Ukrainischer Nationalist Miroschnitschenko Putins liebster Feind

Igor Miroschnitschenko prügelt Journalisten, hetzt gegen Juden - und sitzt als Abgeordneter im ukrainischen Parlament. Der Nationalist liefert genau den Stoff, den die Kreml-Propaganda braucht, um die Maidan-Revolution zu verunglimpfen.

Von , Moskau 


Igor Miroschnitschenko gibt sich wie ein weltoffener Boheme: Die langen Locken trägt er gern offen, dazu Bluejeans. Er war mal Sportkommentator beim Fernsehen und Pressesprecher der ukrainischen Fußballnationalmannschaft. Zuviel Internationalität ist ihm trotzdem suspekt. Ausländische Fußballprofis würde er am liebsten aus der Ukraine ausweisen, weil sie angeblich "die ethnische Landkarte der Ukraine verändern".

Miroschnitschenko ist Abgeordneter der rechtsnationalen Partei "Swoboda" (Freiheit), ihr Vorsitzender Oleg Tjagnibok war einer der Anführer der Revolution des Maidan, er marschierte Seite an Seite mit Ex-Box-Weltmeister Vitali Klitschko und Arsenij Jazenjuk, jetzt Premierminister der Übergangsregierung.

Der Abgeordnete Miroschnitschenko hat Monate auf den Barrikaden ausgeharrt, auf dem "Euro-Maidan", benannt nach dem Unabhängigkeitsplatz im Zentrum von Kiew, und nach Europa, dem Sehnsuchtsort der großen Mehrheit der Demonstranten.

Miroschnitschenko aber hat ein eher taktisches Verhältnis zur europäischen Idee. "Die EU ist für uns die einzige Möglichkeit, um Russlands Einfluss abzuwehren", sagt er. Was seine Kameraden "homosexuelle Propaganda" nennen, würde aber auch er gern verbieten, wie Wladimir Putin es in Russland getan hat. Wenn er die Partner seiner Partei im Westen aufzählt, fallen Namen wie Marine Le Pen oder Fiamma Tricolore, so nennen sich Italiens Neofaschisten.

Geburtsfehler der ukrainischen Revolution

Der Swoboda-Funktionär sitzt im Medienausschuss des Parlaments, hat aber ein zweifelhaftes Verständnis von Pressefreiheit. Weil am Dienstag der Sender "Erster Nationaler Kanal" die Rede von Kreml-Chef Wladimir Putin übertrug samt anschließender Annexion der Krim, stürmte ein Partei-Kommando kurzerhand die Büros des Fernsehsenders,angeführt von Igor Miroschnitschenko. Er schlug, schubste und würgte den Chefredakteur, der wenig später seine Demission unterschrieb, natürlich gänzlich "freiwillig".

Der Übergriff wirft ein Schlaglicht auf einen Geburtsfehler der ukrainischen Revolution: Weil sie Wiktor Janukowitsch sonst kaum hätten stürzen können, ließen sich die Demokraten auf ein Bündnis mit den schlagkräftigen Nationalisten ein. Die sitzen nun mit am Kabinettstisch, Swoboda hat sich drei Ministerämter und den Posten des stellvertretenden Regierungschefs gesichert.

Parteichef Oleg Tjagnibok hat gelernt, sich in Sonntagsreden zur Demokratie zu bekennen und zur Einheit der Nation. Zweifel sind berechtigt. Das amerikanische Wiesenthal-Center führt Tjagnibok und Miroschnitschenko auf seiner Rangliste der Antisemiten auf Platz fünf.

Vor einem Jahr mischte Miroschnitschenko sich in eine Debatte über die Wurzeln der in der Ukraine geborenen US-Schauspielerin Mila Kunis ein. Sie sei gar keine Ukrainerin, sondern eine "Jiddin", schrieb er. Auf Ukrainisch klingt das nicht weniger antisemitisch als auf Deutsch, auch wenn er in Interviews heute gern das Gegenteil glauben machen will. Seine Partei fordert langjährige Haftstrafen für Ärzte, die Abtreibungen vornehmen. Lange zierte eine stilisierte Wolfsangel das Logo von Swoboda, ein Symbol, das auch bei Neonazis im Westen beliebt ist.

Bis 2004 nannten sich die radikalen Nationalisten Sozial-Nationale Partei der Ukraine, die begriffliche Nähe zu Hitlers Nationalsozialisten war durchaus beabsichtigt. In der vergangenen Woche bloggte ein führender Jungkader unter dem Pseudonym "Nachtigal88". Die Gruppe Nachtigall war während des Zweiten Weltkrieges ein Bataillon ukrainischer Freiwilliger, das mit der deutschen Wehrmacht gegen Stalin zog. 88 ist eine Chiffre, die in rechten Kreisen als "Heil Hitler" gelesen wird. Die Acht steht für das "H", den achten Buchstaben im Alphabet.

Miroschnitschenko ist für Putins Propagandisten unbezahlbar

Igor Miroschnitschenko ist Chef einer Einsatztruppe der Partei, die in der Ukraine "Spuren der russischen Besatzung" tilgt, ein Euphemismus für politisch motiviertes Vandalentum. Wenn die Polizei ihn festnehmen will, zückt er einfach seinen Abgeordnetenausweis. So war es im Februar 2013 in der Kleinstadt Achtyrka im Osten der Ukraine, als Miroschnitschenko gegenüber Polizisten auf seiner Immunität beharrte. Dann legte er dem russischen Revolutionsführer Lenin eine Stahltrosse um den Hals und gab seinen Getreuen den Befehl, die Statue niederzureißen. Im Dezember gelang ihnen der größte Coup: Sie stürzten auch das neun Meter hohe Lenin-Denkmal in der Hauptstadt Kiew.

Der ukrainische Nationalismus ist ein Phänomen vor allem im Westen des Landes. Wo dort Lenin-Statuen nicht schon längst gestürzt wurden, entledigt man sich ihrer heute leichten Herzens. Statt Lenin verehren hier viele Stepan Bandera. Der Nationalistenführer kämpfte für eine unabhängige Ukraine, war aber weder in der Wahl seiner Mittel noch der seiner Verbündeten wählerisch: Zeitweilig kämpfte er an der Seite der deutschen Besatzer gegen die Sowjets.

Der Gegenseite gilt Bandera als Faschist und kaltblütiger Mörder, der verantwortlich ist für Massaker mit Tausenden Toten, so sehen es die Russen. Aber "die Russen" sind im Falle der Ukraine nicht gleichbedeutend mit Moskau. Rund ein Drittel der 42 Millionen Einwohner spricht nicht nur Russisch, sondern fühlt auch so. Die Regionen im Osten des Landes sind noch stark sowjetisch geprägt, hier ist Lenin der Held und Bandera das Hassobjekt.

Wer der Ukraine aber das sowjetische Erbe mit Gewalt austreiben will wie Igor Miroschnitschenko, der nimmt die Spaltung des Landes billigend in Kauf.

Einem Mann spielt das ganz besonders in die Hände: Putin. Seit Monaten schon diskreditiert die Kreml-Propaganda die Maidan-Bewegung als "faschistischen Putsch". Dabei stellten nationalistische Kräfte wie Swoboda oder der "Rechte Sektor" stets nur eine Minderheit der Demonstranten, wenn auch eine schlagkräftige.

Miroschnitschenko ist für Putins Propagandisten unbezahlbar: Am Donnerstag meldeten alle großen Zeitungen seine Attacke auf den Fernseh-Chefredakteur. "Die neue Staatsmacht in der Ukraine macht kein Geheimnis mehr daraus, mit welchen Methoden sie die von der EU so erwünschten demokratischen Normen einführen wird", ätzt das Regierungsblatt "Rossijskaja Gaseta".

Gäbe es ihn nicht schon - der Kreml müsste einen Mann wie Miroschnitschenko erfinden.

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fördeanwohner 20.03.2014
1. -
Zitat von sysopYuri Kozyrev/ NOORIgor Miroschnitschenko prügelt Journalisten, hetzt gegen Juden - und sitzt als Abgeordneter im ukrainischen Parlament. Der Nationalist liefert genau den Stoff, den die Kreml-Propaganda braucht, um die Maidan-Revolution zu verunglimpfen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-nationalist-miroschnitschenko-ist-putins-liebster-feind-a-959878.html
Ja, so ist es leider. Es ist sehr schade, dass sich die anderen Parteien sich dieser rechten Gruppierung nicht haben entledigen können. Jedoch sollten sie sich schleunigst distanzieren, damit Russland der Vorwand entzogen wird, weiter in der Ukraine mitzumischen. Auch unsere Politiker sollten klarstellen, dass sie mit Leuten wie Miroschnitschenko nichts zu tun haben wollen. Trotzdem wäre es gut, wenn die Putin-Apologeten (schönes Wort übrigens;-)) auch die anderen im Blick behalten könnten und nicht immer nur von der "faschistischen Regierung der Ukraine" sprechen würden. Es braucht einfach noch etwas Zeit, bevor dort Ruhe und eine gewisse Ordnung einkehrt. Diese Zeit hat Russland der Ukraine leider nicht gegeben.
dergog 20.03.2014
2. optional
Und für diese Leute sollen wir den Kopf hin halten. Warten wir doch erst mal ab, was unter dem Strich herauskommt, nach den Wahlen in der Ukraine. Sollten diese Kräfte weiter zu viel Einfluss erhalten, sollte die EU diese Leute wie eine heiße Kartoffel fallen lassen. Sollen sie sich dann mit Putin auseinander setzen. Diese lupenreine Demokrat wird schon zeigen, wie Demokratie geht. Warten wir also, was nach den Wahlen im Mai rauskommt. Bis dahin Zurückhaltung und Erkenntnisse sammeln.
DJ Doena 20.03.2014
3.
Zitat von sysopYuri Kozyrev/ NOORIgor Miroschnitschenko prügelt Journalisten, hetzt gegen Juden - und sitzt als Abgeordneter im ukrainischen Parlament. Der Nationalist liefert genau den Stoff, den die Kreml-Propaganda braucht, um die Maidan-Revolution zu verunglimpfen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-nationalist-miroschnitschenko-ist-putins-liebster-feind-a-959878.html
Ach, das schafft sie auch ohne den, wenn man nur genau hinguckt/hingucken will. Stichpunkte Scharfschützen auf dem Maidan, parlamentarische Abstimmung unter Waffengewalt, ...
naimija93 20.03.2014
4. Öl ins Feuer
Zitat von sysopYuri Kozyrev/ NOORIgor Miroschnitschenko prügelt Journalisten, hetzt gegen Juden - und sitzt als Abgeordneter im ukrainischen Parlament. Der Nationalist liefert genau den Stoff, den die Kreml-Propaganda braucht, um die Maidan-Revolution zu verunglimpfen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-nationalist-miroschnitschenko-ist-putins-liebster-feind-a-959878.html
Genau das sind die Leute, die kein Gehirn haben und nicht überlegen, was sie anrichten. Gerade jetzt, wo die ukrainische Bevölkerung so unter Druck steht und gedemütigt wird, sollte solche Leute wie Miroschnitschenko nicht noch mehr Hass schüren. Wie kann so einerr im Parlament sitzen und auch noch Ministerposten haben? Unbegreiflich.....
Euro 20.03.2014
5. Nationalismus wo?
Die Ukraine steht momentan unverdient im Fokus des Interesses wenn es um Nationalismus geht. In Rußland ist er unter Putin Regierungsprogramm. Was soll also dieser Fingerzeig? Ich denke in allen ehemaligen Sowjetrepubliken und in Gebieten mit nichtrussischer Mehrheit sind nationalistische Parolen gegen die russische Hegemonie Programm. Zu Sowjetzeiten wurden Tendenzen in Richtung Unabhängigkeit unterdrückt, bestenfalls mit leeren Parolen übertüncht. Anschauungsunterricht kann man sich doch zur Zeit bei den Vorkommnissen auf der Krim holen. Was Putin da inszeniert ist purer Nationalismus.
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