Ukrainische Ex-Soldatin in Russland Plötzlich beim Erzfeind

Im Mai war Nadija Sawtschenko aus russischer Gefangenschaft entlassen worden, jetzt ist die ukrainische Ex-Soldatin zurück in Moskau. In der Heimat erregt das Misstrauen.

Nadija Sawtschenko
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Nadija Sawtschenko


Fast zwei Jahre saß die frühere ukrainische Soldatin Nadija Sawtschenko in Russland im Gefängnis. Per Hungerstreik kämpfte sie für ihre Freilassung. Ende Mai wurde sie schließlich gegen zwei russische Soldaten ausgetauscht und kehrte in ihre Heimat zurück. Wenige Monate ist das erst her, doch nun ist die heutige Politikerin völlig überraschend wieder da - in Moskau.

Die umstrittene ukrainische Abgeordnete ist als Prozessbeobachterin in die russische Hauptstadt gereist. Vor dem Obersten Gerichtshof verfolgte sie das Berufungsverfahren gegen zwei ukrainische Nationalisten. Sawtschenko gilt eigentlich als kremlfeindlich. Abgeordnetenkollegen in Kiew werfen der Ex-Soldatin nun vor, sie lasse sich von Moskau instrumentalisieren.

Vielen Mitgliedern der Obersten Rada der Ukraine sei die Einreise nach Russland verboten, sagte der Abgeordnete Borislaw Berjosa. Die Ausnahme für Sawtschenko sei auffällig: "Der Kreml lässt Ukrainer nur einreisen, um sein eigenes Spiel zu treiben. Wer hineingelassen wird, der wird auch ausgenutzt."

"Formal gesehen ist sie ein völlig freier Mensch", kommentierte ihr Anwalt Nikolai Polosow die Reise der Politikerin. Sawtschenkos Anwesenheit habe keine Auswirkungen auf den Prozess, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow. Ihm sei auch nicht bekannt, dass es Gespräche über einen möglichen Austausch der Häftlinge gegen in der Ukraine gefangene Russen gebe.

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Gespräche mit Angeklagten

Sawtschenko war in Russland wegen Mordes zu 22 Jahren Haft verurteilt worden. Die Behörden legten ihr den Tod zweier russischer Journalisten im Konfliktgebiet Ostukraine 2014 zur Last. Bei ihrer Rückkehr im Frühsommer wurde sie in der Ukraine als Volksheldin empfangen.

Sawtschenko sprach in einer Verhandlungspause auf Ukrainisch mit den Angeklagten Nikolai Karpjuk und Stanislaw Klych. Sie habe sich aber nicht öffentlich zum Prozess geäußert, meldeten russische Agenturen. Die beiden Ukrainer waren in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny zu 22,5 und 20 Jahren Haft verurteilt worden - und gingen in Berufung. Als Mitglieder der Nationalistengruppe UNA-UNSO sollen sie in den Neunzigerjahren mit Separatisten gegen russische Truppen gekämpft haben.

Wie die Sprecherin von Sawtschenko SPIEGEL ONLINE sagte, wird die Politikerin sofort nach Ende der Verhandlung in die Ukraine zurückkehren. Die Ex-Soldatin hat allerdings angekündigt, dass sie sich für die Freilassung anderer Ukrainer in russischer Gefangenschaft einsetzen will. Sehr zum Missfallen der Kiewer Regierung will sie auch das direkte Gespräch mit den prorussischen Separatisten in der Ostukraine suchen.

kev/AFP/dpa

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