Ukraine nach der Revolution Die Schlacht gewonnen, den Frieden verloren

Vor zwei Jahren siegte in Kiew die Revolution. Erkauft wurde der Umsturz mit hohem Blutzoll. Doch wofür? Nicht Freiheit herrscht heute in der Ukraine, sondern die Oligarchie.

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Die Stimmung im revolutionären Kiew Ende Februar 2014 war euphorisch. Doch der Sieg hatte nach den wochenlangen Straßenkämpfen einen bitteren Beigeschmack. Zehntausende Menschen auf dem Maidan Nesaleschnosti, dem Platz der Unabhängigkeit, bejubelten die Flucht des korrupten Präsidenten Wiktor Janukowytsch. Gleichzeitig trugen sie, begleitet von Trauergesängen, die Särge von Dutzenden Maidan-Kämpfern über den Platz. Die Revolution forderte über hundert Menschenleben, darunter die von mindestens 16 Polizisten. Der Maidan fand einen eigenen Namen für die Opfer: die "himmlische Hundertschaft."

Es war der hohe Blutzoll, dieser so hart erkämpfte Sieg, der den Menschen die Hoffnung gab, dass es diesmal anders kommen würde, anders als nach der unblutigen Orangen Revolution von 2004. Damals hatten sich die politischen Sieger in den folgenden Jahren in Grabenkämpfen zerschlissen. Das Volk resignierte, das Land stagnierte, 2010 kehrte der schon geschlagene Janukowytsch in den Präsidentenpalast zurück.

Oligarchen und Politiker, aufs Engste verbandelt

"Dafür ist die himmlische Hundertschaft nicht gestorben", hört man seitdem immer wieder in der Ukraine. Es ist der immer resignierter klingende Kommentar zur ukrainischen Wirklichkeit. Die besteht aus einer desolaten Wirtschaft und ungebrochen florierender Korruption. Und das, obwohl ukrainische Politiker, egal welcher Couleur, in ihren Reden Tag für Tag eine europäische Ukraine ohne "korupzija" versprechen.

Gerade in den Wochen vor dem Jahrestag mussten die Ukrainer wieder erkennen: Wie eh und je sind Oligarchen und Politiker aufs Engste miteinander verbandelt. Sie nutzen ihre Macht nicht zum Wohl des Landes, sondern um die Wirtschaftszweige untereinander aufzuteilen. Wer kontrolliert das Gas, wer den Uran-Export, wer den Hafen von Odessa? Diese Fragen interessieren die Elite hinter den Kulissen.

Die nach der Revolution neu formierten politischen Parteien sind reiner Etikettenschwindel. Oligarchen kontrollieren weiter einzelne Gruppen von Abgeordneten. Ihre Stimmen sind die Währung, mit der im politischen Geschäft bezahlt wird. Das zeigt sich eindrucksvoll an der aktuellen Regierungskrise.

Lange zögerte der Westen, die Dinge beim Namen zu nennen: Schließlich kämpfte die Ukraine gegen von Russland unterstützte Separatisten um den Erhalt des Staatsgebiets. Aber die harschen Reaktionen auf die jüngsten Ministerrücktritte aus Washington, Berlin und Paris zeigen: Nach zwei Jahren ist man auch hier mit der Geduld am Ende.

Die Fortsetzung der Revolution

Nicht müde werden westliche Politiker dagegen, zur "Stärkung der ukrainischen Zivilgesellschaft" aufzurufen. Aber die Ukrainer müssen gerade erkennen, dass das nicht genug ist. Das ehrenamtliche Engagement in der Ukraine boomt, Hunderttausende Ukrainer helfen den Soldaten an der Front, kranken Kindern und alten Leuten. Es gibt Organisationen, die Korruption von Beamten und Politikern aufdecken und den Reformprozess kritisch begleiten. Journalisten versuchen, mit neuen Medienprojekten objektiven, nicht interessengeleiteten Journalismus zu betreiben. Eine Handvoll von Abgeordneten, die sich auf der Welle des Maidan ins Parlament wählen ließen, kämpfen nun mit Wort und Tat gegen die Imitation der Demokratie. Und es gibt radikale Gruppen wie den Rechten Sektor, die durch die Straßen marschieren, "Ruhm der Ukraine" brüllen und mit der nächsten Maidan-Revolution drohen.

Die Freiwilligenkultur ist die Fortsetzung der Revolution mit anderen Mitteln: Hunderttausende kamen ins Kiewer Zentrum nicht nur, um zu demonstrieren. Sie schmierten Schmalzbrote, schenkten Tee aus, hielten in der Nacht Wache, warfen Molotowcocktails und machten Musik - und das alles freiwillig. An dieses berauschende Gefühl kann sich jeder erinnern, der auf dem Maidan war.

Aber so ist kein Staat zu machen. Solange Parteien, staatliche Institutionen und Fernsehsender Instrumente in den Händen der Oligarchen bleiben, wird sich dieses Land nicht verändern. Die Erinnerung der politischen Elite an die "Himmlische Hundertschaft" und daran, wie das Vorgängerregime in Panik die Koffer packen und aus dem Land floh, ist zwei Jahre nach dem blutigen Februar offenbar verblasst.

Zum Autor
  • Privat
    Moritz Gathmann berichtet regelmäßig aus der Ukraine und Russland für SPIEGEL ONLINE und den SPIEGEL.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 52 Beiträge
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Seite 1
ketzer2000 23.02.2016
1. Von vorne herein absehbar!
Das System in der Ukraine war korrupt und ist heute wieder korrupt. Die Proteste auf dem Maidan war letztlich eine vom Westen gesteuerte Protestbewegung der Unzufriedenen ohne eigene Führungsfigur und damit zum Scheitern verurteilt. Gewonnen hat der Westen damit nichts, sondern durch die Sanktionen ist Russland nicht mehr Partner des Westens. Verloren haben die Bürger der Ukraine, die heute schlechter dastehen als zuvor.
erik93_de 23.02.2016
2. Grosse Überraschung!
Oligarchen stürzen, flankiert von ein paar telegenen jugendlichen Bürgerrechtlern aus gutem Haus und mit Internet einerseits und recht braunen, dafür bewaffneten Nationalisten andererseits ihren Präsidenten... Halt, wollen wir mal Nulands 4Mrd U$D Revolutionsanschubshilfe nicht vergessen... Und heraus kommt: Oligarchenherrschaft. Oh Spiegelredakteure! So viel Weltfremdheit muß doch schon weh tun?
erzrotti 23.02.2016
3. Die Ukraine
...hat sich angepasst. Was hier in der europäischen Wirklichkeit die Konzerne mit ihren Lobbytentakeln sind, das machen dort die Oligarchen. Der Schokooligarch ist nun der lupenreine Demokrat. Nur dass die Mörder und Auftaggeber vom Maidan noch nicht gefunden wurden ist komisch! Aber vielleicht liefert Putin in dieser Sache... Was auch und tragischerweise ausgeblendet wird, ist die Tatsache, dass hier ein ein frei gewählter Präsident gestürzt wurde! Und das nur, weil er nicht zum Westen wollte! Das schöne daran ist, dass dafür nun zuerst die bezahlen, die sich als willige Instrumente für den Umsturz missbrauchen ließen. Die kleinen Sünden straft....
colonium 23.02.2016
4. Viel zu kurz gesprungen....
Als Deutscher mit jüdischen Wurzeln, und verheiratet mit einer ukrainischen Jüdin aus Lugansk, finde ich den Blickwinkel des Autors sehr einseitig, um es vorsichtig zu formulieren. Der Maidan war zu Begin in der Tat ein zivilgesellschaftliches Projekt von ehrenwerten Demokraten, aber in der späteren Phase des Maidan, wurden tausende "nationalistische" Protestierer, um es zurückhaltend zu formulieren, manche sagen auch viele rechtsextreme, aus den rechtsextremen Hochburgen der Westukraine, Lviv und ternopil, mit Bussen von den westukrainischen Oligarchen nach Kiew gekarrt. Meine Frau, selbstaus der Ostukraine hatte zu Beginn durchaus Symphatie für die Demokratiebestrebungen und so machten wir uns im Januar auf zum Maidan. Aber wir sahen überall auf dem Maidan Poster des Massenmörder and Juden und Polen, Stephan Bandera, und eine Art Maidanpolizei der rechten Sektors und der Swoboda. Die "himmlischen 100" und der Maidan in der Endphase, diese Wahrheit verweigert der Autor, war maßgeblich getragen von rechtsextremen Antidemokraten und nicht mehr von den ehrenwerten Demokraten des Anfangs der Proteste. Und die 9000 Toten in der Ostukraine verweigert der Autor auch. Dort kämpfen auch "Freiwillige". Zumeist rechtsradikale Fanatiker des Azov Regiments und anderer rechter Gruppen. Dies ist das eigentliche Scheitern der ukrainischen "Revolution"...
überallzuhause 23.02.2016
5. ihr rätselt über den Grund?
Man muss nicht über den Grund rätseln, warum jetzt nur Oligarchen profitieren...der Grund ist denkbar einfach. die sogenannte "Revolution" wurde maßgeblich von den Oligarchen finanziert und organisiert. oder was glaubt ihr, woher die Mittel für die wochenlangen Straßenblockaden und das ganze Inventar kamen? die Ansicht , dass dies alles "ehrenamtlich" von den einfachen Leuten kam, ist nur ein schönes Märchen.
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