen, erklärte der ukrainische Innenminister Arsen Awakow auf Facebook. Der von den Separatisten ernannte Bürgermeister von Slowjansk, Wolodymyr Pawlenko, bestätigte den Rückzug: "Die Kämpfer sind abgezogen", sagte er der Agentur AFP in einem Telefonat. Die ukrainische Armee sei aber noch nicht in die Stadt vorgerückt.

Auch in russischen Medien wie RT.com und dem Staatsender Erster Kanal hieß es, Slowjansk sei unter die Kontrolle der Kiewer Truppen gefallen.

Unklar ist jedoch, ob alle prorussischen Kämpfer die Stadt verlassen haben und wohin genau sie geflüchtet sind. Nach dem Bericht eines anderen Augenzeugen hat die ukrainische Armee die Stadt über Nacht komplett blockiert: An den Checkpoints ließen sie keine Autos mehr passieren. In Slowjansk, so berichtete der Augenzeuge, sei es nach den heftigen Kämpfen der vergangenen Tage am Morgen ruhig geblieben. Awakows Angaben zufolge zerstörte die ukrainische Armee auch das in der Stadt Artemiwsk gelegene Hauptquartier der Rebellen in der Region Donezk.

Andrej Purgin, Vorsitzender der Separatistengruppe Volksrepublik Donezk, sagte der Agentur AP, dass die Rebellen evakuiert worden seien, Slowjansk sei von den Regierungstruppen mit Mörserfeuer verwüstet worden. Ein weiterer Augenzeuge bestätigte dies jedoch nicht, ihm zufolge sei die Stadt mit rund 100.000 Einwohnern weitgehend unversehrt geblieben. Ein Rebellenführer, der seinen Kampfnamen mit "Pinochet" angab, sagte der Agentur AP, die Milizen hätten sich ins rund 20 Kilometer entfernte Kramatorsk geflüchtet.

Auch eine Beobachterin der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch bestätigte die Angaben zur Lage in Slowjansk. Die Separatisten hätten die Stadt am Morgen verlassen, schrieb Tatjana Lokschina in einer Twitter-Botschaft. "Sie sagten 'Die Stadt ist gefallen, alle ziehen sich zurück'."

Am Freitag hatte sich Rebellenführer Girkin noch an die Regierung in Moskau gewandt und gewarnt, seine Milizen könnten die Anfang April eroberte Stadt ohne russische Hilfe nicht mehr lange halten. Die Regierungstruppen hatten ihre Offensive in der Ostukraine nach dem Ablauf einer einseitigen Waffenruhe am Dienstag wieder aufgenommen.

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko hatte eine erneute einseitige Waffenruhe ausgeschlossen. Einen Dialog könne es nur geben, wenn alle Konfliktparteien gleichermaßen die Bedingungen dafür einhalten würden, sagte Poroschenko nach Beratungen mit den Fraktionsvorsitzenden des ukrainischen Parlaments in Kiew.

Eine Feuerpause ist Teil von Gesprächen, die die Führung in Kiew und die Aufständischen planen. Es ist unklar, ob ein für diesen Samstag geplantes Treffen unter Vermittlung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) zustande kommt.

Am Samstag befahl Poroschenko laut Angaben auf seiner offiziellen Website, die ukrainische Flagge über dem Rathaus von Slowjansk, der bisherigen Basis der Rebellen im Zentrum der Stadt, zu hissen.

Karte

Moritz Gathmann/bor/AFP/dpa/Reuters/AP

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Fläche: 603.700 km²
(inklusive der Krim, die seit 2014 von Russland annektiert ist)

Bevölkerung: 45,363 Mio.

Hauptstadt: Kiew

Staatsoberhaupt:
Petro Poroschenko

Regierungschef: Volodymyr Hroisman

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